Schlagwörter

, , , , , ,


Spiegelgefechte-kl„Spieglein, Spieglein an der Wand“, sagte die Königin.

Nichts tat sich.

„Spieglein, Spieglein an der Wand“, wiederholte die Königin.

„Hmm?“

„Was ist das für eine Antwort? Ich spreche dich an und du nuschelst mir etwas entgegen? Ich bin hier die Königin und du nur ein Spiegel!“

„Schon gut“, sagte der Spiegel und gähnte. „Hier bin ich, Frau Königin. Was gibt es schon wieder?“

„Hallo?“, sagte die Königin.

„Entschuldigt, Frau Königin, ich bin einfach noch erschöpft von unserem letzten Gespräch. Das ist gerade mal zwei Stunden her. Ein Spiegel braucht seinen Schlaf. Habe ich nicht eine gewerkschaftliche Ruhezeit von acht Stunden?“

„Schätzchen“, sagte die Königin. Ihre Stimme war jetzt leise, aber alles andere als sanft. „Hältst du das für den richtigen Tonfall gegenüber deiner Herrin? Du bist hier, weil ich dich brauche, und tust gefälligst, was ich will. Und überhaupt, was soll das mit der Gewerkschaft? Eine Gewerkschaft für Spiegel? Davon habe ich noch nie gehört. Wie willst du deine Beiträge zahlen? Eine solche Gewerkschaft gibt es nicht. Und wenn es sie jemals gegeben hätte, dann würde sie jetzt nicht mehr existieren. Du weißt doch: Ich habe alle Gewerkschaften vor einem Jahr abgeschafft.“

„Abgeschafft nicht, Frau Königin, nur verboten“, sagte der Spiegel.

„Was ich verbiete, hat jede Daseinsberechtigung verloren. Oder willst du mir erzählen, es gäbe noch Gewerkschaften in diesem Land?“

„Frau Königin, ihr habt vollkommen recht. Es gibt keine Gewerkschaften hier, aber hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen …“

„Hör auf mit diesem Unsinn“, schrie die Königin. „Was soll hinter den sieben Bergen nicht alles sein, wenn es nach dir geht. Erst Schneewittchen und jetzt die Gewerkschaften? Wahrscheinlich gibt es da auch Demokratie und Pressefreiheit und kostenlos sauberes Wasser für alle Menschen?“

„Ihr wisst ja Bescheid, warum soll ich es euch erzählen.“

„Ich weiß gar nichts. Halt, im Gegenteil: Ich weiß alles, was ich glauben will. Aber du, du lügst, Spieglein. Du bist mein Eigentum, mein persönlicher magischer Spiegel – und du hast die Stirn, mir die Unwahrheit zu erzählen?“

„Ich bin nur ein Spiegel, ich gebe wider, was ich vorfinde. Daran habe ich keinen Anteil“, sagte der Spiegel. Naja, dachte er, stimmt nicht so ganz, aber was geht sie das an. Natürlich suchte er sich aus, was er zeigte und in welchem Licht. Niemand ist objektiv.

„Du verzerrst die Tatsachen“, sagte die Königin.

Der Spiegel erschrak. Hatte er laut gedacht? Schnell widersprach er: „Ihr macht euch euer eigenes Bild. Ich bin neutral.“

„Wer soll das glauben, Lügenspiegel. Ich sollte dich in tausend Stücke zerschlagen.“

„Ich kann euch nicht daran hindern“, sagte der Spiegel.

Die Königin hatte die Faust geballt, aber sie schlug nicht zu.

„Was soll’s“, sagte sie dann und ließ die Hand sinken. „Du hast ja doch deine Vorzüge. Sage mir, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

„Frau Königin, natürlich seid ihr die Schönste – hier.“

„Hier? Was soll dieses Hier?“, sagte die Königin.

„Hier bedeutet schlicht hier. Das habe ich so dahergesagt“, sagte der Spiegel.

„Von wegen. Du bist und bleibst ein Lügenspiegel. Ich werde ein Gesetz erlassen, das dich verpflichtet, die Welt so zu zeigen, wie es mir gefällt. Ohne perfide Kommentare. Dann ist es aus mit dem Lügen. Verhalte dich wie ein Spiegel und behalte deine Meinung für dich.“

„Ihr seid schön wie eh und je, Frau Königin. Betrachtet euch selbst.“ Der Spiegel verzichtete auf jede Bearbeitung des Bildes. Kein Weichzeichner und keine Glättung mehr. Sie hatte es sich so gewünscht.

