Unter dem Gletscher

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Im Fernseher schmolz der Similaungletscher. Bild für Bild waren die Menschen moderner gekleidet und das Eis rückte weiter in die Ferne. Kein Zweifel, bald würde von dem Gletscher nur noch ein kläglicher Rest übrig sein. Und von den Menschen?

Sie stellte die Sendung aus. Sie wollte sich nicht Tag für Tag damit befassen. Was konnte sie schon dagegen tun. Sie saß hilflos in der Stube und ließ die Bilder an sich vorüberziehen.

Sie hatte alle möglichen Petitionen unterschrieben, eine Solaranlage aufgestellt und eine Dachbegrünung beauftragt. 

Auto fuhr sie ohnehin keines. Nur die Landärztin kam motorisiert zu ihr, daran trug sie Mitverantwortung. Entziehen konnte sie sich nicht. Was sie kaufte, was sie aß, was sie am Leibe trug, alles hatte eine Reise hinter sich, alles zog einen Schweif aus Müll und Dreck und Elend hinter sich her. Außer die wurmstichigen Äpfel aus dem Garten. Und selbst die hatten die Enkel gepflückt, nachdem sie sich im Auto oder mit dem Motorrad die Serpentinenstraße emporgewunden hatten.

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Mitbringsel

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Die „Silberdistel“ an der Ecke war geschlossen. So war das in diesem Viertel, die kleinen, feinen Lädchen machten um sechs Uhr abends Feierabend. Warum hatte sie nicht damit gerechnet? 

Die Blumen in der Silberdistel leuchteten übernatürlich schön im geschickt inszenierten Licht. Drei dieser faustgroßen Freilandrosen wären angemessen gewesen, geschmackvoll und kultiviert. Aber sie schaute nur durch das Fenster ins Paradies.

Sie war knapp dran. Sie wollte nicht als Letzte kommen und vor aller Augen ihr Verlegenheitsgeschenk überreichen. 

Die anderen schienen immer souverän, obwohl sie über Unsicherheit klagten. 

„Ich hatte gar keine Zeit, nicht einmal meine Haare kämmen konnte ich“, sagten sie, strichen eine einzelne Strähne zurück und sahen aus wie aus dem Ei gepellt. Sie brachten Köstlichkeiten mit, herzhafte Leckerbissen, Früchte aus dem eigenen Garten oder selbst gebackenes Brot. 

Sie fühlte sich daneben zerrupft und verwildert. Und untüchtig natürlich. Nicht dass die anderen Kritik geäußert hätten. Die Gastgeberinnen bedankten sich stets freundlich für Supermarktblumen und abgepacktes Gebäck. All das, was sie auf die Schnelle aufgetrieben hatte, um nicht mit leeren Händen dazustehen.    

Doch heute war der Tiefpunkt. Sie hatte auf die Silberdistel vertraut und diese hatte sie im Stich gelassen. 

Sie löste den Blick von den prachtvollen Blumen hinter Glas. Ein paar Häuser weiter war sie angekommen. Sie setzte schon im Treppenhaus ein Lächeln auf und zog das Päckchen aus der Tasche. 

Die Gastgeberin strahlte. „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“

Das Geschenkpapier war neutral gehalten. Es sah tadellos aus. Das Kräuselband saß stramm. Dabei war das Päckchen mit Sicherheit schon durch viele Hände gegangen. Wer weiß, ob die Pralinen noch genießbar waren. Was, wenn das Päckchen sogar nur eine Mogelpackung war wie die Buchattrappen im Möbelhaus? Es blieb ihr nur zu hoffen, dass es ungeöffnet zur nächsten Person wandern würde. 


Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt werden. Die Wörter lauteten Praline, herzhaft und wandern. Gestiftet hat sie diesmal Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Herzlichen Dank für die Inspiration, Monika und Christiane!

Expedition

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An ant is crawling over a structured surface-

Eine verwegene Ameise kletterte über die Picknickdecke. Immer wieder hing sie fest an einer flauschigen Faser, fiel herab, fand keinen Weg durch den Polyesterdschungel. Doch sie ließ sich nicht beirren.

