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Schnitt

“Höchste Zeit!”

Dr. Glattner richtete eine grelle Lampe auf das Gesicht von Heiko Brand. Der kniff die Augen zusammen. 

“Genau so entsteht das”, sagte der Doktor. “Sie verzerren Ihr Gesicht und nun haben Sie Krähenfüße und Dackelfalten.”

“Na, vielen Dank”, sagte Herr Brand. 

“Es hat keinen Zweck, wenn ich Ihnen etwas vormache. Und gegen Dackel scheinen sie ja nichts zu haben. Wie heißt er denn?”

“Sie. Sie heißt Klothilde von Sangershausen.” Herr Brand streckte die Hand nach unten und streichelte Hildes weiches Ohr.

“Ein großer Name für einen kleinen Hund.” Dr. Glattners Lachen schepperte.

“Sie stammt aus einer berühmten Linie.”

“Apropos Linie, diese Querfalten auf Ihrer Stirn sollten Sie nicht länger vernachlässigen. Ich schlage vor, wir beginnen mit einer Grundstraffung. Danach sehen Sie zehn Jahre jünger aus. Wir müssen nur dran bleiben, damit sich keine tiefen Falten mehr entwickeln.”

“Ich wäre dann also Dauerpatient?”

“Reife Haut ist keine Krankheit. Aber wie ihr Auto sollten Sie auch Ihr Aussehen regelmäßig pflegen.” Ich 

“Das kostet doch ein Vermögen.”

“Nicht mehr, als es wert ist.”

Heiko Brand dachte an Paula. Es schien sie nicht zu stören, dass er dreiundzwanzig Jahre älter war. Aber er musste etwas tun, damit es dabei blieb. Natürlich ohne, dass sie es  bemerkte.  

“Diese Grundstraffung”, sagte er, “fällt das nicht auf?”

“Keineswegs”, antwortete der Arzt. “Vertrauen Sie mir!”

Dr. Glattner cremte nach der Operation zufrieden Hände und Gesicht mit seiner fruchtigen Spezialcreme ein. Heiko Brand würde ihm keinen Kunstfehler nachweisen können, aber mit Sicherheit würde Paula ihn verlassen. Sie hatte kein Problem mit Falten, aber mit schlecht gelifteten Gesichtern. Als Lebensgefährtin eines Schönheitschirurgen kannte sie sich aus.    

Dr. Glattner ließ niemanden an sich herumschnippeln. Er vertraute auf die Spezialcreme. Und auf seine Wehrhaftigkeit.  Paulas neuesten Liebhaber hatte er jedenfalls aus dem Feld geschlagen oder vielmehr geschnitten.


Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt erden. Die Wörter lauteten Dackelfalten, fruchtig und scheppern. Gespendet hat sie Frau Puzzleblume mit ihrem Blog Puzzle❀.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Frau Puzzleblume und Christiane!

Notizen aus der Zeit des Wartens

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Zu Beginn des langen Winters richteten wir uns zu Hause ein. Wir entdeckten komplizierte Gerichte, die wir stundenlang zubereiteten. Wir spielten, lasen, meditierten. Wir ermutigten uns gegenseitig. 

Wir winkten den Menschen vom Winterdienst und stellten ihnen heiße Getränke vor die Tür. Sie schoben ihre Gesichtsmasken kurz hoch, packten die Tassen mit dicken Handschuhpranken und tranken hastig, bevor sie weiterzogen. 

Wir hatten mit einigen Wochen gerechnet, doch der Winter blieb. Schneestürme fegten durch die Gärten. Eiskristalle funkelten an den blattlosen Ästen. 

Wir standen am Fenster. Wir kochten immer seltener. Wir stellten kaum noch heiße Getränke hinaus. Oft winkten wir nicht einmal, wenn der Winterdienst kam. 

Schließlich stellte sich ein trügerischer Frühling ein. Die Meteorologen warnten. Draußen würden wir sofort erfrieren. Wenn wir es schafften, uns ins Innere zu retteten, würden Eisblumen in unseren Lungenflügeln blühen. Sie würden uns den Atem rauben. 

Wir hörten zu. Doch draußen lockte die Sonne. Wir legten die Handflächen an die Fensterscheiben und suchten nach Wärme. Wir kniffen die Augen zusammen und hielten die Gesichter in die Sonne. 

Wir sahen Tote in den Nachrichten. Starr in einer Bewegung gebannt, die Gesichter übereist. Zweifel wurden laut. Hinter den Fenstern wärmte der Sonnenschein. War der Winter längst vorbei? Wollten sie uns mit Lügen ewig ins Haus verbannen?

