Schlüsseldienst

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“Hast du den Schlüssel?”

“Klar.”

“Sicher?”

Sie begann zu kramen.  “Damit du beruhigt bist …”

Sie wühlte tiefer, grub sich Schicht um Schicht nach unten zum Taschenboden.

“Doch nicht?”

Sie wollte ihm den Sieg nicht gönnen. Sie nahm das Portemonnaie heraus und legte es auf den Tisch, gefolgt von den Taschentüchern, dem Etui mit der Sonnenbrille, einem zerknitterten Seidentuch, mehreren Stiften …

“Gib auf”, sagte er. Sie hörte das Lachen in seiner Stimme. Er schloss die Wohnungstür auf, damit sie drinnen nach dem Schlüssel fahnden konnte.

Eine halbe Stunde später fand sie ihn auf ihrem Schreibtisch unter einem Blatt Papier. Ihr Freund war inzwischen ins Restaurant gegangen.

Sie suchte immer etwas. Sie hatte alles versucht: Checklisten, Ordnungssysteme, Schlüssel, nach denen sie pfeifen konnte – zwecklos. Das Vergessen war übermächtig. Vielleicht war es psychologisch bedingt, etwas drängte sie dazu, die Dinge zu verbergen oder zurückzulassen. Wie auch immer, sie kam nicht los davon. 

Ein Wunder, dass sie in ihrem Job erfolgreich war. Es kostete viel Aufwand, alles akribisch zu dokumentieren, aber sie galt als wohl organisiert und ihre Statistiken stimmten. Ihre Mentoren ahnten nichts von ihrer Schusseligkeit. Daher war sie für die Arbeitsgruppe verantwortlich, die den Impfstoff gegen die Epidemie entwickelte. Nur noch die Überprüfung der Testreihe von gestern und sie konnten an die Öffentlichkeit gehen. Die Pressekonferenz war morgen Abend. 

Sie sah im Geiste ihr Labor vor sich. Reagenzglas reihte sich an Reagenzglas. Hatte sie alles in der Datenbank korrekt erfasst? Sie hatte es x-mal kontrolliert und kontrollieren lassen. Was, wenn sie dennoch etwas übersehen hatte? Es ließ ihr keine Ruhe. Sie fuhr zur Arbeit, um nachzusehen.

“Gut, dass Sie hier sind”, sagte der Institutsleiter, “die Pressekonferenz hat gerade angefangen.”

“Entschuldigen Sie”, sagte sie, lächelte nonchalant und dankte im Stillen ihrem Retter, dem vergessenen Schlüssel.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern Reagenzglas, übermächtig und vergessen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden. Die Wörter spendierte Herr Stepnwolf vom Blog Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Herr Stepnwolf und Christiane!

 

Dämmerung

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Seit seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag wacht er immer im Morgengrauen auf. Als wäre ein Schalter verdreht. Vorher schlief er am liebsten am Vormittag. Jetzt liegt er zwar gerne bei Sonnenschein gemütlich im Bett und lauscht auf die Vögel im Garten, aber schlafen kann er nicht mehr.

Er hat die Morgendämmerung entdeckt. Früher kannte er diese Tageszeit nur benommen und abgehetzt, wenn er zu einem Termin musste, oder besoffen und erschöpft, wenn er unterwegs gewesen war. Jetzt hat er zum ersten Mal den Kopf frei, um den Morgen zu erleben.

Er sitzt am Fenster und schaut zu, wie sich der Geräteschuppen aus der Dunkelheit schält und die Farben erwachen. Ganz allmählich lösen sie sich aus dem Grau.

Seine Nachbarin streift morgens durch ihren Garten. Ihre Gestalt taucht zögernd aus dem Dunkel auf. Sie tanzt. Sie zieht verschlungene Pfade durch die Wildnis, die ihr Haus umgibt. Am manchen Tagen scheint sie zu feiern, knotet bunte Bänder an die Bäume und verteilt flackernde Laternen im Gestrüpp. Ob es schüttet oder friert, die Nachbarin ist unterwegs. Ihr langer Rock schleift über die Erde und im Sommer, wenn das Fenster offen steht, kann er hören, dass sie etwas murmelt.

