Knirps

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Regenschirm„Hast du den Knirps dabei?“

Natürlich hatte sie ihn. Tief unten in ihrer Handtasche lauerte der kleine Schirm auf Regen. In diesem Sommer hatte sie ihn viele Wochen lang von einer Tasche in die nächste gepackt. Lag der Schirm in der Tasche, regnete es nie.

Sie hatte das für eine groteske Idee gehalten, bis sie begonnen hatte, Wetterlage und Knirpsmitnahme gewissenhaft zu notieren.
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Gedanken über Schuld – recht und schlecht sortiert

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„Du bist schuld!“, sagt eine Stimme. Schon bin ich enttarnt. Jederzeit kann ich beschuldigt werden. Ich misstraue mir. Irgendwo in mir verbirgt sich die Schuld. Grundsätzlich.

Sollte ich mir in einem konkreten Fall keiner Schuld bewusst sein, bleibt ein Zweifel bestehen. Mein Widerspruch ist zaghaft. Wer weiß, ob ich nicht doch – und sei es noch so indirekt – zumindest mitschuldig bin? Ein Wort oder eine Handlung von mir könnte das Unheil ausgelöst haben, über Bande und ohne mein Wissen. Ich versuche mich zu verteidigen, aber im Innersten bin ich überzeugt von meiner Schuld.

Verantwortung klingt weniger aufgeladen als Schuld. Verantwortung kann man tragen und übernehmen. Man kann sich aktiv mit ihr auseinandersetzen. Schuld kann man nur sein.
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Baggersee

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„Jetzt fahrn wir übern See, übern See, jetzt fahrn wir übern …“

Guppy hielt sich die Ohren zu. Seit Jahren sangen die Otter dieses Lied. Die Alten hatten es ihren Jungen beigebracht und diese würden es an die nächste Generation weitergeben. Ewig würde der Baggersee von diesen Knittelversen widerhallen. Und sie würde ihr Leben lang in diesem See herumdümpeln. Das Lied war der Soundtrack ihres Lebens.

„Jetzt fahrn wir übern See, übern See“, setzten die Otter erneut an und paddelten wieder zurück über die Wasseroberfläche. Sie beherrschten nur die erste Strophe, aber das störte sie nicht.
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Siedepunkt

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Sommerhitze; Grafik: K. Pollner

Nach wenigen Minuten klebt das Kleid an ihrer Haut

In der Sonne an der roten Ampel drücken sie glühende Pranken zu Boden.

Sie hält sich an ihrem Fahrrad fest.

Mit dem grünen Licht kommt ihr der Fahrtwind entgegen, streicht durch den dünnen Stoff an ihrer Haut entlang.

Unter dem Schweiß wächst Gänsehaut.

Sie beschwört einen Platzregen, eine Reisewolke über dem Kopf.

Kaltes Wasser prasselt herab, Tropfen schwellen zu Bächen und schwemmen den Schweiß weg.

Sie will die Augen schließen und sich wegwerfen an den Regen.

Nur eine Fata Morgana, besser die Augen offenhalten, während die Beine stetig die Pedale treten und ihren Körper durch den Hitzeblock treiben.

In ihrem Hirn verschmoren Zellwände, zerfallen Grenzen und stocken Gedanken in einer Kernschmelze des Ichs.


Vermutlich war mir etwas heiß in den letzten Tagen 🙂

Eine ABC-Etüde auf Anregung von Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“.  Bei diesem Spiel mit Wörtern wird aus drei vorgegebenen Wörtern einen Kürzesttext von maximal zehn Sätzen gebildet.

Die heutige Etüde folgt der Schreibeinladung der letzten Woche: Schreibeinladung vom 15. Juli.

Die Wörter Kernschmelze, grün und wegwerfen spendierte Viola (violaetcetera.wordpress.com). Herzlichen Dank!