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Wollphilosophie; Grafik: K. Pollner„Glück ist ein leeres Versprechen“, sagt Margot. „Es gibt nur Abfallglück.“

Heute ist also ein Tag fürs Philosophieren, denkt Inge und konzentriert sich auf die Ferse der Socke.

„Du findest, ich bin defätistisch? Ich sehe, was ist. Wer dem Glück nachjagt, wird leiden.“

Trotz aller Sorgfalt ist eine Masche gefallen. Inge sucht nach ihr. Sie will das Werkstück retten. Es wäre schade um die teure Wolle, die ohne Zutun ein Ringelmuster auf den Socken erscheinen lässt.

„Glück hat ein Verfallsdatum. Kaum stellt es sich ein, beginnt es zu faulen. Die Beteiligten sind unschuldig. Sie können das Glück nicht konservieren. Glück aus der Dose, wer wollte das schon.“

Inge hat die verlorene Masche gefunden. Reihe um Reihe hebt sie die Schlinge hoch.

„Doch gibt es die verlorenen Splitter, die Funken von Glück, die einem in den Schoß fallen, bevor sie zerstieben. Vollkommenheit für einen Augenblick.“

Die Masche ist oben angekommen. Inge streicht über die gleichmäßige Struktur der halb fertigen Socke. Befriedigung erfüllt sie. Oder ist es Glück?

„Und das ist alles, was der Mensch erstreben kann“, schließt Margot und kippt den Eierlikör.


Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen drei Wörter vor, aus denen ein kurzer Text, eine ABC-Etüde, zu schreiben ist. Der Text darf nicht mehr als 300 Wörter lang sein.

Die Wörter für die Textwochen 02/03 des Schreibjahres 2019 spendete Ludwig Zeidler. Sie lauten: Abfallglück, Verfallsdatum und unschuldig.

Vielen Dank an Christiane und den edlen Spender!

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