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Toepfchen. Grafik: K. PollnerWenn ein Kind heute im Wald spazierte und eine alte Frau träfe. Die schaute das Kind freundlich an und fragte es, ob es Hunger habe.

„Und ob“, sagte das Kind, denn das Frühstück war schon eine Weile her. Das Kind kam aus der Schule.

„Dann habe ich hier etwas für dich“, sagte die wunderliche alte Frau und zog aus einer ihrer Plastiktüten einen kleinen Topf. Der Topf war angestoßen, aber er schien sauber zu sein. Das Kind wollte ihn nicht annehmen, denn die Frau schien nicht sehr viele Habseligkeiten zu besitzen. Doch sie bestand darauf, ein Geschenk sei ein Geschenk. Und so nahm das Kind den kleinen Topf mit und lief nach Hause.

Es wusste, dass seine Mutter den Topf nicht haben wollte. Unhygienisch würde sie ihn nennen und überhaupt hatten sie einen Induktionsherd. Deswegen hatte die Mutter alles neu gekauft und die alten Töpfe für Geflüchtete gespendet.

Also nahm das Kind den Topf mit in sein Zimmer und stellte ihn ins Regal. Da das Kind nicht übermäßig ordentlich war, standen bald andere Dinge vor dem Topf. Jeden Tag brachte das Kind irgendetwas mit nach Hause und vieles davon landete in seinem Regal.

Die Mutter schaute das vollgepfropfte Regal missbilligend an, aber sie hatte genug damit zu tun, das Kind dazu zu bewegen, die Zähne zu putzen und eine Gasse freizuhalten, damit man zum Bett kommen konnte, ohne auf Legosteine oder Playmobilfiguren zu treten. Was im Regal war, lag wenigstens nicht auf dem Boden.

So geriet das Töpfchen in Vergessenheit und das Kind wurde älter. Es wuchs zu einem jungen Mädchen heran und schließlich, als es Besuch von seinem ersten Freund bekommen sollte, beschloss es, das Regal auszuräumen. Es wollte das verstaubte Töpfchen in den großen blauen Sack zu den übrigen Dingen werfen, die es mit der Kindheit auf den Müll werfen wollte, doch dann zögerte es.

Ihm fiel die Alte im Wäldchen ein. Ob die wohl noch lebte? Das Töpfchen erschien dem Mädchen auf einmal wie ein Vermächtnis. Das Mädchen fühlte sich nicht ernst genommen von seiner Mutter, nein, eigentlich von niemandem auf der ganzen Welt, abgesehen vielleicht von seinem Freund. Und auch den kannte das Mädchen noch nicht gut, wer weiß, ob der sie wirklich leiden mochte.

Die Alte hingegen hatte ihr das Töpfchen gegeben. Sie war schrullig gewesen, wahrscheinlich hatte sie keine Wohnung gehabt, jedenfalls trug sie eine Menge Tüten und Taschen mit sich herum. Gestunken hatte die alte Frau nicht, daran hätte sich das Mädchen auf jeden Fall erinnert. Aber ihr Gesicht war runzelig gewesen und von der Sonne verbrannt. Alles in allem war die Alte nicht die Art von Mensch, den das Mädchen gerne kennenlernen wollte. Aber sie hatte ihr etwas geschenkt.

Das Töpfchen sah alt aus. Ob es aus Gusseisen war? Jedenfalls war es von einem tiefen, stumpfen Schwarz, das das Licht zu schlucken schien. Auf dem Deckel war eine Verzierung eingeprägt. Nein, es waren Buchstaben. „Koche koche süßen Brei!“ entzifferte das Mädchen. Sie wiederholte die Worte laut. Was für ein Kitsch. Das Töpfchen sollte doch in der blauen Tüte landen. Brei konnte sie nicht leiden. Da war ganz viel Gluten drin und das machte dick, da war sie sicher.