Tagsüber ist sie eine alte Schachtel, nach der sich niemand umdreht, aber morgens im Halbdunkel hat er Angst vor ihr. Wer weiß, was sie da tut? Und was sie da zusammenbraut in ihrem kupferfarbenen Kessel, aus dem sie immer wieder schöpft.

Er ist sich sicher, dass sie weiß, dass er am Fenster sitzt und sie beobachtet. Die Sache ist ihm unheimlich, aber dennoch schaut er jeden Morgen gebannt zu, wie die Nachbarin ihre Kreise zieht. Er behält sie im Auge.

Sein Lebtag lang ist er den Weibern aus dem Weg gegangen, aber jetzt kann er sich den Ränken dieser Alten nicht entziehen.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern Geräteschuppen, kupferfarben und feiernDiese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden. Die Wörter spendierte Susanne vom Blog books2cats.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Susanne und Christiane!

 

Zeitfraß

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Als sie einen Blick auf den Zeitplan warf, fiel sie aus allen Wolken. Wie konnte es sein, dass der Abgabetermin schon in einer Woche war? Irgendjemand hatte ihr zwei Wochen gestohlen. Sie hatte ihre Arbeit wohl geplant, alle Schritte durchdacht. Aber nun war es zu spät. Statt geordnet vorzugehen, musste sie ab jetzt Tag und Nacht durcharbeiten. 

Sie ging den Zeitplan noch einmal akribisch durch, las die E-Mails mit dem Auftrag. Tatsächlich hatte sie nur noch eine Woche Zeit. 

Sie überlegte, was sie in den beiden letzten Wochen getan hatte. Laut Plan hätte sie mittlerweile einen ersten Entwurf fertiggestellt. Tatsächlich gab es noch nicht einmal erste Notizen. 

Was war geschehen? Sie versuchte sich zu erinnern. In ihrem Kopf waren die letzten beiden Wochen in Nebel gehüllt. Sie konnte sich an keinen einzelnen Tag erinnern. Hatte ein schlimmes Erlebnis ihr Gedächtnis gelöscht? Gab es etwas totzuschweigen? Sie hatte keine Ahnung. Und sie hatte keine Zeit, es herauszufinden. Sie musste die Ärmel hochkrempeln und arbeiten. Wenigstens konnte sie sich noch an den Auftrag erinnern, die Amnesie setzte erst am Tag darauf ein. 

Sie hatte großspurig versichert, dass drei Wochen keineswegs zu knapp wären. Sie würde das Projekt bis dahin locker abschließen können. Und sie war davon überzeugt gewesen. Sie würde entspannt und souverän die Deadline passieren wie ein Hochsee-Katamaran mit einem großen silbernen Segel. Sie hatte auf den Vertragsabschluss mit ihrer besten Freundin mit Champagner angestoßen. Sie hatte den Schreibtisch  leergeräumt, eine Verzeichnisstruktur im Computer angelegt, damit sie am nächsten Morgen beginnen könnte. 

Und nun, zwei Wochen später, stand sie mit leeren Händen da und wusste nicht warum. Aus ihrem Leben war ein Stück herausgefallen und die Lücke hatte sich geschlossen.


Eine ABC-Extraetüde zu den Wörtern Katamaran, großspurigtotschweigen, Zeitplan, schlimm und fallen. Diese sechs Wörter sollten in einem Text von maximal 500 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden. Die Wörter spendierten Olpo Olponator mit seinem Blog olpo run und Gerhard mit seinem Blog Kopf und Gestalt.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Olpo Oponator, Gerhard und Christiane!

 

Reisegeschwindigkeit

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Wenn er ein Boot wäre, dann ein Katamaran, dachte sie und kickte einen unschuldigen Stein zur Seite. Definitiv wäre er das. Ein Bootsrumpf würde ihm nicht genügen, nein, er würde eine doppelte Schaumspur ziehen und sie hilflos schaukelnd zurücklassen. Sie wäre ein Kajak oder ein Ruderboot. Alleine würde sie auf dem weiten Ozean treiben und sein Segel hinter dem Horizont verschwinden sehen.

