Fallen und finden

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Wollphilosophie; Grafik: K. Pollner„Glück ist ein leeres Versprechen“, sagt Margot. „Es gibt nur Abfallglück.“

Heute ist also ein Tag fürs Philosophieren, denkt Inge und konzentriert sich auf die Ferse der Socke.

„Du findest, ich bin defätistisch? Ich sehe, was ist. Wer dem Glück nachjagt, wird leiden.“

Trotz aller Sorgfalt ist eine Masche gefallen. Inge sucht nach ihr. Sie will das Werkstück retten. Es wäre schade um die teure Wolle, die ohne Zutun ein Ringelmuster auf den Socken erscheinen lässt.

„Glück hat ein Verfallsdatum. Kaum stellt es sich ein, beginnt es zu faulen. Die Beteiligten sind unschuldig. Sie können das Glück nicht konservieren. Glück aus der Dose, wer wollte das schon.“

Inge hat die verlorene Masche gefunden. Reihe um Reihe hebt sie die Schlinge hoch.

„Doch gibt es die verlorenen Splitter, die Funken von Glück, die einem in den Schoß fallen, bevor sie zerstieben. Vollkommenheit für einen Augenblick.“

Die Masche ist oben angekommen. Inge streicht über die gleichmäßige Struktur der halb fertigen Socke. Befriedigung erfüllt sie. Oder ist es Glück?

„Und das ist alles, was der Mensch erstreben kann“, schließt Margot und kippt den Eierlikör.


Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen drei Wörter vor, aus denen ein kurzer Text, eine ABC-Etüde, zu schreiben ist. Der Text darf nicht mehr als 300 Wörter lang sein.

Die Wörter für die Textwochen 02/03 des Schreibjahres 2019 spendete Ludwig Zeidler. Sie lauten: Abfallglück, Verfallsdatum und unschuldig.

Vielen Dank an Christiane und den edlen Spender!

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Quest

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2B02BE56-6E5B-43CE-8CF2-FD271DC65E15Eisregen landet auf ihrer Stirn, schmilzt und rinnt über ihr Gesicht. Sommersprossen aus Kälte, die vergehen, indem sie entstehen — Kategorie einundsiebzig.

Im Land der Trockenheit erzählten die Alten vom Trommeln schwerer Tropfen. Von Flüssen, die die Ebene schluckten. Von schwerer, satter Erde. Vom See aus Gras und Blüten, der erschien und zerging. Von Linien, die die Erde in Stücke rissen und zerfielen. Bis nur der Staub blieb, der die Füße puderte und in den Augen brannte. 

Das Wasser hatte sich tief in den Boden verkrochen. Nur noch trockene Äste und Dornen trugen die Büsche. Das Vieh dorrte aus und viele Kinder starben, bevor sie ihr erstes Wort sprechen konnten.

Die Jungen zogen in die Ferne, Regen zu suchen. Keiner kehrte zurück.

Sie war das erste Mädchen, das über den Sand geschickt wurde. Der Schatz hieß Überleben. Er wartete auf sie unter dem Regenbogen.

Damals wusste sie nichts von den Bändern aus Farbe, die der Himmel spannt. Jetzt, im Land des Wassers, hält sie Ausschau nach den Zeichen. Sie folgt ihnen, aber sie läuft nie schnell genug, um den Regenbogen zu erreichen, bevor er verblasst.

Sie studiert den Regen. Lässt ihn auf Händen und Gesicht landen, schmeckt und betrachtet ihn. Meist sind die Tropfen transparent, doch manchmal bluten die Wolken. Sie tragen roten Sand mit sich, Sand aus dem Land der Trockenheit. Die roten Tränen mahnen sie, nicht stehenzubleiben.

Sie geht weiter. Eine Flocke streift ihre Wange. Einsetzender Schneefall — Kategorie einhundertunddrei.


 

Eine ABC-Etüde zwischen den Jahren. Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen drei Wörter vor, aus denen ein kurzer Text zu schreiben ist. Der Text darf nicht mehr als 300 Wörter lang sein.

Die Wörter stiftete dergl von „Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel“. Sie lauteten: Regenbogentransparent und bluten.

Vielen Dank an Christiane und die Spenderin!

Weinen Sie wie ein Mann, Madame!

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Meine Netzwerkkollegin Heide Liebmann schlug eine besondere Aktion vor: eine Oldies but Goldies Advents-Blogparade. Dabei bekommen alte Blogbeiträge, eine zweite Chance, gelesen zu werden.
Eine prima Sache, an der ich mich gerne beteilige, denn in den hinteren Ecken des Bodenlosz-Archivs verstecken sich inzwischen einige Schätze, die wieder ans Tageslicht kommen sollten.
Hier ist mein Beitrag (vom 26. Juli 2013) zu Heides Blogparade – über Männer und Frauen, Unscheinbarkeit, Wertschätzung, jede Menge Tränen und last, but not least Dustin Hoffman.

Tränen; Grafik: K. PollnerIm Internet kursiert ein Video, in dem Dustin Hoffman weint. Er erinnert sich, wie er schon einmal weinen musste, als er sich auf den Film Tootsie vorbereitete. Er sah sich als Frau und war enttäuscht, dass er nicht schöner war. Und als er spürte, wie es war, eine nicht so schöne Frau zu sein, kamen ihm die Tränen. Er wusste, dass er selbst eine Tootsie nicht beachten würde. Eine unscheinbare Frau musste uninteressant sein. Doch Tootsie kannte er von innen und sie war ein toller Mensch. Er erkannte das Ausmaß der Gehirnwäsche, die er erfahren hatte, und brach also in Tränen aus. Und da es sich nun mal um Dustin Hoffman handelt, tat er das äußerst ergreifend.
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Nachtgespinst

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Fußabdruck; Grafik: K. PollnerSie war während der Verfolgungsjagd eingeschlafen. Jetzt erläuterte ein bärtiger Professor die Funktionsweise mittelalterlicher Zugbrücken. Sie würde nie erfahren, wer der Mörder war.

Sie fischte in der Sofaritze nach der Fernbedienung. Wie sie ihren Lebensstil verachtete. Abends aß sie vor dem Fernseher und schlief ein. Sie fühlte sich schmutzig und sündig. Ihr Leben entgleist, ihr Zeitgefühl verrückt.

Sie musste schlafen. Sie tastete sich zum Bad und putzte ihre Zähne.

Etwas lief über das Dach. Sie hielt inne. Es war still.

Sie spülte den Mund aus und stand. Ihre Ohren scannten die Nacht. Nichts. Dann Schritte. Ein Tier?

Sie folgte der Spur über ihrem Kopf durch die Wohnung. Wieder Stille. Sie trat auf die Terrasse.

Das Dach glasiert von Raureif. Hineingeschmolzen eine dunkle Fährte bloßer Füße. Lief auf sie zu und verblasste vor dem Zweifel. War nicht von ihrer Welt.

Oder sie selbst war aus der Welt hinausgestürzt in die Unmöglichkeit.


 

Eine verspätete ABC-Etüde nach neuem Muster. Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen drei Wörter vor, aus denen ein kurzer Text zu schreiben ist. Der Text darf nicht mehr als 300 (meine eigene Regel: 150) Wörter lang sein.

Die Wörter stiftete Yvonne von umgeBUCHt. Sie lauteten:  Raureif, sündig und verrücken.

Vielen Dank an Christiane und die Spenderin!