Heute morgen lief eine von uns hinaus in den Garten. Sie trug eine Strickjacke über einem Frühlingskleid und eine dünne Strumpfhose. Nach wenigen Metern fiel sie zu Boden. Eis überzog sie wie eine Glasur. Ich half, sie vom Boden zu lösen. Nun wächst das Eis in meiner Lunge. 

Geduld ist eine harte Prüfung. Wir wissen nicht, ob wir sie bestehen werden. Der Sonne lockt uns in den Garten und unser Wunsch nach Frühling trübt den Verstand.    


Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt erden. Die Wörter lauteten Strickjacke, trügerisch und entdecken. Gespendet hat sie Sabine (auch als Frau Flumsel bekannt) mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Sabine und Christiane!

Diebische Gesellschaft

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Zetermordio schreit die Elster. Sie wühlt den Blumenkasten um. Erdbrocken fallen auf den Balkonboden. Sie schaut anklagend Richtung Balkontür. Der Schatten dahinter hat sie bestohlen, sie weiß es genau. Sie schreit wieder. Dann gräbt sie mit dem Schnabel noch tiefer.

Frau Zusel lacht. Jeden Tag kommt die Elster auf den Balkon. Ihr einziger Besuch zurzeit. Frau Zusel legt Schätze aus. Die Elster kann nicht widerstehen. Alles, was glitzert, hat es ihr angetan. Sie pirscht sich an, schaut sich misstrauisch um, schnappt nach dem Schatz und trägt ihn weg. 

Anfangs hat Frau Zusel die Schätze offen ausgelegt, dann immer versteckter. Erst lag ein Blatt über dem glitzernden Köder, dann stülpte sie ein Glas darüber, das die Elster umwerfen musste, um an das Schmuckstück zu gelangen. Den letzten Ring hat sie tief im Blumenkasten vergraben. 

Manchmal ertappt sie die Elster dabei, wie sie sie beim Verstecken der Beute beobachtet. Der Vogel sitzt hinter dem Schornstein und lugt daran vorbei. Dann wieder hockt er im hohen Baum und wendet Frau Zusel scheinbar uninteressiert den Rücken zu. Doch aus dem Augenwinkel hat er alles im Blick. 

Es ist ein Spiel und es scheint beiden zu gefallen.  

Frau Zusel arbeitet von zu Hause aus und ist zumeist allein. Eigentlich macht ihr das nichts aus. Aber sie vermisst es, ins Café zu gehen oder durch die Läden zu streifen. Kino und Theater, daran versucht sie gar nicht zu denken. Sie macht das Beste draus. 

Sie hat begonnen, Brot zu backen, und wieder damit aufgehört. Einen Brotteig kann sie kneten, er geht auf oder nicht, aber die Gespräche mit ihm sind ihr zu einseitig. Sie hat im Internet eine Webcam gefunden, die das Innere eines Cafés zeigt. Ein geöffnetes Café. Wie früher. Sie hat den Lautsprecher angeschlossen, damit der Sound satter ist. Ab und zu gurgelt die Espressomaschine, sonst sind die Geräusche gedämpft. Frau Zusel weiß nicht, ob die Szenen eine Inszenierung sind. Es ist ihr egal. Das echte Leben findet zurzeit nicht statt, also nimmt sie mit der Simulation vorlieb. 

Die Elster hackt verzweifelt auf die Erde im Blumenkasten ein. Frau Zusel hat ein schlechtes Gewissen. Sie dachte, die Elster sei nicht so leicht zu erschüttern. Doch sie ist vollkommen außer sich. Frau Zusel ist eine weichmütige Frau, die keine Elster leiden sehen kann. Sie zieht ihre orange Warnweste an – warum weiß sie selbst nicht, es ist eine ironische Geste ohne Publikum – und geht auf den Balkon. Sie muss die wütende Elster mit beiden Armen vom Balkonkasten scheuchen. Sie fischt den Ring aus der Westentasche und versenkt ihn in der Erde, aus der sie ihn vorher heimlich entfernt hat. Als sie sich umdreht, schaut sie der Elster direkt in die Augen. Sie duckt sich und rennt in die Wohnung zurück. Der eisige Blick der Elster folgt ihr. Dann springt die Elster auf den Blumenkasten, zieht mit einem Schwung den goldenen Ring hinaus und fliegt davon. 

Frau Zusel bleibt zerknirscht zurück. Wird die Elster ihr verzeihen? 


Diese ABC-Etüde ist eine Extraetüde. Fünf (hier sechs) der Wörter Zetermordio, weichmütig, backen, Lautsprecher, orange (NICHT die Frucht, die Farbe) und erschüttern. Gespendet haben sie spendeten Ludwig Zeidler und Ulrike von Blaupause7.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Ulrike, Ludwig und Christiane!

