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LabyrinthSchalte ich den Fernseher ein, lande ich in einem Verbrauchermagazin. Geht es um Marken oder Läden, die ich kenne, bleibe ich hängen. Endlich erklärt mir jemand meine kleine Verbraucherwelt.

Nichts im Supermarkt bleibt dem Zufall überlassen. Das hatte ich mir schon gedacht. Aber es funktioniert perfekt und oft unbemerkt. Das Licht am Gemüsestand täuscht Frische vor, Düfte wecken Gelüste, die Waren sind so angeordnet, dass ich möglichst alle Regale ablaufen muss. Manche Produkte, Semmelbrösel zum Beispiel, werden an unwahrscheinlichen Stellen versteckt, damit ich suchen muss und unterwegs anderes finde, das ich zusätzlich mitnehme.

Ist das unsittlich? Ich fühle mich ausgetrickst, aber auch ich würde mir solche Sachen ausdenken, wenn ich einen Laden hätte. Das gehört zum jahrtausendelangen Hase-und-Igel-Rennen zwischen Kunden und Händlern. Schon in der Antike wurden faulige Oliven wahrscheinlich in besonderen Amphoren angeboten, die sie appetitlich erscheinen ließen. Und kaum haben die Käufer verstanden, was läuft, erfinden die Händler einen neuen Kniff.

Was sich mir allerdings nicht erschließt, ist die Strategie, die hinter der Konstruktion moderner Kassen steht. Vielleicht ist es nostalgische Verklärung, aber ich glaube mich zu erinnern, dass das Einpacken der Waren in meiner Kindheit entspannt bei einem Pläuschchen vor sich ging. Hinter der Kasse befanden sich damals zwei geräumige Buchten, in denen die Ware in Ruhe darauf wartete, in den ledernen Einkaufstaschen meiner Mutter verstaut zu werden.

Heute ist der Bezahlvorgang eine sportliche Aktion, bei der die Kassiererin und ich wetteifern, wer schneller räumen kann. Ich muss mich ranhalten, denn sie ist Profi. In manchen Supermärkten gibt es sie zwar noch, die beiden Fächer, in die die Einkäufe über ein Förderband und eine Weiche verteilt werden könnten. Allerdings ist das zweite Fach belegt mit Werbebroschüren und das Betätigen der Weiche scheint den Kassiererinnen bei Strafe verboten zu sein.

Bin ich nicht schnell genug, mischt sich mein Einkauf mit dem der nächsten Kundin. Böse Blicke treffen mich. Manchmal trödelt der Kunde vor mir und ich strafe diesen Verlierer mit Verachtung.

In manchen Supermärkten wurden die Fächer komplett entfernt. Direkt hinter der Kasse lauert ein Abgrund. Wenn ich einen Wagen habe, muss ich meine Sachen in einem Affenzahn hineinschleudern, damit ich Land gewinnen kann. Habe ich keinen Wagen, wird es kritisch.

Kurzum: Während ich dazu manipuliert werde, möglichst lange und gemächlich im Laden zu verweilen, ist an der Kasse Schluss damit. Hier ist die magische Schranke, hinter der ich von der Kundin zum Störenfried mutiere und meine Ware zum Gerümpel, das im Wege ist. Ich werde mit einem Fußtritt nach draußen befördert.

Trotzdem komme ich immer wieder. Der Hunger treibt mich, die kleinen Preise locken und vielleicht auch das falsche Licht am Obststand, bei dem nicht nur ein Pfirsich, sondern auch mein Teint frischer aussieht. Ich und der Supermarkt, wir haben eine wechselhafte Beziehung. Ich lasse mich wieder und wieder verführen, obwohl ich nach jedem One-Shop-Stand abserviert werde.

Was ist der Sinn hinter dieser Strategie? Zufall kann es nicht sein, das haben mich die Verbrauchermagazine gelehrt. Vielleicht hat die Psychologie herausgefunden, dass eine Hassliebe langfristiger fesselt als beständige Freundlichkeit?

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