Sie musste lachen über ihr Selbstmitleid. Sie könnte die Sache auch anders sehen. Er ein Katamaran, mag sein, aber sie eine Yacht, die geschmeidig über die Wogen flitzte und ihn in ihrem Kielwasser zurückließ, weil er mit seinem riesigen Segel nicht hantieren konnte. 

Wer hinter dem Horizont verschwand und wen zurückließ, war nur eine Frage der Perspektive. 

Und überhaupt konnte sie Katamarane nicht leiden. Zu großspurig. Ein Fischkutter wäre ihr sympathischer. Oder ein Hausboot, das sich von einem Fluss durch die Landschaft tragen ließ, vorbei an blühenden Bäumen. Nachts mitten auf einem See unter dem Sternenhimmel liegen und über die Ewigkeit philosophieren. 

Für ihn war das Firlefanz, überflüssige Gedanken, die man sparen sollte. Wäre sie mit ihm zusammen geblieben, hätte sie bald eine Menge verrückte Ideen auf der hohen Kante gehabt. Ein Vermögen, angesammelt durch das Totschweigen. Schon jetzt nach wenigen Wochen hatte sich so vieles in ihr angestaut. Es brach sich Bahn, sprudelte aus ihr heraus: schräge Ideen, fruchtlose Überlegungen, unvernünftige Wünsche. Sie wollte auf verschlungenen Wegen gehen und ihr Ziel aus den Augen verlieren. Und niemand würde sie mit sich ziehen auf den Pfad der Vernunft.  


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern Katamaran, großspurig und totschweigenDiese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden. Diese Wörter sind eine Spende von Olpo Olponator mit seinem Blog olpo run

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Olpo Oponator und Christiane!

 

Am Küchentisch

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„Bleib auf dem Teppich“, hatte die Oma gesagt. Wer hoch stieg, würde tief fallen.

„Ja, ja“, hatte er geantwortet und sich noch ein Stück Apfelkuchen genommen. 

Er konnte den Zimt riechen. Er drückte die Seite der Kuchengabel auf die Kruste aus Zucker und Zimt. Sie brach auf. Der Kuchen öffnete sich und eine ofenwarme Wolke Apfelzimtduft stieg auf.  Er schob sich einen großen Klumpen in den Mund, der auf der Zunge schmolz, immer noch ein bisschen klietsch in der Mitte. Gierig verschlang er Gabel für Gabel, damit der Geschmack nicht versiegte.

„Nimm noch ein Stück“, sagte die Oma, zufrieden, weil sie den Enkel satt machen konnte. 

Apfel und Zimt füllten seine Mundhöhle, sobald er an die Oma dachte. Als hätte er jahrelang an ihrem Tisch gesessen mit der grell geblümten Wachstuchtischdecke und aus dem Fenster gesehen, wo im Herbstwind ausgewaschene Betttücher flatterten. Die Wäschespinne stand auf einem Bein im Hof. Müde Plastikschnüre hingen zwischen ihren gespreizten Beinen. als wäre die Spinne zugleich ihr Netz. Vereinzelte Wäscheklammen steckten an den Leinen. Sie bildeten ein geheimnisvolles Muster, dessen Rhythmus er nie entschlüsseln konnte.

Die Oma wusch ab, trank Kaffee und löste Kreuzworträtsel. Er schaute aus dem Fenster auf die Wäsche an der Spinne. Er zog mit dem Finger die Konturen der Blumen auf der Tischdecke nach. Er schaukelte mit den Beinen. Niemand mahnte ihn, nach draußen zu gehen oder seine Hausaufgaben zu machen. Er stützte den Kopf auf und strich mit dem Zeigefinger am Rand des Trinkglases entlang. Ein gläserner Gesang füllte den Raum. Sehnsucht stieg in ihm auf. Er konnte sie schmecken. Sie füllte seine Sinne wie vorhin der Apfelkuchen. Sie hinterließ eine Leere, die sich nie füllte. 

Er war auf dem Teppich geblieben, aber die Sterne fehlten ihm.  


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern Teppich, gläsern und flatternDiese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden. Diese Wörter sind eine Spende von Myriade mit ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Myriade und Christiane!