Bloggewichtelt: Kerstin Fricke zu Gast im Bodenlosz-Archiv

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Im besten Netzwerk der Welt Texttreff findet jedes Jahr ein Blogwichteln statt. Textinen schreiben Beiträge für die Blogs anderer Textinen. Diesmal hat mir Kerstin Fricke einen Beitrag zum neuen Jahr beschert. Hoffen wir, dass dieses Jahr seine To-do-Liste eifrig abarbeitet und die Wunden heilt, die uns das alte Jahr geschlagen hat. Einen guten Rutsch und herzlichen Dank für das Wichtelgeschenk, Kerstin!

Zur Autorin: Kerstin Fricke lebt und arbeitet in Berlin, wo sie Bücher, Comics und Computer-/Videospiele aus dem Englischen übersetzt oder lektoriert und somit ihre Hobbys zu ihrem Beruf gemacht hat. Mehr über ihre Arbeit findet man auf ihrer Webseite www.kf-uebersetzungen.de, während sie auf lass-den-wookie-gewinnen.de aus ihrem Arbeitsalltag plaudert und allerlei Nerdkram postet.

Und nun hat sie das Wort.

Neujahr

Neujahr schlug die Augen auf und kniff sie sofort wieder zu. Überall Blitze und Farben. Und erst dieser Lärm! Dazu hing auch noch ein seltsamer Geruch in der Luft. Was hatte das alles zu bedeuten? Vielleicht hätte ich diesen neuen Job besser doch nicht annehmen sollen … Neujahr schaute sich zaghaft um und entdeckte einen Brief auf dem Nachttisch neben dem Bett.

Hallo Neujahr,

Du wirst dich vielleicht über die vielen bunten Lichter und das laute Donnern wundern, aber auf diese Art wollen die Menschen Dich begrüßen. Kein Grund zur Sorge! Dies ist eben ihre Art, denn die meisten sind nicht ständig bierernst, sondern schlagen gern mal über die Stränge. Das ist übrigens eine Eigenschaft, die Du durchaus adoptieren könntest …

Aber jetzt schlaf einfach noch ein bisschen; ich habe Dir ein Paar Ohrstöpsel hingelegt, damit das auch klappt.

Alles Liebe

Dein Vorgänger

„Wenn das so ist …“, dachte Neujahr, stopfte sich die Ohrstöpsel in die Ohren, kuschelte sich in die warme Decke und schlummerte noch ein Weilchen.

Als Neujahr das nächste Mal zaghaft die Augenlider aufschlug, war alles ruhig. Jetzt wurde es Zeit, die neue Wirkungsstätte zu erkunden. Und was es da alles zu sehen gab: verschneite Hänge, bunte Blumenwiesen, tiefe Meere, hohe Berggipfel und noch so viel mehr. Mancherorts wurde es bereits dunkel, während der Tag in anderen Gegenden eben erst anbrach.

Zudem kreuchte und fleuchte es allerorten! Neujahr bestaunte die vielen Tiere, die es in allen nur denkbaren Größen und seltsamen Formen zu geben schien – und sie waren einfach überall! Und erst die ganzen Menschen, von denen auch kaum einer dem anderen glich. Zumindest die, die heute auf die Welt gekommen waren, wollte Neujahr während der Schicht ein bisschen genauer im Auge behalten und trug es gleich in die Agenda ein.

Doch einiges lag auch im Argen, und Neujahr erkannte, dass es jede Menge zu tun gab und ein ganzer Arbeitsberg vom Vorgänger liegen geblieben war. Dabei hatte sich Neujahr längst eine beachtliche To-do-Liste zusammengestellt und auch jede Menge gute Vorsätze gefasst.

„Nun denn!“, sagte Neujahr laut und krempelte tatkräftig die Ärmel hoch. „Genug des Zeitvertreibs. Packen wir’s an!“

Bloggewichtelt: Frau Bodenlosz zu Gast bei Ferngeweht

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Im besten Netzwerk der Welt Texttreff findet jedes Jahr ein Blogwichteln statt. Textinen schreiben Beiträge für die Blogs anderer Textinen. Ich durfte diesmal zu Sabine Olschners Blog Ferngeweht beitragen. Ich liebe es, im Zug durch die Landschaft zu schweben oder auch zu rumpeln, und dass das im Moment nicht so angesagt ist, finde ich ganz schön belastend. Umso mehr schwelge ich in Erinnerungen und freue mich auf zukünftige Erlebnisse in vollgepackten, überhitzten Abteilen voller Kleinkinder und betrunkener Kegelklubmitglieder. Mehr dazu in meinem Beitrag Ferngerollt: Frau Bodenlosz fährt Zug.