Autsch. Sie ließ das Töpfchen fallen. Es rollte durch das Zimmer und blieb auf der Seite liegen. Der Deckel kullerte weiter bis unter den Schrank. Eben hatte das Töpfchen schwarz ausgesehen, aber jetzt schimmerte es rot. Als ob es glühte. Es hatte sich auch heiß angefühlt, deswegen hatte sie es ja fallen lassen.

Vorsichtig ging sie ein paar Schritte auf das Töpfchen zu. Drin blubberte es. Und dann floss eine weißliche Masse auf den Teppich. Sie stellte das Töpfchen rasch aufrecht hin und verbrannte sich dabei die Finger. Sie fluchte. Das Töpfchen dampfte. Die pappige, helle Masse quoll weiter aus ihm heraus und fiel in dicken Placken auf den Teppich. Die Mutter würde sich schrecklich aufregen, wenn sie das saubermachen musste. Was sollte sie bloß tun? Sie konnte das heiße Töpfchen nicht mit bloßen Händen anfassen. Sie lief in die Küche und griff nach den Topflappen.

„Wozu brauchst du die denn?“, fragte die Mutter, die gerade einen Salat fürs Abendbrot vorbereitete.

„Ich habe keine Zeit, es zu erklären, es ist wichtig“, sagte das Mädchen.

„Halt, Madame! Das sind meine neuen Topflappen und ich will nicht, dass du die für irgendwelche Experimente in dein Zimmer verschleppst.“

„Mama, jetzt nicht! Ich muss ganz dringend …“

„Was ist los? Was hast du angestellt? Was riecht denn da so komisch?“ Die Mutter schaute misstrauisch in Richtung Wohnungsflur. Das Mädchen griff nach den Topflappen und rannte zu ihrem Zimmer. Da sah sie, dass unter ihrer Tür schon der dicke Brei herausfloss.

„Was hast du gemacht?“, schrie die Mutter.

„Nichts“, sagte das Mädchen.

„Das sehe ich. Das wird Konsequenzen haben“, sagte die Mutter. Sie ging beherzt auf die Kinderzimmertür zu und drückte sie auf. Die Tür schien Widerstand zu leisten, aber dann gab sie nach. Brei quoll durch den Spalt in den Wohnungsflur.

„Was zum Teufel …“, sagte die Mutter.

Sie standen bald knöcheltief im Brei. Der Brei war immer noch heiß. Er klebte an den Schuhen.

„Hilfe“, schrie die Mutter, erst leise und dann immer lauter. Sie kämpfte sich zum Telefon durch und rief die Polizei. Nach dem Telefonat wateten sie schon kniehoch durch süßen Brei. Sie rannten aus der Wohnung auf die Straße.

Abends konnte man in den Nachrichten sehen, wie die ganze Stadt im Brei versank. „Der Gluten-Gau“, titelte die Bildzeitung. „Werden wir alle im Brei ersticken?“

Die alte Frau sah die Schlagzeile erst einen Tag später, als sie eine alte Zeitung aus dem Müll fischte. Sie war ein paar Städte weitergezogen. Ihr war sofort klar, dass der Brei aus dem magischen Töpfchen stammen musste. Sie erinnerte sich, dass sie das Töpfchen in der Stadt unterm Brei vor langer Zeit an irgendjemanden verschenkt hatte. Das hatte sie oft bereut. Nun war die Sache außer Kontrolle geraten. Wie das Leben so spielt. Sie überlegte, wie der Zauberspruch lautete, der den Brei zum Einhalten brachte. Ein Reim fiel ihr ein, aber sie war sich nicht sicher, ob er der richtige war. Vielleicht würden ein paar Schlucke Schnaps ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Sie öffnete die nächste Flasche und vergaß bald den Brei.

Erst in der nächsten Nacht, als sie vor Kälte nicht schlafen konnte, erinnerte sie sich wieder. Der Brei kam auf sie zu gekrochen und hüllte sie ein. Die Wärme ließ sie wohlig seufzen. Endlich fand sie in den Schlaf. Auf das gute alte Töpfchen war doch Verlass.

 

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