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In den letzten Monaten befragte Mesembria circa 1000 Personen in Deutschland zur  Bedeutung der Uhrzeit neun Uhr dreißig in ihrem Leben (vgl. Frühstücksfernsehen und die Folgen). Der erste Zwischenbericht liegt nun zur weiteren Auswertung vor. Einzelne Aussagen werden in der nächsten Zeit anonymisiert hier öffentlich zugänglich gemacht.

Zielperson 31

Kritzeln; Grafik: K. PollnerMorgens um halb zehn tue ich eigentlich nichts Besonderes. Meist sitze ich um diese Zeit in Sitzungen und langweile mich. Warum ich zu so vielen Besprechungen gehen muss, weiß ich nicht. Mir ist klar, dass in einer größeren Institution zahlreiche Meetings sinnvoll sind. Schließlich sollte man Ziele setzen und sich darauf verständigen, wie man sie erreichen kann. Aber warum ich selbst dabei sein muss, verstehe ich nicht. Ich bin in keiner Entscheidungsposition. Ich tue nur meine Arbeit. Also, ich meine, ich nehme schon ernst, was ich zu tun habe, und versuche, meine Aufgaben möglichst sinnvoll und effizient zu erledigen, da treffe ich durchaus Entscheidungen im Kleinen. Aber ich habe gar nichts mit der Strategie unserer Institution zu tun.

Anfangs war ich ganz geschmeichelt, dass ich nicht nur willkommen auf so vielen Sitzungen war, sondern dass meine Anwesenheit sogar erwartet wurde. Ging ich einmal nicht hin, weil ich zu viele Vorgänge auf meinem Schreibtisch hatte, wurde ich zur Rede gestellt. Ich begriff, es ist Teil meiner Pflichten, all diese Termine wahrzunehmen. Und eigentlich ist es ja leicht verdientes Geld, auf einem Stuhl zu sitzen und ins Leere zu starren.

Nach und nach habe ich allerdings festgestellt, dass dieses Geld doch nicht so leicht verdient ist. Zwar ist es ein Leichtes, sich auf einem Stuhl aufrecht zu halten und einen interessierten Gesichtsausdruck zu zeigen, man kann es als Meditationsübung begreifen. Jedoch habe ich eine mangelhafte Monotonieresistenz. Verstehen Sie mich nicht falsch, was meine Vorgesetzten diskutieren, ist intelligent und durchdacht, mitunter kommt es zu schlagfertigen Auseinandersetzungen; die Sitzungen finden zudem auf Deutsch und Englisch statt, so dass ich auch sprachlich Abwechslung habe. Trotzdem fällt es mir sehr schwer zuzuhören. Ich habe mich gefragt, woran das liegt. Es kann nicht zu viel verlangt sein, schließlich erhalte ich dafür einen angemessenen Stundenlohn. Doch kaum sitze ich auf dem gepolsterten Konferenzstuhl, mit dem ich leicht schwingen kann – ein recht angenehmes Gefühl –, habe ich Probleme, die Augenlider offen zu halten. Ich sage mir, dass mich die Diskussion betrifft – es geht um die Zukunft meiner Abteilung, die Bewertung unserer Leistung, die Ausrichtung unserer Inhalte. Es sollte für mich von Belang sein, welchen Themen, Personen, Projekten ich zuarbeite. Doch eine Instanz in meinem Kopf beschließt mit dem Beginn der Sitzung, dass es sinnlos ist, der Diskussion zu folgen, und stiftet nach und nach mein gesamtes Bewusstsein an, sich aus dem Raum zurückzuziehen. Würde man mir plötzlich eine Frage stellen, ich würde auffliegen wie eine Schülerin, die im Matheunterricht aus dem Fenster sieht.

Allein, mir stellt niemand eine Frage. Würde ich von mir aus das Wort ergreifen, würde mir das zwar keiner verwehren, schließlich sind wir ja irgendwo der Demokratie verpflichtet, aber es würde konsternierte Blicke hervorrufen und mit Schweigen beantwortet werden. Nach meiner Wortmeldung würde zur Tagesordnung zurückgekehrt in der Hoffnung, nie wieder in diesem Rahmen von mir hören zu müssen. Wir sitzen alle in einer Runde, an einer Tafel, aber unsichtbar thronen manche auf goldenen Sesseln, manche sitzen auf geflochtenen Stühlen und manche hocken wie ich auf grob gezimmerten Schemeln.

Ob es verschenkte Lebenszeit ist? Nein, sie wird mir bezahlt. Mit jeder Minute, die ich im Sitzungsraum ertrage, kaufe ich mir ein Stück Überleben und Sorgenfreiheit. Andere Menschen müssen Mülltonnen leeren oder mit gefährlichen Säuren hantieren, ich muss nur sitzen und warten.

Ich habe meine Arbeitstechnik entwickelt. Ich drucke die Tagungsordnung aus, bringe einen Stift mit und beginne pünktlich mit der Sitzungseröffnung zu kritzeln. Monster, Augen, Schlingpflanzen, Tentakel und Blättergewirr sprießen aus dem Blatt und wachsen allmählich zusammen. Die Spur meines Stiftes berührt die Worte der Tagesordnung, sie zieht Kreise, teilt Buchstaben entzwei. Das Bild wird dichter und dunkler, ich arbeitete Schatten heraus mit grazilen Kreuzschraffierungen. Am Ende der Sitzung trage ich ein Produkt zurück an meinen Schreibtisch. Ich variiere die Farbe des Stiftes. Manchmal nehme ich mir ein Thema vor, an dem ich arbeiten möchte: Halbprofil, Hände, Rundungen, Schlagschatten.

Die Arbeitsblätter hefte ich ab. Sollte ich eines Tages nicht mehr in meinem Büro erscheinen, werden sie diese Ordner finden. Ich stelle mir vor, wie sie staunend durch die exotischen Zeichnungen blättern. Vielleicht werden sie sich dann an mich erinnern. Meine Zeichnungen sind eine Chronik des Instituts. Sie gehören mir nicht, denn ich wurde dafür bezahlt. Ich verstehe nicht, was die Zeichnungen mitteilen wollen, ich denke, den anderen wird es nicht anders gehen. Es sind Nachrichten aus dem Unbewussten, die schwer zu entschlüsseln sind. Aber ich bin überzeugt, dass das Gewirr der Linien einen Sinn ergibt, den zu erkennen wichtig wäre. Meine Aufzeichnungen sind mein Vermächtnis an meinen Arbeitgeber.

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