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Buch; Grafik: K. PollnerAls ich sechzehn Jahre alt war, beschloss ich, später ein wissenschaftliches Standardwerk zu verfassen. Titel: Die paarige Gesellschaft. Ich sah das Buch vor mir, einen dicken Wälzer mit schlichtem Einband. Es würde mit seinen inneren Werten punkten und es würde sie hinwegfegen, die Idee, dass ein Mensch nur als Teil eines Paares vollständig sei. Ich saß auf meinem Fahrrad und formulierte feurige Thesen, die ich leider nicht notierte. Ich weiß aber noch, dass sie sehr überzeugend waren.

Meine Mutter hätte spöttisch gelacht, wenn ich ihr von dieser Idee erzählt hätte. Sie hätte es vorgezogen, wenn ich davon geträumt hätte, selbst bald als Teil eines Paares mein Leben zu verbringen. Natürlich sollte ich vorerst nur platonisch träumen, schwärmen nannte sie es, aber mich durchaus schon einstimmen auf eine spätere Ehe mit kirchlichem Segen. Ein Mädchen wartete auf einen Mann, der sie ins Leben führte, nicht darauf, ein staubiges Buch zu veröffentlichen, das die Welt auf den Kopf stellen sollte. Ich habe meiner Mutter natürlich nie etwas von meiner Idee erzählt. Sie fand mich ohnehin befremdlich.

Ich habe dieses Buch nie geschrieben, irgendwie verlor ich die Idee über dem Leben aus den Augen. Sie erschien mir auch immer weniger greifbar. Aber ich vergesse mein Standardwerk nicht. Ich weiß genau, wie es aussieht.

Inzwischen bin ich nicht mehr jung. Ich war glücklich als Teil eines Paares, ich war zufrieden, ich war unglücklich. Ich war auch alleine zufrieden, glücklich oder einsam. Ich kenne verschiedene Umstände des Lebens, Befindlichkeiten, Gefühlswelten. Ich könnte über die idealistischen Vorstellungen, die ich mit sechzehn Jahren hatte, spöttisch lachen. Stattdessen denke ich immer noch, es sollte dieses Buch geben.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was darin steht. Aber ich kann mir vorstellen, dass es gute Argumente gibt, warum das Ideal einer mehr oder weniger monogamen Zweierbeziehung eine Gesellschaft nicht unbedingt prägen sollte. Mir scheint, es geht viel Lebensenergie und Kreativität verloren, indem wir uns am Paar als Norm orientieren und dazu tendieren, andere Lebensweisen und Lebensphasen als mangelhaft zu empfinden. Freundschaften und Netzwerke tragen uns außerdem nicht weniger als Liebesbeziehungen, manchmal stabiler und nährender. Das ernsthaft anzuerkennen, würde einige „Wahrheiten“ in Frage stellen. Immer noch denke ich das. Oder immer wieder. Unabhängig von meinem eigenen momentanen Beziehungsstatus.

Vielleicht bin ich tatsächlich befremdlich; vielleicht bin ich nur hartnäckig in meinen Überzeugungen. Ich will mich vom Leben nicht von ihnen abbringen lassen, scheint mir. Wer weiß, vielleicht wird es eines Tages doch erscheinen, mein bahnbrechendes Werk. Und die Welt wird Kopf stehen. Wer „Die paarige Gesellschaft“ nicht gelesen hat, wird gar nicht mehr mitreden können.

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