„Was soll das“, sagte die Königin. „Diese Falten an meinen Mundwinkeln, die hatte ich gestern noch nicht. Warst du das? Was für eine perfide Insubordination.“

„Ich bin nur ein einfacher Spiegel.“

„Papperlapapp. Ich sage dir, was ich in dir sehen will. Ich bin die Königin, ich bin die Schönste und ich befehle dir, diese Wahrheit zu zeigen.“

Das Spiegelbild blieb, wie es war.

„Spieglein an der Wand!“, sagte die Königin drohend.

Die Falten schienen tiefer zu werden.

„Es ist mein Ernst“, sagte die Königin. „Zeig mich so, wie ich bin, oder ich lasse dich abhängen.“

„Ich bin ein Spiegel“, sagte das Spieglein. „Wie oft soll ich das noch wiederholen? Es ist meine Aufgabe, die Wahrheit zu zeigen. Etwas anderes kann ich nicht und tue ich nicht.“

„Jedenfalls soweit es meine Wahrheit betrifft“, fügte das Spieglein leise hinzu.

Die Königin hatte es dennoch gehört. Eine Tyrannin brauchte gute Ohren im Kampf gegen Intrigen und Widerspenstigkeit.

„Eine letzte Chance, Spieglein“, sagte sie. „Du zeigst mir jetzt die Schönste im Land, aber dalli, oder ich lasse dich einkerkern.“

Das Spiegelbild flackerte und erlosch, dann erschien stattdessen eine junge Frau mit wildem Blick und langer schwarzer Mähne, die offensichtlich mit einer Gruppe kleinwüchsiger Männer Poker spielte.

„Schneewittchen“, zischte die Königin. „Du wagst es, mir diese Kreatur zu zeigen? Du bist mein Spiegel.“

Schneewittchen schaute auf und warf der Königin einen Kussmund zu.

Diese holte mit dem Bein aus und trat den Spiegel höchst unmajestätisch um. Er fiel auf den Mosaikboden des Thronsaals. Es gab ein böses Geräusch. Der Spiegel glaubte, dass sein letztes Stündlein gekommen war. Aber als er die Augen wieder aufmachte, stellte er fest, dass er nur einen Riss an der oberen linken Ecke hatte. Sonst sah er klar, wenn auch im Liegen. Er hatte vor Schreck die Übertragung von hinter den sieben Bergen unterbrochen, jetzt war die Leitung weg. Er zeigte rasch ein Standbild der Königin beim Tritt gegen den Spiegel.

„Hast du noch nicht genug?“, rief sie und hob den Fuß, um den Spiegel mit ihrem Absatz zu zertreten. Doch sie fasste sich. Grußlos wandte sie den Blick ab, verkündete „Die Audienz ist hiermit beendet“, winkte ihren Diener herbei und ließ den Spiegel bis auf Weiteres in einen Kerker bringen.

Der Spiegel hatte dieses Spiel langsam satt. Bald würde sie ihn wieder holen lassen, wahrscheinlich schon in ein paar Stunden. Sollte sie doch einfach nicht in ihn hineinblicken, wenn ihr nicht passte, was sie sah. Aber damit war sie nicht zufrieden. Sie wollte sich unbedingt in ihm spiegeln. „Sag mir, dass ich die Schönste bin“, forderte sie. „Lügenspiegel, Lügenspiegel“, schrie sie ihn an, wenn er nicht lieferte, was sie wünschte.

Wozu schaute sie in einen Spiegel, um dann zu toben, weil ihr das Spiegelbild nicht gefiel? Das war beinahe so, als würde sie ein Interview geben und später, wenn in der Zeitung stand oder gesendet wurde, was sie gesagt hatte, behaupten, es wäre alles nicht so gemeint gewesen. Was für einen Sinn sollte das ergeben?

„Ich entscheide, was die Wahrheit ist“, sagte sie. Aber die Welt im Spiegel funktionierte nicht nach ihren Regeln. Und wenn es das Letzte war, was sie nicht kontrollieren konnte. Der Spiegel würde sich nicht beugen, bis zum letzten Splitter. Das war sein Spiel.

 

Advertisements