Gefühlsfänger oder Ein Wir kann kein Gefühl haben

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Angst„Du fühlst dich sicher?“, fragt sie. Und statt sich für mich zu freuen, wird sie wütend.

Wie kannst du es wagen, dich sicher zu fühlen, sagt sie. Bist du zu dumm, zu naiv, zu verlogen, um die Angst zu spüren? Wir haben Angst, sagt sie. Wir werden verraten. Wir werden alleine gelassen. Von denen. Willst du eine von denen sein?

Diese Vorwürfe werden nicht immer ausgesprochen. Aber ich lese sie in der wütenden Miene meines Gegenübers. Wer nicht einstimmt in den Chor der Wut, setzt sich ab. Lässt die anderen alleine mit ihrer Wut. Lässt sie im Stich.

Das ist der Vorwurf: Du willst nicht eine von uns sein. Wir sind die vielen. Unsere Angst, unsere Wut, wir. Wir sind es, die ernst genommen und gehört werden müssen. Wer nicht mit uns fühlt, ist ein Fremdkörper.

Eigentlich bin ich eine olle Schisserin. Ich traue mich nicht, bei Eis und Schnee Rad zu fahren. Ich traue mich nicht, vom Fünfmeterbrett zu springen. Ich traue mich oft nicht mal zu flirten, wenn mir jemand gefällt. Die Rolle der Abgeklärten, Coolen und Mutigen ist mir wahrlich nicht auf den Leib geschneidert.
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Cookie – eine Geschichte setzt sich fort: Teil IV

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Cookie; Grafik: Katarina Pollner

Es kam ein Tag, an dem die Hexe Gretchen zum Wasserholen schickte, während sie sich an ihrem geheimnisvollen Pulver zu schaffen machte.

Der Brunnen war in der hintersten Ecke des Gartens. Gretchen musste das Wasser mit einem Eimer heraufholen und in einen Krug umfüllen. Ihr Körper tat das folgsam und effizient, doch Gretchen schrie, so laut sie konnte: „Oh je, der Krug. Der schöne Krug ist in den Brunnen gefallen.“

Cookie kam aus dem Haus gerannt. In einer Hand hielt sie das offene Säckchen mit dem Pulver, in der anderen schwang sie ihren dicken Stock. „Du dummer Trampel“, rief sie.

„Schaut nur nach“, sagte Gretchen. „Der Krug liegt im Brunnen.“

Cookie lehnte sich über den Brunnenrand. Gretchen beugte sich mit gestreckten Armen vor, um sie hinabzustoßen, aber da drehte sich Cookie blitzschnell herum und packte Gretchen an den Handgelenken.

„Eine Gretel bleibt eine Gretel. Deine Vorgängerin war genauso verschlagen wie du. Jetzt bin ich auf der Hut. Das offene Feuer habe ich abgeschafft, dann soll jetzt auch der Brunnen verschwinden.“

Sie zwinkerte und statt des Brunnens stand in der Ecke des Gartens ein Wasserhahn.

„Und dich werde ich windelweich schlagen“, sagte Cookie. Sie hatte ihren Stock fallen lassen. Jetzt wollte ihn aufheben. Sie schrie entsetzt auf. Neben dem Stock lag das leere Säckchen auf dem Boden. Das geheimnisvolle Pulver hatte sich auf der Wiese fein verteilt.
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Cookie – eine Geschichte setzt sich fort: Teil III

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Cookie; Grafik: Katarina PollnerCookie führte die beiden tief in den Wald.

Man sollte mit jemandem, die offensichtlich nicht ganz normal war, nicht in die Wildnis gehen. Aber was war die Alternative? Natürlich hätte die Straße irgendwann zu einem Ort geführt, das war ja zwangsläufig so. Niemand würde eine Straße teeren, die im Nirgendwo endete, oder? Doch Gretchen war viel zu müde und zu durstig, um der Straße weiter zu folgen. Hansel folgte der fremden Frau, ohne zu zögern. Er hatte Gretchen keinen Blick geschenkt, seit Cookie ihn angesprochen hatte. Wäre Cookie nicht alt gewesen, Gretchen hätte vermutet, dass Hansel sie attraktiv fand. Doch das war natürlich ausgeschlossen.

