Knirps

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Wo wir schon mal beim Wetter waren …

Noch eine ABC-Etüde krame ich im Rahmen des Etüdensommerpausenintermezzos heraus. Veröffentlicht hatte ich sie ursprünglich im November 2018.

Was ist überhaupt ein ABC-Etüde? Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen drei Wörter vor, aus denen ein kurzer Text (maximal 300 Wörter) zu schreiben ist. Die Wörter waren hier: Knirps, grotesk und notieren. Gespendet hat sie Bettina vom Wortgerinnsel.

Schirm; Grafik: K. Pollner

Knirps

Natürlich hatte sie ihn. Tief unten in ihrer Handtasche lauerte der kleine Schirm auf Regen. In diesem Sommer hatte sie ihn viele Wochen lang von einer Tasche in die nächste gepackt. Lag der Schirm in der Tasche, regnete es nie.

„Hast du den Knirps dabei?“

Sie hatte das für eine groteske Idee gehalten, bis sie begonnen hatte, Wetterlage und Knirpsmitnahme gewissenhaft zu notieren.

Langsam bekam sie ein schlechtes Gewissen. Der Rhein hatte historischen Tiefstand, die Frachtschiffe konnten manche Stellen nicht mehr passieren. Die Landwirtschaft forderte horrende Unterstützung vom Staat. Sollte sie dem ein Ende machen? Sie würde pudelnass werden.

„Hast du nun?“

„Wie?“

„Hast du den Schirm dabei?“

Sie wühlte in ihrer Tasche und zog den Knirps heraus. Er leuchtete in unschuldigem Himmelblau. Sie zögerte, dann stopfte sie ihn in den nächsten Mülleimer.

Bei der Überflutung der Kölner Innenstadt kam eine Woche darauf eine Rentnerin ums Leben.

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Quest

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Es ist Sommer und Zeit für ein Etüdensommerpausenintermezzo. Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ ruft alle zwei Wochen zu einer ABC-Etüde auf: Aus drei vorgegebenen Wörtern soll ein Text entstehen, der maximal 300 Wörter umfasst. Ich liebe dieses Spiel und nehme seit einiger Zeit regelmäßig teil. Nun, in der Sommerpause, hat uns Christiane gebeten, Lieblingsetüden zu rebloggen.

Ich folge gerne ihrem Wunsch und schicke „Quest“ noch einmal in die Welt. Es könnte der Beginn einer längeren Erzählung sein. Die Wörter Regenbogentransparent und bluten stiftete dergl von „Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel“. Und obwohl ich den Text am 29. Dezember 2018 schrieb, passt er leider gut in den Sommer 2019. Voilà.

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Quest

Eisregen landet auf ihrer Stirn, schmilzt und rinnt über ihr Gesicht. Sommersprossen aus Kälte, die vergehen, indem sie entstehen — Kategorie einundsiebzig.

Im Land der Trockenheit erzählten die Alten vom Trommeln schwerer Tropfen. Von Flüssen, die die Ebene schluckten. Von schwerer, satter Erde. Vom See aus Gras und Blüten, der erschien und zerging. Von Linien, die die Erde in Stücke rissen und zerfielen. Bis nur der Staub blieb, der die Füße puderte und in den Augen brannte. 

Das Wasser hatte sich tief in den Boden verkrochen. Nur noch trockene Äste und Dornen trugen die Büsche. Das Vieh dorrte aus und viele Kinder starben, bevor sie ihr erstes Wort sprechen konnten.

Die Jungen zogen in die Ferne, Regen zu suchen. Keiner kehrte zurück.

Sie war das erste Mädchen, das über den Sand geschickt wurde. Der Schatz hieß Überleben. Er wartete auf sie unter dem Regenbogen.

Damals wusste sie nichts von den Bändern aus Farbe, die der Himmel spannt. Jetzt, im Land des Wassers, hält sie Ausschau nach den Zeichen. Sie folgt ihnen, aber sie läuft nie schnell genug, um den Regenbogen zu erreichen, bevor er verblasst.

Sie studiert den Regen. Lässt ihn auf Händen und Gesicht landen, schmeckt und betrachtet ihn. Meist sind die Tropfen transparent, doch manchmal bluten die Wolken. Sie tragen roten Sand mit sich, Sand aus dem Land der Trockenheit. Die roten Tränen mahnen sie, nicht stehenzubleiben.

Sie geht weiter. Eine Flocke streift ihre Wange. Einsetzender Schneefall — Kategorie einhundertunddrei.

Schuhphilosophie

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GruenerSchuh

“Ich schaue Männern auf die Füße”, sagte die Frau im roten Kleid. “Das sagt alles.”

“Die Schuhe?”, fragte ihre Begleiterin mit der verspiegelten Sonnenbrille. 

Er zog seine Füße unter den Caféhaustisch. 

“Genau”, sagte die Erste. “Vergiss Lackschuhträger, sie machen dir etwas vor. Bei Turnschuhen liegt der Teufel im Detail. Neulich sah ich einen Mann mit giftgrünen Turnschuhen. Da schrillten bei mir alle Alarmglocken. Der ist zu allem in der Lage.”

“Eigentlich finde ich bunte Schuhe hübsch”, sagte die zweite Frau und sog nachdenklich an ihrem Strohhalm. 

