Erlösung

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Wurzeln; Grafik: K. Pollner

Den Nachmittag verbrachte Frau Kalupke auf den Knien, um Tulpenzwiebeln zu setzen. Am nächsten Morgen zog Herr Kalupke die Zwiebeln wieder heraus, als seine Frau bei der Arbeit war.
Er verabscheute Tulpen. Spießige und plakative Blumen für Menschen ohne Tiefgang waren das.
Frau Kalupke hatte wohl gedacht, auch er wäre so. Deswegen hatte sie sich vermutlich in ihn verliebt. Als hätte er etwas mit einer Tulpe gemeinsam. Mittlerweile hielt sie ihm vor, er sei zu kompliziert und pflege einen abgründigen Humor.
Kurzweilig waren immerhin die Frühlingstage, an denen sie mit zunehmender Verzweiflung nach draußen starrte und wartete. Was hatte sie bloß falsch gemacht? Sie studierte und recherchierte. Nie war sie ihm auf die Schliche gekommen. Jahr um Jahr pflanzte und harrte sie vergebens.
Manchmal tat sie ihm fast leid. Er überlegte, ihr im nächsten Jahr eine einzige Tulpe zu lassen. Es wäre die Auferstehung ihrer Hoffnung.
Und er hätte das Wunder vollbracht.

 


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Tulpenzwiebel, kurzweilig und auferstehen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden.

Die Wörter gespendet hat Veronika und ihrem Blog Vrojongliert

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und Veronika, die Wortspenderin!

 

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Was ihr wollt oder Der Frosch, der König sein sollte

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Froschspuren; Grafik: K. Pollner

Ich fühle mich immer noch jung und kräftig. Verzaubert zu sein hat seine Vorzüge. Anfangs habe ich dennoch mit meinem Schicksal gehadert. Warum nur war ich auf den Weg gehüpft, ohne mich umzusehen? Die Teiche hatten mich gelockt, die Weibchen, die dort auf mich warteten. Ich war zum ersten Mal unterwegs dorthin und verstand nicht, warum es mich in diese Richtung zog. Ich war unruhig und verwirrt und folgte meinem Trieb.

War es das wert? Ich habe mich so oft gepaart, dass ich dem inzwischen nicht mehr viel abgewinnen kann. Das Gerangel um die Weibchen, endloses Quaken, das viele Wasser, das man schluckt. Ich kenne inzwischen alle Tricks und gewinne jeden Wettkampf. Doch geht es nur darum, der Schönste und Stärkste zu sein? Ist das nicht toxische Männlichkeit? Inzwischen bleibe ich den Teichen im Frühjahr fern und suchte die Gesellschaft meinesgleichen nur in ruhigen Zeiten. Dann, wenn es möglich ist, sich auszutauschen, ohne taub vor Eifersucht und Gier zu sein.

Doch damals war ich jung. Ich hatte keine Ahnung, was mich am Ziel erwartete, aber ich wollte so schnell wie möglich dort sein. Ich hörte die anderen quaken und das machte mich rasend. So kam es zum Unfall. Ein klassisches Szenario: abgelenkt im Verkehr. Seitdem schaue ich stets nach rechts und links, ich habe meine Lektion gelernt.

Ich sprang mitten auf den Weg. Schon schoss ein Fuß auf mich herunter. Der Fuß zerquetschte mich. Der Schmerz raubte mir den Atem. Meine Augen quollen aus dem Kopf. Die Besitzerin des Fußes rutschte aus und fiel. Sie landete auf dem Gesäß. Sie schrie. Wäre ich in diesem Moment weggehüpft, ich hätte mich retten können. Aber ich lag bedröppelt da und starrte.

„Du!“, stieß die Hexe hervor. Um eine solche handelte es sich ohne Zweifel. Sie trug einen hohen, spitzen schwarzen Hut und ihre Haut schimmerte grünlich. Nehmt euch vor Hexen in Acht, hatten sie in der Schule gesagt.

Die Hexe zog ihren Besen zu sich heran und kam mit dessen Hilfe mühsam auf die Beine. Sie rieb ihr Hinterteil. Dabei sezierte mich ihr Blick. Sie zeigte mit einem langen Fingernageldolch auf mich und sagte: „Das wirst du bereuen, du Amphibie.“

„Entschuldigung“, sagte ich und lächelte sie entwaffnend an.

„Das Grinsen wird dir noch vergehen“, sagte sie.

„Ich wollte …“

„Das ist mir egal. Du hast mich angegriffen und wirst dafür bezahlen.“

„Es war ein Unfall.“

„Dann hättest du wohl besser aufpassen müssen.“

„Bitte!“

„Ach, halt den Mund, ich muss nachdenken.“

Ich hatte das Gefühl, dass sie stundenlang dastand und mit den Augen funkelte. Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Endlich stach sie mit dem Fingernagel wieder in meine Richtung.

