Heike Baller zu Gast im Bodenlosz-Archiv

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Foto: Susanne Fern

Im besten Netzwerk der Welt, dem Texttreff, wird auch in diesem Jahr bloggewichtelt.
Heute besucht Heike Baller das Bodenlosz-Archiv zum zweiten Mal (zuletzt 2014) und spendiert eine Geschichte.
Heike Baller liest und liest und liest vor – und was sie liest, teilt sie gerne mit anderen unter Kölner Leselust (https://www.koelner-leselust.de).
Was sie vorliest? Vor allem Gedichte. Reinhören möglich in der Hörbar (https://www.koelner-leselust.de/hoerbar2/).


Neu im Institut für Zeitgeschichte

Nee, das ist wieder der falsche Korridor. Wie verwinkelt dieser Anlage doch ist. Wo, um alles in der Welt, hab ich denn nun den Abzweig verpasst? Wahrscheinlich geht es aber irgendwann rechts wieder raus und ich komme auf dem ursprünglichen – ebenfalls falschen – Korridor. Also weiter.

Hier war offensichtlich ein anderer Designer tätig; die Türen haben so einen schimmernden Überzug. Blau? Oder ist da ein Hauch Lila drin? Auf jeden Fall viel viel hübscher als die Korridore mit den kamelfarbenen Wänden und grünen Türen.

Die haben hier die Nummer nicht neben den Türrahmen gepappt, sondern auf die Türen.

Wie lang mag dieser Korridor sein?

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22 – Bescherung | Adventüden

Irgendwas ist immer

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Bescherung (Nina, Das Bodenlosz-Archiv)

Langsam erhitzt sich das Wasser im Kessel. In der Teekanne warten die dreizehn Kräuter.

Bald schon wird er auf dem Bärenfell vor dem Kamin liegen. Nackt und weich wie eine Jungratte. Sie hat eine Tanne aufgestellt, die bis zur Decke ragt, über und über besetzt mit Schneeflocken und Eiszapfen. Soll sie es im Wohnzimmer schneien lassen? Entzückend würde das Zimmer mit einer flauschigen Schneedecke aussehen. Aber er würde frieren. Lieber die Wände mit Zucker glasieren und ein ordentliches Feuer im Kamin prasseln lassen. Er wird Nussplätzchen knabbern und genüsslich über seinen straff gewölbten Bauch streichen.

Sie mag die Gefährten füllig. Da besteht kein Zweifel. Und wenn sie weiß, was sie will, stellt sich der Richtige ein.

Der Kessel pfeift. Sie gießt das sprudelnde Wasser über die Kräuter. Es riecht nach Zimt und Nelken, aber…

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Regendialoge

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“Dieser Regen, dieser unaufhörliche Regen.”

“Der Boden ist immer noch zu trocken. Wir sollten uns über jeden Tropfen freuen.”

“Ich bin keine Landwirtin, ich lebe in der Stadt und möchte im Sonnenschein spazieren gehen.”

“Egoistin.”

“Ich gehe nicht davon aus, dass die Welt davon schneller untergehen wird, dass mich Regen schwermütig stimmt. Den Klimawandel kümmert meine Gemütsverfassung wenig.”

“Dennoch könntest du dem Überleben der Menschheit die Daumen drücken.”

“Gut, ich feuere den Regen an, wenn es hilft. Musste man früher nicht für Regen tanzen? Sag mir, wie es geht, und ich tue es. Im Ernst. Wenn unsere Zukunft davon abhängt, kenne ich keine Scham.”

“Sei nicht zynisch.”

“Tut mir leid. Lass uns die Gummistiefel anziehen und in deinen Garten gehen. In Pfützen springen und nach Regentropfen haschen.”


“Siehst du die vielen Nacktschnecken? Einfach eklig.”

“Die sind wirklich überall.”

“Ich kämpfe gegen sie an, aber sie kommen immer wieder. Mistviecher.”

“Irgendwie ist das unfair.”

“Was?”

“Ihre schönen Schwestern naschen genauso viel von dem, was wir anbauen. Aber denen verzeihen wir es eher. Die Unbehaustheit der Nacktschnecken macht sie zum Ungeziefer. Hätten sie ein Haus auf ihrem Rücken, könnten wir sie besser leiden.”

“Du meinst, es ist ein Diskriminierungstatbestand?”

“Ich bin davon überzeugt.”

“Vielleicht hast du recht, aber ich finde die Dinger immer noch widerlich.”

“Sie haben eine wichtige Funktion in unserem Ökosystem.”

“Ja? Welche? Meinen Salat zu fressen, damit ich weniger Vitamine abkriege?”

“Ich habe keine Ahnung, wozu Schnecken gut sind. Aber solltest du nicht weniger egoistisch sein und dich freuen, dass sie noch so zahlreich sind?”

“Sie werden uns überleben – die sterben nicht aus.”

“Ich hoffe, der Beweis wird nicht erbracht. Zumindest nicht in den nächsten zehntausend Jahren.”

