Hirngespinst II

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Eine Geschichte setzt sich fort.
Hier geht es zu Teil 1.

Ich behielt sie die Woche über im Blick. Sie tat, als ob sie mich nicht bemerkte, doch ihre Stimme befahl mir, ihr zu folgen. „Follow me! Follow me!“ Der Ruf begleitete mich rund um die Uhr.

Heute ging ich wieder in den Yogakurs, um sie zu treffen. Eigentlich hätte ich jetzt, beim zweiten Mal, eine Zehnerkarte kaufen müssen, aber ich konnte mich herauslavieren. Ich müsse noch einmal versuchen, ob der Kurs für mich geeignet sei. Ich sei mir nicht ganz sicher.

„War irgendetwas nach der letzten Stunde nicht in Ordnung?“, fragte die Lehrerin und ließ besorgt den Blick an meinem Körper nach unten und wieder herauf schweifen.

„Nein, nein“, sagte ich. „Mir geht es gut.“

Sie blickte mich ungläubig an.

„Keine besonderen Probleme“, setzte ich hinzu.

„Keine Nachwirkungen?“

„Nein“, sagte ich.

Sie sah enttäuscht aus. Das war die falsche Antwort gewesen.

„Nichts, was mich beeinträchtigt hätte“, sagte ich.

Allein, das war gelogen. Die Stimme, die ich mir in ihrem Kurs eingefangen hatte, stellte durchaus eine Beeinträchtigung dar. Jetzt musste ich jede freie Minute darauf verwenden, der Yogafrau zu folgen. Meine Work-Life-Balance war zerstört.
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Hirngespinst

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Herabblickender HundBisher zählte ich zu den Skeptikerinnen. Ich nannte eine Idee eine Idee, weigerte mich, eine Eingebung als göttlich zu begreifen, und glaubte nicht an Kanäle, durch die auf die Sterblichen Erkenntnisse herabrieselten. Woher, von wem und wozu? Die Antworten hatten mir nie eingeleuchtet.

Ich hatte meditiert und mir vorgestellt, Licht ein- und verbrauchte Energie auszuströmen. Aber dabei hatte ich an die Selbstheilungskräfte des Individuums geglaubt, an die Kraft der Imagination, daran, dass in mir selbst die Lösung eines Problems schlummern mochte. Denn wer kannte mich besser als ich selbst.

Wenn andere erzählten, Engeln begegnet zu sein, hatte ich interessiert zugehört, durchaus geglaubt, dass diese Dinge stattgefunden hatten, aber ich hatte sie dem inneren Erleben zugeordnet.

Doch heute schlug bei mir die Erleuchtung ein.
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Offenbarungen

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Croissant; Grafik: K. PollnerDer Kollege hat eine andere Stelle gefunden und verabschiedet sich. Das kam plötzlich; wir bedauern es. Der Kollege hat Kuchen mitgebracht. Und so sitzen wir im Kreis, kauen und fragen, was es denn auf sich hat mit der Veränderung.

„Ich will weg“, sagt der Kollege.

Von uns?

„Von all dem hier.“

Ich kenne dieses Gefühl: hinschmeißen und neu anfangen. Ich bin dann doch geblieben, der Kollege scheint mutiger.

„Du ziehst aufs Land?“, fragte ich.

„Hauptsache weg“, gibt er zurück.

„Mal ganz anders leben“, sagt eine Kollegin. „Das reizt mich auch. Die Großstadt strengt an.“

„Der ganze Scheiß“, sagt der Kollege. „Es wird immer schlimmer. Ich warte nicht, bis alles zusammenbricht.“
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Treibsel

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Facebook spült es mir an: Ein Autor will Autorinnen fördern. Aha, denke ich. Förderung ist immer gut. Kann ich mich bewerben?

Ich lese weiter. Der Autor, den ich nicht kenne, aber wahrscheinlich kennen sollte, denn er ist erfolgreich, hat, wie er betont, alle namhaften Preise und Förderungen gewonnen, als er jung war, dieser Autor möchte jetzt etwas zurückgeben.

Das ist ein feiner Zug. Was haben Autorinnen für ihn getan? Geht es um individuelle Frauen und deren Dienstleistungen? Oder hat er Autorinnen im Allgemeinen etwas weggenommen, das er zurückerstatten möchte?
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Regentrude

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Ich sehe sie nur, wenn es regnet, und auch dann nur aus dem Augenwinkel. Ein grünes Regencape schlüpft durch den Spalt der zufallenden Hoftür. Eine Bewegung lässt mich aufblicken, kurz bevor sie um die Ecke verschwindet. Ich höre ein Gluckern, hebe den Kopf und kann eine Momentaufnahme erhaschen. Meist sehe ich nur die Stelle, an der sie eben war. Sie ist eine Erinnerung, die mir entgleitet.

Ich habe meine Nachbarinnen beobachtet, die mit bunten Sonnentops und schief getretenen Flip Flops durch den Hof laufen. Keine von ihnen kann die Regenfrau sein. Es ist nicht nur die Kleidung und die Figur, es ist ihre Präsenz. Die Sonnenfrauen sind klar umrissen. Sie verschwimmen nicht, sie heben sich ab und sind stabil.

Die Regenfrau tritt leise auf. Sie blubbert und plätschert und perlt. Manchmal glaube ich ein Lachen zu hören. Ein Lachen, das bereits vom Regen verschluckt wurde, sobald ich die Ohren spitze. Doch wer lacht im Regen? Weiterlesen