„Ich weiß, was ich mit dir mache.“ Sie lachte und es war ein Lachen zum Davonspringen. „Du wirst so lange in dieser Gestalt leben, bis dich jemand gegen eine Wand wirft. Dann wirst du ein Mensch und zum König dieses Reiches.“

Das klang ja gar nicht so schlecht. Entweder war sie dumm oder netter, als sie aussah.

„Glaub jetzt nicht, dass das kein Fluch ist. Du wirst dich noch wundern.“

Sie kicherte, dass mir die Schwimmhäute gefroren, und humpelte ihres Weges.
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Ungebetene Gäste

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Viel zu selten schreibt sie im Café. Dabei ist das der Inbegriff des Schriftstellerdaseins: in einem kleinen, gut besuchten, aber nicht überlaufenen Café sitzen, einen Kaffee vor sich, vertieft in Zeilen, die später von der Welt verschlungen werden.

„Schau nicht hin, aber dahinten sitzt sie.“

„Wer?“

„Sie, die Autorin, die mit diesem Buch, wie heißt sie noch gleich?“

„Ach sie? Die überall zu sehen war? Du meinst, das ist sie?“

„Auf jeden Fall.“

„Sie sieht gewöhnlich aus.“

„Eher langweilig.“

„Könnte mal zum Friseur gehen.“

„Und dieser Pulli hat bessere Tage erlebt.“

„Ob sie trinkt?“

„Ihr erstes Buch hat mir besser gefallen.“

„Richtig gut hat sie nie geschrieben.“

„Sie hatte nur das richtige Thema im richtigen Moment.“

„Und es gab sonst nichts Interessantes.“

„Ein literarisches Sommerloch.“

„Seitdem beißt sie sich fest und schreibt dasselbe wieder und wieder.“

„Warum gibt sie nicht auf?“

„Dort sitzt sie und fügt stur Worte aneinander.“

„Vielleicht verfasst sie nur Bewerbungen.“

Sie klappt das Notebook zu. Selbst ihre Tagträume sind verdorben.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Café, verdorben und beißen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden.

Die Wörter gespendet hat Rina. Ihr Blog heißt Geschichtszauberei.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und Rina, die Wortspenderin!

Waschtag

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Wellengarten; Grafik: K. Pollner

Der Tag verschwimmt. Heute gibt es keine klaren Kanten.

Licht irrt und zerspringt. Die Sekunden fließen am Fenster herab. In jedem Tropfen glitzert eine verflossene Gelegenheit.

Nieselregen ist ein weiches Wort. Es erzählt von sanftem Raunentraum. Nebel legt sich als zarter Schleier über mein Gesicht und nimmt die Tränen auf.

Ein Tag hat sich herausgespült, ist abgeflossen in die Vergangenheit. Bleib ich zurück?

Die Haut an meinen Fingerspitzen wirft Falten.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Nieselregen, weich und irren. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern Verwendung finden. Der „Einsendeschluss“ war gestern, aber eigentlich ist ja noch Samstag, jedenfalls bin ich noch nicht schlafen gegangen …

Die Wörter gespendet hat Natalie mit dem Blog Fundevogelnest.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und Natalie, die Wortspenderin!

Zerfallen

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band mit augen - splitterLicht.

Sie wollte sich schützend zusammenrollen, doch ihre Fasern gehorchten nicht. Sie war eine Ansammlung mürber Fragmente.

Über die Jahre war sie mit den Seiten verschmolzen. Das Murmeln der Worte umfing sie. Sie war gefangen in einer Zauberformel von über sechshundert Seiten.

Die Worte wollten Gehör. Das war ihr Daseinszweck: gesehen werden, verschlungen werden. Aber niemand schlug die Seiten um. Sie lagen im Dunkeln und waren vergessen. Sie hungerten nach Beachtung. Sie murrten. Sie verfluchten die da draußen.

Sie hatte sich eingemischt. Ihre Natur war es, zu ordnen. Sie beschwichtigte, gab zu bedenken, warb um Verständnis. Doch die Wut der Worte brauste lauter und lauter. Sie verlor ihre Kraft. Ihre Haut wurde rau. Ihre Spannung versiegte. Müde gab sie sich dem Toben der Worte hin und widersprach nicht mehr. Sie war altersschwach. Sie legte sich zur Ruhe, ließ sich umhüllen vom Rauschen und Raunen.

Nun das Licht. Hatten die Worte das Buch gesprengt?

Grobe Hände rissen die Seiten herum.

„Guck mal, das alte Lesezeichen!“

Gleich würden die Finger sie zerquetschen.

Die Worte drängten an ihr vorbei ins Freie. Sie hüpften, sprangen, stürzten der Welt entgegen. Sie prasselten auf den Leser ein. Sie entluden ihren Hass. Ein Schrei. Das Buch fiel.

Ist das die Freiheit?, dachte sie und zerstob.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Lesezeichen, altersschwach und hüpfen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern Verwendung finden. Der „Einsendeschluss“ war gestern, aber so ist das eben manchmal …

Die Wörter gespendet hat Sabine. Ihr Blog heißt wortgeflumselkritzelkram.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und die Wortschenkerin!