Vera räumt auf

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„Backpulver‟, sagt die Mutter und streckt die Hand aus.

Vera öffnet das Fach. Unzählige Papiertütchen stecken darin. Manche sind unversehrt, manche aufgerissen und zusammengeknüllt. Grüppchen schmiegen sich eng aneinander, noch in Zellophan gehüllt. Vera fischt ein Tütchen heraus. Leider nein. Sie steckt den Vanillezucker zurück ins Fach, merkt sich die Position. Wer weiß, ob die Mutter danach verlangen wird.

Sie arbeitet sich durch das Fach und zieht nur Nieten. Hefe, Orangenzucker, Hirschhornsalz.

„Wo bleibt das Backpulver?‟, ruft die Mutter, die mit einem Rührlöffel auf den zähflüssigen Teig in der Schüssel einschlägt.

„Ich gebe mir Mühe‟, sagt Vera.

„Ich brauche das Backpulver jetzt‟, sagt die Mutter.

Vera greift in das Fach und wischt alle Tütchen heraus. Sie stürzen auf die Arbeitsfläche. Ein glitschiges Päckchen mit drei Portionen Natron rutscht über die Kante und fällt auf den Küchenboden.

„Was machst du?‟, fragt die Mutter.

Vera legt das entlaufene Natron zu den anderen Tütchen. Sie sortiert in Haufen. Erst nach Sorten, dann nach Zustand. Pulver rinnt aus aufgerissenen Verpackungen. Der Ton der Mutter verschärft sich. Vera macht stur weiter.

Ein Arm schiebt sich in ihr Blickfeld. Zielsicher greifen die Finger eine Packung Backpulver heraus. Sie zerfetzen das Papier und schütteln das Pulver auf das gesiebte Mehl in der zweiten Rührschüssel. Die Mutter mischt wild, hebt die zweite Schüssel an und dreht sie über dem Teig um.

Eine Wolke von Mehl steigt auf und senkt sich. Der Küchentisch ist beschneit. Die Mutter rührt unverdrossen in der jetzt störrischen Masse, zwingt die Substanzen, sich zu vermengen. Helle Bahnen ziehen sich durch den Teig.

Vera hat alle Tütchen geordnet. Es gibt kein zweites Tütchen Backpulver. Sie verschließt die geöffneten Packungen säuberlich, reiht ihre Sammlung im Fach auf. Sie betrachtet das Ergebnis mit Stolz.

Doch ein Griff der mütterlichen Hand und ihr Werk ist zerstört.


Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt werden. Die Worte für Juni 2026 spendierte Natalie mit dem Blog Fundevogelnest. Sie lauten: Wolke, stur, sortieren.

Christiane stellt auf ihrem Blog „Irgendwas ist immer“ regelmäßig eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Herzlichen Dank für die Worte und die Inspiration, Natalie und Christiane!

In Scherben

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Sie stürmt über die summende Juniwiese ans Ende des Gartens. Ihr Instinkt treibt sie voran. Unter dem alten Baum bleibt sie stehen. Ihr Herz wummert. Auf dem modrigen Tümpel hinter dem Holzzaun schwimmen Pollen und Pflanzenteile. Mücken landen auf Klaras verschwitzter Haut. Sie wischt sie weg. Eine hat gestochen.

Verdient, denkt Klara. Der Tante wird diese Strafe nicht reichen. Sie wird nach der Schuldigen suchen, bis Klara gesteht. Der Sommer ist verdorben.

Klara hat die Schale zerstört, diese Schale, die die Tante aus Südfrankreich mitgebracht und seitdem behütet hat.

Anna war noch gebannt, aber Klara durfte nun, seit sie acht Jahre alt ist, aus der Schale Kakao trinken. Ganz aufrecht saß sie am Frühstückstisch und führte die Schale mit beiden Händen zum Mund. 

Heute läutete das Schnurtelefon während des Frühstücks. Die Tante tupfte den Mund mit der Serviette ab, rückte die Frisur zurecht und ging hinaus in den Flur.

Klara und Anna saßen still. Klara stellte die Schale ab. Die Tante sprach. Die Uhr tickte.

Anna schrie. Mitten auf der geblümten Wachstuchdecke hockte eine dicke Gartenspinne. Einen Moment schien die Spinne zu überlegen. Dann rannte sie mit wirbelnden Beinen auf Anna zu, die aufsprang und gegen den Tisch stieß.

Die Schale taumelte, kippte und rollte zur Tischkante. Klara war zu langsam. Die Schale lief über den Rand. 

Anna rannte weg. Zögernd sah Klara nach. Die Schale lag unversehrt auf dem Linoleum. Klara hob sie an. Ein schwarzer Fleck schoss auf ihren Fuß zu. Die Schale fiel und zersprang. 

Klara schleppt sich schließlich zum Geständnis. Durch das offene Küchenfenster hört sie Anna. 

„Ich habe die Schale vom Tisch gestoßen‟, sagt die kleine Schwester. „Ich bin schuld.‟ 

Klaras Gewissen zieht sie weiter, doch ihre Füße sind festgewachsen. Sie schweigt. Anna wird verziehen, aber Klara spürt die Scherben ihr Leben lang. 


Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt werden. Die Worte für Mai 2026 spendierte Werner mit dem Blog Mit Worten Gedanken horten. Sie lauten: Instinkt, schuldig und rücken.

Christiane stellt auf ihrem Blog „Irgendwas ist immer“ regelmäßig eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Herzlichen Dank für die Worte und die Inspiration, Werner und Christiane!

Hauskomitee

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„Sprich es nicht aus‟, dachte Svenja. „Nicht dieses Wort!‟

Sie versuchte es mit Hypnose. Wenn sie sich stark genug konzentrierte, könnte es funktionieren. Sie presste die Fäuste zusammen.

Herr Bachleitner aus dem Dritten dozierte seit einer Viertelstunde über die unabdingbare, alternativlose Notwendigkeit, ohne das Wort in den Mund zu nehmen. Doch früher oder später würde er es in den Raum stellen. Wie immer.

Nach der letzten Sitzung hatte sie versucht, ihn auf einen Kaffee einladen, um zu erklären, dass er die anderen behutsam überzeugen und das Wort zunächst vermeiden müsse.

Sie sprach ihn also an. Er zuckte zusammen. Er schwankte. Wahrscheinlich lief vor seinen Augen ein Film ab: Lüsterne Nachbarin verführt widerstrebenden Ingenieur. Möglich, dass er mit dem Genre wohlvertraut war. Svenja dämmert erst, was er dachte, als er stammelte.

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Dialog beim Streamen einer Kostümserie

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Putzmacherin


„Putzmacher wäre ich gerne gewesen.‟

„Putzmacherin.‟

„Sei nicht so spitzfindig.‟

„Das war ein Frauenberuf. Von Frauen für Frauen. Männerhüte machen Hutmacher.‟

„Der verrückte Hutmacher, ich erinnere mich.‟

„Putzen gehört scheinbar in Frauenhände.‟

„In jeder Hinsicht. Bald ist Frühlingsputz angesagt.‟

„Putzig.‟

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