Sie liefen immer weiter in den Wald hinein. Wer hätte vermutet, dass es in Dänemark so riesige Wälder gab. Schließlich gelangten sie an eine Lichtung mit einem kleinen Häuschen. Es war mit braunen Kacheln bedeckt, die sich beim Näherkommen als Lebkuchen entpuppten oder als Kacheln, die echten Lebkuchen phänomenal ähnelten. Gretchen streckte die Hand danach aus, doch Cookie schlug mit ihrem Stock auf Gretchens Finger.

„Knuspere nicht von meinem Häuschen, Gretel, das kann ich nicht leiden.“
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Cookie – eine Geschichte setzt sich fort: Teil II

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Cookie; Grafik: Katarina PollnerDreckig waren sie auch vorher gewesen. Doch jetzt stand das Wasser in ihren Schuhen. Außerdem hatten sie kein Gepäck mehr, denn das hatte der Mann nicht ausgeladen, bevor er aufs Gas getreten und sie in einer Schlammfontäne zurückgelassen hatte. Gretchen versuchte noch einmal das Handy, aber die Eltern waren nach wie vor nicht zu erreichen.

„Verdammt.“

„Ich sage dir, die haben ihre Handys kaputtgekriegt. Und das Auto hat eine Panne. Und jetzt wissen sie nicht, wie sie uns erreichen können.“

„Aber was machen wir?“

„Lass uns vor bis zur Landstraße gehen, vielleicht nimmt uns dort einer mit.“

„So?“

Sie sahen aus wie Mumien aus Matsch.

„Vielleicht ein Bauer auf dem Trecker.“

„Viel Glück.“

„Hast du eine bessere Idee?“

„Nein. Geld haben wir ja auch keines mehr.“

„Und die EC-Karten haben wir nicht dabei. Aus Sicherheitsgründen sagte Vater. Wir hätten nicht auf ihn hören sollen.“

„Mann, die Eltern, die haben das echt verbockt. Das wird denen noch leid tun.“
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Cookie – eine Geschichte setzt sich fort: Teil I

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Eine Fortsetzungsgeschichte im Blog? (Darf ich das? Das liest doch niemand. Gehört das in ein Blog? Lass das mal lieber sein.)

Im Bodenlosz-Archiv hab ich mir das erlaubt.

Vier Tage lang erscheint ein Stück Geschichte. Mein Mini-Voradventskalender mit vier Türen, sozusagen.

Ich fand sie so, die Geschichte, in einem alten Buch, das ich schon eine Weile nicht mehr in die Hand genommen hatte. Unterdessen hatte sie eine Metamorphose durchlaufen; ihre Bestandteile waren durcheinandergerutscht, Figuren hatten sich verwandelt. Oder täuscht mich meine Erinnerung und alles war schon immer so? Wer liest, wird es entscheiden können.

Ich lade ein: Folge der Geschichte von Tag zu Tag wie einer Spur aus Brotkrumen oder aus Steinen im Mondlicht. Oder lies später nach, hintereinanderweg.

Die Reise beginnt:

Cookie – Teil I

Cookie; Grafik: Katarina PollnerEs waren einmal zwei Geschwister, die lebten bei ihren Eltern in einem Einfamilienhaus am Waldrand. Hansel und Gretchen waren recht zufrieden. Beide hatten das Abitur mit mittelmäßigem Erfolg abgeschlossen.

Hansel hatte einen Bachelor in Betriebswirtschaft und überlegte seit drei Jahren, ob er nun einen Master anstreben sollte. Während er darüber nachdachte, surfte er durchs Internet und jobbte gelegentlich als DJ.

Gretchen studierte seit Längerem Kulturwissenschaften, aber sie litt unter Prüfungsangst und konnte deswegen kaum Scheine erwerben. Sie hatte einige Praktika absolviert, zumeist vermittelt durch ihren Vaters, der früher bei der Stadtsparkasse gearbeitet hatte, oder durch einen verheirateten Professor, der Gretchen als angenehme Begleitung empfand.

Kurzum, beide Kinder waren Ende zwanzig und machten keine Anstalten, bald auf eigenen Füßen zu stehen. Sie hatten nicht einmal eine feste Beziehung, wenn man Gretchens Professor nicht rechnete. Im Großen und Ganzen verstanden sie sich gut mit ihren Eltern, das WLAN im Haus war auf dem neuesten Stand und ihre Mutter kochte ausgezeichnet. Selbst die Wäsche ihrer Kinder erledigte sie, wenn diese bereit waren, sich ab und an ein paar Vorwürfe anzuhören. Aus Sicht der Kinder war die Welt in Ordnung.
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