Ob der Halm aus Plastik war? Sehr wahrscheinlich, schließlich mussten die Plastikstrohhalmvorräte aufgebraucht werden. Kein gutes Bild, wie sie da saß mit dem Plastik im Mund, das später im Ozean schwimmen und von einem Fisch verschluckt würde, der daran verendete. Es beruhigte ihn, dass die Frau zwar perfekt herausgeputzt war, aber diesen Fauxpas beging.   

“Hübsch oder nicht, bunte Turnschuhe sind ein schlechtes Omen. Ein solcher Mann ist zu einer harmonischen Beziehung nicht in der Lage. Halte dich an Männer mit weißen oder schwarzen Schuhen, solange es kein Lack ist. Die sind solide.”

Die Frauen schauten hinaus auf die Strandpromenade. Füße liefen vorbei. Die meisten steckten in Flipflops oder Sandalen. 

“In diesem Fall”, sagte die Frau im roten Kleid, “würde ich zu einem Sandalenträger raten. Flipflops sind zu haltlos. Und dieses schmatzende Geräusch. Ein Mann, der mit solchen Schlappen aus dem Haus geht, hat keinen Sinn für Ästhetik und schlingt beim Essen.”

“Füße sind doch nicht alles”, wandte die Zweite ein. 

“Sie sind das Fundament. Nur wenn das stimmt, kannst du den Blick nach oben schweifen lassen.”

Sie zahlten und gingen. Er schob seine grünen Turnschuhe unter dem Tisch hervor. Er wünschte, er hätte sie nicht versteckt. Grün war seine Lieblingsfarbe, auch wenn er kein Frosch mehr war.  

Aber das war eine andere Geschichte. 


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Füße, harmonisch und wünschen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden.

Die Wörter gespendet hat Gerhard vom Blog Kopf und Gestalt.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und Gerhard, den Wortspender!

 

Späte Wirkung

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Frosch“Na, Froschkönig”, sagte die Hexe.

Sie hatte sich hingehockt. Recht gelenkig für eine über Fünfhundertfünfundfünfzigjährige, dachte der Frosch. Wahrscheinlich gingen ihr die Flüche noch locker von der Zunge. Er schluckte und duckte sich.

“Mein kleiner Freund”, fuhr die Hexe fort, “womit habe ich verdient, dass du so schlecht über mich sprichst?” 

Sie lächelte und dem Frosch gefror das Blut in den Adern wie sonst nur im Januar. 

Er räusperte sich. “Ich wüsste nicht …”

“Ach komm. Seit Jahrhunderten erzählst du, ich hätte dich verflucht. Leugnen ist zwecklos.”

 “Verflucht, habe ich jemals verflucht gesagt? Vielleicht habe ich von verzaubern gesprochen oder von bezaubern. Die Leute hören nicht richtig zu und machen aus dem, was man erzählt, die wildesten Geschichten. Gewalt, das interessiert sie. Schlimm.”

“Du hast nie behauptet, du wärst ein Prinz, der als Frosch leben müsste?”

“Die Leute haben das falsch verstanden. Sex and crime. Ein unschuldiger Prinz, der von einer Hexe verflucht wird, das gefällt ihnen. Zumal, wenn die Hexe so schön ist.”

“Schmeichelei hilft dir nicht. Wolltest dich wichtigmachen, was? Wolltest geküsst werden? Was die Leute über mich denken, war dir egal. Der Hexe kann man alles in die Schuhe schieben. Hattest du wenigstens Spaß?”

“Geküsst hat mich keine Frau. Auch keine Fröschin. Die hatten Angst, dass ich zum Menschen werde.”

“Soso.”

“Entschuldigung.”

“Zu spät. Ich habe lang überlegt, was ich mit dir tun soll. Jetzt hab ich eine großartige Idee.” 

Sie zwinkerte. Ihre Augen waren trübe Tümpel, aber dem Frosch machten sie dennoch Angst.

“Bitte nicht zaubern!”

 Sie schnippte mit den Fingern. Dem Frosch wurde schlecht. 

“Voilà. Alles Gute.” Die Hexe ging lachend fort.

Der Frosch machte die Augen wieder auf. 

Verflucht: Er war ein Mann. Sein schlammgrüner Anzug spannte und auf seinem Kopf saß eine Krone. Er sah seine schwimmhautlosen Hände an und weinte.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Froschkönig, trüb und helfen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden.

Die Wörter gespendet hat Viola vom Blog viola-et-cetera

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und Viola, die Wortspenderin!

 

Besuch in der Nacht

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Besuch

Kurios, denkt sie. 

Curious, wirft ihr Hirn zurück.

Besteht da ein Zusammenhang?

Die Katze legt den Kopf schief. Ihre Augen blinken auf.

Curiosity killed the cat, wirft das Hirn ein.

Manchmal spielen die Neuronen über Bande.

Langsam streckt sie ihre Hand nach vorne.

Die Katzenaugen funkeln.

Sie werfen das Kerzenlicht zurück.

Die Hand nähert sich dem Kopf der Katze.

Ein Blitzen.

Die Katze dreht sich weg, springt auf das Fensterbrett, balanciert mit hochgerecktem Schwanz und entschwindet durch das geöffnete Fenster.

Das Hirn spendiert Fragezeichen.

 


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Katzenauge, kurios und balancieren. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden.

Die Wörter gespendet hat Katharina vom Blog Katha kritzelt

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und Veronika, die Wortspenderin!