“In diesem Sinne: Auf die Schnecken mit und ohne Haus!”

“Und auf das Überleben.”


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Unbehaustheit, schwermütig und naschen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden.

Die Wörter gespendet hat Bernd vom Blog Red Skies over Paradise.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und Bernd!

 

Angst vorm Fliegen

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„Ich möchte ausreisen.“

„Du bist doch nicht gefangen.“

„Allerdings. Ich bin in meinem Alltag gefangen.“

„Und du willst ausreißen? Mach doch, es hält dich niemand.“

„Ausreisen, ich will ausreisen.“

„Über die Grenze? Sagt man das überhaupt noch? Wo wir doch irgendwie alle im Westen sind?“

„Ich weiß nicht. Ich wünschte nur, ich könnte über eine Grenze gehen und in einem anderen Leben landen.“

„Versuche es. Es herrscht Reisefreiheit.“

„Mein Alltag kommt mit.“

„Und wenn du nach Papua-Neuguinea fährst? Da funktioniert dein Alltag nicht.“

„Wer weiß. Dort ist die Netzverbindung besser als hier, fürchte ich. Der Kontakt besteht. Dem Netz entkomme ich nicht.“

„Wirf dein Handy weg.“

„So weit würde ich nicht gehen.“

„Was soll passieren? Du kannst dir ein neues kaufen.“

„Ich werfe nichts weg, was einwandfrei funktioniert.“

„Verschenke es.“

„Und meine Daten?“

„Kannst du löschen. Spende das Handy einer wohltätigen Einrichtung. Handys sind recycelbar. So tust du etwas Gutes und bist raus aus dem Netz.“

„Ganz ohne Handy würde ich mich verloren fühlen.“

„Ein anderes Wort für frei?“

„Frei wie ein Vogel. Hin und her geworfen vom Wind, ein kleiner schwarzer Fleck vor der Weite des Himmelsleuchtens. Das ist mir unheimlich. Ich hab Angst vorm Fliegen.“

„Dann fang klein an. Geh ohne Handy spazieren, benutze die andere Straßenseite, kauf eine neue Sorte Brot.“

„Das ist mir alles zu banal.“

„Ich glaub, du willst gar nichts ändern.“

„Doch, ich will ausreisen.“

„Und ich reiße jetzt aus.“ Geht ab.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Himmelsleuchten, recycelbar und ausreisen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden.

Die Wörter gespendet hat Anna-Lena vom Blog „Meine literarische Visitenkarte.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und Anna-Lena!

 

Rainy Afternoon

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Lady Gilbert schloss die Tür und spannte den Regenschirm auf. Sie atmete tief durch die Nase ein. Herrlich feuchte, kühle Luft. Ihre Schritte knirschten. Sie sprang in eine Pfütze und lachte, als das Wasser an ihrem Jerseyrock hochspritzte.

„Please, my dear“, sagte der alte Lord. „Consider the servants.“

Die Haushälterin kicherte. Sie hielt den schweren Teekessel in der Hand, bereit einzugießen. 

Im Pavillion in der Ecke des Gewächshauses waren Gurkensandwiches und Scones auf einer Etagere arrangiert. Der Lord studierte eine Ausgabe der Times von 1955. 

„Greift zu“, sagte die Haushälterin, „ich habe extra jodhaltiges Salz verbacken.“

„Wozu?“, fragte Lady Gilbert, „Ich habe doch keine Schilddrüse mehr.“

„Und was ist mit uns?“, sagte das Dienstmädchen. „Du bist egoistisch wie eine echte Lady.“ 

„Reg dich ab“, sagte die Lady, klappte den Schirm zu, griff sich ein Sandwich und biss hinein. Mit vollem Mund zeigte sie auf das Hausmädchen. „Staubwedel, Häubchen, Schürze, dazu der kurze Rock und die hohen Schuhe. Was für eine Art Hausmädchen soll das sein? Das ist keine Satire.“

„Ist es sowieso“, sagte die Haushälterin. „Wir sind Klischees. Darum geht es doch! Unser Traum von Britannien. Wir fälschen alles.“

„Es sollte überzeugend sein. Wir wollen uns erinnern, wie es dort war.“

„Oder wie wir es uns vorstellen. Du warst Kellnerin und ich Krankenschwester!“

„Es ist ein Sehnsuchtsort“, sagte der Lord. „Unser Paradiesgarten. Hier drin dürfen wir im Regen sitzen und erleben, was wir vermissen. Und alles essen.“ Er bestrich ein Scone mit Schmand und Marmelade. „Was mir fehlt, ist Clotted Cream. Die kriegen sie nicht hin in der EU.“

„Eines Tages wird es ein Happy End geben“, sagte das Hausmädchen. Sie zog verträumt den Staubwedel durch die Luft. 

„Für Clotted Cream?“

„Nein, für uns und das, was übrig ist von Großbritannien.“

 


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Gewächshaus, jodhaltig und fälschen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden.

Die Wörter gespendet hat fraggle vom Blog reisswolfblog.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und fraggle!