Vielleicht hatte sie etwas zu beweisen, dachte Corinna. Die anderen trauten ihr nicht zu, einen Beitrag zu leisten. Wenn diese Ameise mit einem großen Brocken Kuchen oder Zuckerguß zurück ins Nest käme, dann würde sie endlich Anerkennung finden.

Wenn das mal so einfach wäre.

Corinna feuerte die Ameise dennoch an. Einen Versuch war es wert. Wer weiß, ob ein Ameisenvolk nicht Beifall spendete, wenn eine von ihnen etwas Besonderes geschafft hatte.

Es könnte ein Wettbewerb sein. Die Ameisenkönigin selbst hatte vielleicht die stärksten und mutigsten unter ihren Arbeiterinnen ausgesendet, um nach neuen Nahrungsquellen zu recherchieren. Vielleicht war diese Ameise längst eine Heldin, von der den kleinen Ameisen erzählt wurde.

Wäre Corinna gerne eine Heldin gewesen? Sie wünschte sich, dass jemand an sie glaubte. Dass jemand auf sie setzte und ihr Herausforderungen stellte. Oder wenigstens zur Kenntnis nahm, welche Meilensteine sie erreichte.

Auch sie kämpfte sich durch dichtes Geäst. Sie verzweifelte, musste umkehren und wieder neu ansetzen, gab auf und ging doch weiter. Aber wenn sie dann einen Krümel gefunden hatte, drehte sie sich um und stellte fest, es interessierte niemanden.

Allerdings hatte sie hatte sich selbst auf diese Spur gesetzt und wollte nicht mehr davon ablassen.

„Warum schreibst du keine Krimis?“ hatten sie gesagt. „Gedichte will niemand lesen. Wenn es dich glücklich macht, dann schwelge in Lyrik, aber du solltest dir selbst genügen.“

Jahr um Jahr legte sie den anderen ihre schönsten Krümel in den Weg und wartete darauf, dass eine innehielt, dass eine nicht einfach um das Hindernis herumkrabbelte und weitereilte.

War sie sich selbst genug?


Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt werden. Die Wörter lauteten Picknickdecke, verwegen und recherchieren. Gestiftet hat sie diesmal Ellen mit ihrem Blog nellindreams.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Herzlichen Dank für die Inspiration, Ellen und Christiane!

Salongespräche

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„Ich mag die nicht“, sagte Frau Meinel. „Die ist aus der Baracke!“

„Das ist doch ihre Zimmernachbarin.“

„Man sieht der die Baracke an. Ein barfüßiges Luder ist und bleibt sie.“

„Kennen Sie sich von früher?“

„Ich kenn solche nicht.“

Die Meinel wendete umständlich mit dem Rollator. Die Pflegerin half nicht, behielt sie aber im Blick, falls sie das Gleichgewicht verlieren sollte.

„Alte Nazi-Schlampe“, sagte die Schneider.

„Ich muss doch sehr bitten“, meinte die Pflegerin.

„Sie doch nicht, die Meinel.“

„Nicht in diesem Tonfall bitte!“

„Wir können noch ganz anders, Fräulein.“

„Frau bitte“, sagte die Pflegerin.

„Frau! Die ist ein halbes Kind“, zischte die Meinel. Sie schob den Rollator im Schneckentempo den Gang entlang. 

„Da sehen Sie‘s“, sagte die Schneider. „Keinen Respekt. Wenn sie die Wahl hätte, würde sie sich von einer wie ihnen nicht den Po abwischen lassen.“

„Einer wie mir?“, fragte die Pflegerin.

„Na, Sie wissen doch.“

„Nein.“

„Einer, die nicht von hier kommt.“

„Stimmt, ich bin in Hannover aufgewachsen. Sie und Frau Meinel allerdings, Sie stammen nicht von hier.“

„Jetzt werd mal nicht frech, Fräulein.“

„Sie haben beide einen starken Akzent.“

„Das sind alte deutsche Dialekte.“

„Schön“, sagte die Pflegerin. „Da haben Sie ja eine Gemeinsamkeit. Vielleicht kommen Sie doch noch ins Gespräch.“ 

Frau Meinel drehte den Kopf. „Bevor ich mit der rede, unterhalte ich mich sogar mit dem Personal.“

„Wie mich das freut, euer Hochwohlgeboren“, murmelte die Pflegerin.

