Waschtag

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Wellengarten; Grafik: K. Pollner

Der Tag verschwimmt. Heute gibt es keine klaren Kanten.

Licht irrt und zerspringt. Die Sekunden fließen am Fenster herab. In jedem Tropfen glitzert eine verflossene Gelegenheit.

Nieselregen ist ein weiches Wort. Es erzählt von sanftem Raunentraum. Nebel legt sich als zarter Schleier über mein Gesicht und nimmt die Tränen auf.

Ein Tag hat sich herausgespült, ist abgeflossen in die Vergangenheit. Bleib ich zurück?

Die Haut an meinen Fingerspitzen wirft Falten.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Nieselregen, weich und irren. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern Verwendung finden. Der „Einsendeschluss“ war gestern, aber eigentlich ist ja noch Samstag, jedenfalls bin ich noch nicht schlafen gegangen …

Die Wörter gespendet hat Natalie mit dem Blog Fundevogelnest.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und Natalie, die Wortspenderin!

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Zerfallen

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band mit augen - splitterLicht.

Sie wollte sich schützend zusammenrollen, doch ihre Fasern gehorchten nicht. Sie war eine Ansammlung mürber Fragmente.

Über die Jahre war sie mit den Seiten verschmolzen. Das Murmeln der Worte umfing sie. Sie war gefangen in einer Zauberformel von über sechshundert Seiten.

Die Worte wollten Gehör. Das war ihr Daseinszweck: gesehen werden, verschlungen werden. Aber niemand schlug die Seiten um. Sie lagen im Dunkeln und waren vergessen. Sie hungerten nach Beachtung. Sie murrten. Sie verfluchten die da draußen.

Sie hatte sich eingemischt. Ihre Natur war es, zu ordnen. Sie beschwichtigte, gab zu bedenken, warb um Verständnis. Doch die Wut der Worte brauste lauter und lauter. Sie verlor ihre Kraft. Ihre Haut wurde rau. Ihre Spannung versiegte. Müde gab sie sich dem Toben der Worte hin und widersprach nicht mehr. Sie war altersschwach. Sie legte sich zur Ruhe, ließ sich umhüllen vom Rauschen und Raunen.

Nun das Licht. Hatten die Worte das Buch gesprengt?

Grobe Hände rissen die Seiten herum.

„Guck mal, das alte Lesezeichen!“

Gleich würden die Finger sie zerquetschen.

Die Worte drängten an ihr vorbei ins Freie. Sie hüpften, sprangen, stürzten der Welt entgegen. Sie prasselten auf den Leser ein. Sie entluden ihren Hass. Ein Schrei. Das Buch fiel.

Ist das die Freiheit?, dachte sie und zerstob.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Lesezeichen, altersschwach und hüpfen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern Verwendung finden. Der „Einsendeschluss“ war gestern, aber so ist das eben manchmal …

Die Wörter gespendet hat Sabine. Ihr Blog heißt wortgeflumselkritzelkram.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und die Wortschenkerin!

Zeremonie

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Blaetter; Grafik: K. PollnerIch fand mich in einem großen Gitter wieder. Andere warteten dort schon auf ihr Schicksal. Es gab Gerüchte. Ein dürres Ding neben mir behauptete, wir würden in kochendes Wasser geworfen werden. Nein, schlimmer, rief ein Stinker, sie werden unsere Moleküle in einer Zentrifuge zerschmettern und uns zu Brei rühren. Dann werden sie uns schlucken. Ich versuchte, nicht hinzuhören.

Eiskaltes Wasser prallte auf uns herab und drückte uns nieder. Schon erfasste uns ein Beben, die Himmelsrichtungen verwirbelten. Wir flogen durch die Luft und landeten als nasser Haufen in einen anderen Raum. Zylinderförmig ragte die Wand um uns auf. Wir zitterten vor Kälte, unsere klamme Haut klebte aneinander, wo wir uns berührten. Schwindel übernahm meine Sinne. Kreiste die Welt um mich oder ich in der Welt? Der Zylinder drehte sich schneller und schneller. Wir wurden an die Außenwände gepresst. Das musste die Zentrifuge sein. Ich bemühte mich, in Ohnmacht zu fallen.
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Perfekt

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Blätter; Grafik: K. PollnerZwei geschmackvolle Steingutschalen stehen auf dem schweren Holztisch.

„Wir … ich habe sie in Frankreich in einer Töpferei gekauft. Ich mag die Farben und die Schlichtheit“, sagt er entschuldigend.

Sie streicht über die Glasur an der Außenseite ihrer Schale.

„Gefällt mir gut“, sagt sie, als wäre ihre Küche voll solcher Kostbarkeiten.

„Ich habe einen Salat gemacht.“

„Oh, wunderbar. Danke.“ Wenn draußen Schnee liegt, könnte sie zu jeder Mahlzeit ein Pferd verschlingen. Sie hat Hunger, aber sie hätte mit Salat rechnen sollen.
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Hühner, Reis und die Chaostheorie

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Im besten Netzwerk der Welt, dem Texttreff, wird jedes Jahr bloggewichtelt. Diesmal hat mir Anne Webert vom Blog Annes Topfgeflüster ein paar Hühner mitgebracht bzw. spannende Einsichten in deren Lebenswelt. Anne Webert kocht und backt mit Leidenschaft und schreibt als Journalistin über Ernährung, Genuss, Kulinarik und Biodiversität.
Viel Spaß mit den wilden Hühnern in Bild und Text. Und natürlich: Herzlichen Dank, liebe Anne! 

Hühnerflucht; Grafik: Anne Webert

Der Tag des Huhnes beginnt früh. Also jedenfalls bei normalen Hühnern. Und was ich so weiß. Unsere sind Langschläfer – da muss die Sonne schon ein ordentliches Stück zurückgelegt haben, bis die beiden den Stall verlassen und ihren Rundgang im Garten beginnen. Vielleicht liegt es am fehlenden Hahn, vielleicht an der gechillten Umgebung oder der All-you-can-eat-Versorgung. Immer sind die beiden gemeinsam unterwegs, immer in unmittelbarer Nähe zueinander. Nur so fühlen sie sich sicher, nur so sind alle seismographischen Antennen gebündelt und scharf geschaltet.

Da wird gescharrt und geschaut, gepickt und gekackt, gegackert und gewühlt. Stunde um Stunde bewegt sich ein Huhn elegant im verkürzten Solo-Walzer-Wiegeschritt. Einen halben Schritt nach vorn – Scharren – einen halben Schritt zurück – Schauen – einen halben Schritt nach vorn – Aufessen (was auch immer da zutage tritt). Mit diesem immergleichen Rhytmus durchqueren sie den ganzen Garten, einträchtig nebeneinander. Jede im Takt ihrer eigenen Melodie und einem neidischen Blick, was die andere da wohl gerade verspeist. So könnte es ewig sein.

Wenn der Reis und die Schmetterlinge nicht wären …
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