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Sprung; Grafik: K. Pollner„Schau, Arthur, schau!“ Mariella stand hoch aufgerichtet. Die linke Hand hielt einen Zipfel des Kleides weit über ihren Kopf. Der Wind ließ ihr eine rote Schwinge wachsen. „Schau, Arthur, schau!“

Arthur hielt den Kopf gesenkt und polierte die Spüle hinter dem Tresen. Nora saß im Dunkeln und blies Rauch durch die Nase. Claudia wartete ab.

Mariella sackte ein wenig in die Knie, dann spannte sie den Körper und sprang in einer Schraube seitlich in den Pool.

„Sie hat es tatsächlich getan“, sagte Claudia. Ein paar Hotelgäste applaudierten. Nora nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. Mariella tauchte durch den leuchtenden Pool. Ein graziler roter Schleierfisch. Sie tauchte am Rand auf. Die Haare klebten an ihrem Kopf.

„Arthur“, rief sie. „Ich bin gesprungen!“ Arthur blickte kurz auf, dann widmete er sich wieder der sauberen Spüle. Ein paar Gäste schenkten Mariella Anerkennung. Sie brachten ihr ein Bier.

„Schau, Arthur, schau“, dachte Claudia. „Schau, Mama, schau!“ Sie bewunderte Mariellas Eleganz und ihren Mut zur Show. Sie hätte das nie gewagt. Hätte sie es gewollt? Schau, Mama, schau. Sie hielt einen Kranz aus Gänseblümchen in der Hand. Mühevoll hatte sie mit dem Fingernagel die dünnen Stengel durchbohrt, um die Blumen zusammenzufügen. Einige Blüten waren zerdrückt, aber der Kranz hielt. Die Platten auf dem Gartenweg glühten. Sie musste von einem Fuß auf den anderen treten. „Schau, Mama!“

Die Mutter drehte kurz den Kopf und wandte sich gleich wieder ab. Sie telefonierte. Sie hatte den Apparat mit der extralangen Schnur bis zum Fensterbrett getragen, so dass sie auf der Terrasse im Liegestuhl sitzen und reden konnte. Schweißperlen liefen über ihre Schläfen nach unten. Sie fächerte sich mit dem Telefonnotizblock Luft zu. „Schau!“, rief Claudia, aber die Mutter reagierte nicht. Die Gänseblümchen fielen zu Boden. Sie lagen müde auf den Steinplatten. Claudia hob einen Fuß und ließ den Ballen auf die Blumen sinken. Sie zerdrückte sie zu Mus.

„Was soll das? Hör sofort damit auf!“, rief die Mutter.

Claudia drehte sich um und lief den Gartenweg entlang zum verbotenen Tor. Sie war ein braves Mädchen. Sie blieb in ihrem Freiraum, ohne dass man sie bewachen musste. Doch heute lief sie über die heißen Platten zum Tor. Der Türgriff endete in einer silbernen Kugel. Claudia fasste danach und zog. Das Tor sprang auf und öffnete die Welt.

Noch nie war Claudia alleine außerhalb des Gartens gewesen. Die Straße brütete in der Mittagshitze. Claudia rannte nach rechts. Der Asphalt war weich unter ihren Fußsohlen. An der Kreuzung stand hinter einer hohen Hecke das schuppige Haus von Tante Liese. Halb herabgelassene Rolladen ließen die Fenster schläfrig blinzeln. Sie würden Claudia nicht verraten.

Die Straße führte in die Ferne. Kein Zaun schützte Claudia vor der Fremde. Es konnte ein dunkles Auto kommen mit einem Schokoladenonkel darin. Er würde neben Claudia anhalten, das Fenster herunterkurbeln und ihr mit einer behandschuhten Hand einen Schokoladenriegel hinhalten. Einen Köder. Claudia wusste nicht, wie es geschehen würde, aber sobald sie nach der Schokolade griff, würde sie der Onkel in seinen Wagen ziehen, durch das Fenster vermutlich, und entführen. Sie wäre verschwunden. Weit weg.

„Willst du eine Schokolade?“ Tante Liese stand hinter Claudia. In Tante Lieses Garten wuchs kein Rasen. Es gab auch keine Beete, nur Beton und vertrocknete Pflanzen in einer steinernen Schale. Tante Liese griff in die Tasche ihrer Kittelschürze und holte etwas hervor, das sie Claudia in die Hand legte. Es war ein Osterei, eines von den kleinen ohne Füllung, die Claudia nicht besonders mochte.

Sie sagte Danke. Die Schokolade war an einigen Stellen durch das rote Stanniol gesickert. Das Ei fühlte sich warm und weich an. Hatte Tante Liese es seit Ostern in ihrem Kittel herumgetragen?

„Hier ist sie ja“, sagte die Mutter zu Tante Liese, umklammerte Claudias Unterarm und zerrte sie hinter sich her zum verbotenen Tor. „Wenn du so dumm bist, auf die Straße zu laufen, kannst du nie mehr im Garten spielen. Ich dachte, du wärest ein großes Mädchen. Geh auf dein Zimmer.“

Claudia schaute durch das Fenster zum Haus von Tante Liese. Die halb verdeckten Fenster blickten zurück. Das Schokoladenei schmolz in ihrer Hand. Sie leckte die Schokolade vom Stanniol. Auf der Terrasse telefonierte die Mutter. Ein dunkles Auto fuhr durch die Straße. Claudia weinte nicht.

Mariella fing Luft im weiten Rock ihres Kleides ein, drückte sie unter Wasser und ließ sich dann mit den Blasen nach oben treiben. „Ich bin ein Monster“, brüllte sie. Die Leute am Beckenrand lachten. Mariella schwamm zur Leiter. Ihr Gesicht sah klein und verfroren aus. Sie kletterte nach oben. Die roten Wirbel verwandelten sich in eine schwere, dunkle Schleppe, die sie nach unten ins Wasser zog. Mariella kämpfte sich hoch, stand am Beckenrand und wrang ihr Kleid aus. Der Ausschnitt war nach unten gerutscht und gab eine kleine, weiße Brust frei. Mariella wickelte den nassen Stoff um ihren Körper und ging auf ihr Zimmer. Arthur wischte noch einmal die Spüle trocken und schaute nicht auf.

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