„Tatsächlich war meine Mutter von Geburt adelig“, sagte die Meinel. Ihr Gehör war immer noch ausgezeichnet.

„Der Kaffee ist übrigens lau, Fräulein“, sagte die Schneider.

„Oh je, was ist dem widerfahren“, sagte die Pflegerin. „Eben war er doch zu heiß.“

„Das Personal hier ist das letzte“, rief die Meinel.

„Willkommen in unserem gemütlichen Aufenthaltsbereich“, sagte die Heimleiterin. „Hier findet Ihre Mutter sicher Anschluss.“


Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt erden. Die Wörter lauteten Baracke, lau und widerfahren. Gestiftet hat sie diesmal Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Herzlichen Dank für die Inspiration, Bernd und Christiane!

Lächelnd

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Sie ritt die Pirouette immer rechtsdrehend. Es lag nicht an Archimedes, ihrem prächtigen Schimmel. Auch auf jedem anderen Pferd drehte sie nur rechtsherum, während sich Archimedes unter dem Reitlehrer bereitwillig in beide Richtungen herumwarf. 

Der Reitlehrer seufzte und raufte sich die Haare. Immer wieder gab er den Befehl, aber das Fräulein von Bernstein hielt sich nicht daran. 

Dabei waren ihre Pirouetten abgesehen davon perfekt. Archimedes hob und senkte sich in regelmäßigem Rhythmus. Seine Hinterbeine arbeiteten mit aller Kraft. Er drehte sich sauber auf der Stelle wie aus dem Lehrbuch.

Nur eben immer rechtsherum. 

So würde das Fräulein niemals bei einem Turnier antreten können. Das gefiel ihrem Vater nicht. Der investierte eine Menge Geld in seine Tochter und wollte Erfolge sehen. 

Archimedes war nicht billig gewesen. Er hatte eine gute Abstammung und bewegte sich elegant. Fräulein von Bernstein thronte hoch oben auf dem großen, graugefleckten Pferd. Sie hielt sich aufrecht, was angesichts des eng geschnürten Korsetts unter ihrem Reitkleid nicht verwunderte. Obwohl sie im Damensitz ritt, gab sie perfekte Hilfen. Sie war eine Musterschülerin. Abgesehen von der Weigerung, Pirouetten nach links zu drehen. 

Der Vater stand neben dem Reitplatz und kaute auf seiner Unterlippe. Er schnaubte. Sein Atem dampfte in der eisigen Luft. 

“Warum tut meine Tochter das?”, fragte er. 

“Ich weiß es nicht, Herr Ministerialrat.”

“Ich bezahle dafür, dass Sie es wissen und etwas dagegen unternehmen!”

“Ich habe alles versucht.”

“Das war nicht genug.”

“Es scheint fast, als wolle ihre Tochter nicht …”

“Sie unterstellen, dass meine Tochter das absichtlich tut?”

“Nein, nein. Nur …”

“Meine Tochter ist ein gehorsames Wesen.”

“Natürlich.”

Tatsächlich sprach Fräulein von Bernstein mit sanfter Stimme und widersprach nicht. Auch jetzt im Moment. Sie schaute ihrem Vater ins Gesicht und führte Archimedes mit versonnenem Lächeln in die nächste rechtsdrehende Pirouette.


Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt erden. Die Wörter lauteten Korsett, rechtsdrehend und dampfen. Gespendet wurden sie diesmal von mir für das Bodenlosz-Archiv.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Herzlichen Dank, dass ich die Wörter spenden durfte, Christiane! Und allen, die mit ihnen einen Text geschrieben haben, danke ich auch. Das waren spannende zwei Wochen. Ich habe die Texte alle gelesen, auch wenn ich es teilweise erst spät in der Nacht geschafft habe. Es war mir eine Ehre.