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Prinzessinnenkleid, Grafik: K. PollnerAls Kind war ich überzeugte Anhängerin der Monarchie. Beziehungsweise hätte ich gerne der Monarchie angehört. Beziehungsweise wären mir das blaue Blut, das Schloss und eventuell sogar das weiße Pferd egal gewesen. Es ging mir um die Kleider.

Ich malte am liebsten Prinzessinnen. Das Kleid füllte die Bildfläche. Nebensächlichkeiten wie Kopf, Krone und Füße passten nicht immer auf das Blatt. Prinzessinnenkleider sind bunt. Starke Farben. Am Oberteil lagen die Kleider eng an, der Rock wölbte sich weit nach außen und reichte bis auf den Boden. Verziert waren die Kleider großzügig mit Gold und Silber, Bändern und Litzen in Kontrastfarben.

Ich selbst hatte solche Kleider nicht, nicht einmal im Fasching durfte ich als Prinzessin gehen. Ich wurde als Clown verkleidet, das war praktischer und sah so schön fröhlich aus. Auf dem einen Faschingsfoto, das ich besitze, heule ich, im Clownskostüm mit roter Nase. Anklagend halte ich eine riesige Dauerbrezel in die Höhe. Dauerbrezeln mochte ich genauso wenig wie Clownskostüme. Aber diese Brezeln waren sehr praktisch, da sie fast unbegrenzt haltbar waren.

Praktisch!

Ich wurde älter und vergaß meine Leidenschaft für Prinzessinnenkleider. Ab und zu, wenn ich einen Kostümfilm ansah, regte sie sich wieder. Ich stellte mir vor, in einen Laden zu gehen und ein Prinzessinnenkleid zu kaufen. Es wäre strahlend und einzigartig und wie für mich gemacht. Was heißt, es wäre wie für mich gemacht? Es wäre natürlich nur für mich gemacht!

Nach wenigen Minuten fiel mir stets ein, dass ich mir ein solches Kleid nicht leisten könnte, dass ich es nicht brauchte, dass ich keine Gelegenheit hätte, es zu tragen, und mich vermutlich auch nicht trauen würde, es anzuziehen. Ich wurde vernünftig und dachte praktisch. Ein Leben ohne Prinzessinnenkleider ist möglich.

Dann zog ich nach Neukölln. Und ich stellte fest: In einem Umkreis von 50 Metern um meine Wohnung gibt es sechs Fachgeschäfte für Prinzessinnenkleider.

Vielleicht ist es allgemein bekannt, aber ich persönlich wusste vorher nicht, dass in Neukölln so viele Prinzessinnen wohnen. Man sieht sie auch nie auf der Straße. Jedenfalls nicht in ihren Kleidern. Was natürlich auch unpraktisch wäre, denn Prinzessinnenkleider sind sehr lang, viele haben Schleppen und der Boden in Neukölln ist nicht immer der sauberste.

Ich wollte die Prinzessinnen treffen. Ich beobachtete die Kleiderläden, aber ich sah nie jemanden hineingehen. Mag sein, dass die Prinzessinnen beliefert werden, mag sein, dass sie auf Sänften durch geheime Gänge von hinten in die Läden hineingetragen werden. Ich war jedenfalls die einzige, die vor den Schaufenstern stand und staunte.

Die Kleider sind so, wie ich sie als kleines Mädchen gemalt habe: blutrot, smaragdgrün, saphirblau. Sie glänzen und glitzern, manche haben sogar Trompetenärmel – in meiner Kleinmädchenkollektion war das der letzte Schrei. Die Kleider sehen aus, als hätte ein Designer meine Bilder in die Realität umgesetzt. Das muss ein Zeichen sein.

Ich nahm mir ein Herz und ging in den größten Prinzessinnenkleiderladen hinein. Eine stark geschminkte Dame mit hoch aufgetürmtem Kopftuch schaute mir verwundert entgegen. „Was wünschen Sie?“, fragte sie und musterte mich skeptisch.

Sah ich so wenig nach einer Prinzessin aus? Lass dich nicht einschüchtern, sagte ich mir, hob den Kopf, schob meine mentale Krone zurecht und sagte laut: „Ich würde mir gerne ein paar Kleider ansehen!“

„Für eine Hochzeit oder eine Beschneidungsfeier?“, fragte die Verkäuferin.

„Bitte?“ Jetzt war ich diejenige, die verblüfft aussah.

„Wofür soll das Kleid denn sein? Und wann soll die Feier stattfinden?“

„Feier?“

Sie schien zu resignieren. „Kommen Sie!“, sagte sie und bedeutete mir mit Gesten, dass ich ihr folgen sollte. Zweifelte sie an meinen Deutschkenntnissen oder an meinem Verstand? Sie führte mich zu einer Kleiderstange, an der schreckliche Kleider in gedeckten Farben hingen. Keines war leuchtend rot oder lila. Kein einziges.

„Die Kleider im Schaufenster sehen aber ganz anders aus“, brachte ich hervor.

„Oh, Entschuldigung“, sagte die Verkäuferin. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie die Braut sind.“

„Braut? Ich will nicht heiraten“, sagte ich. Die Verkäuferin schaute mich an, als ob ich verrückt sei. Irgendetwas lief hier schief. Ich stammelte eine Entschuldigung und lief aus dem Laden.

Erst nach einer Weile begriff ich: Natürlich sollte nicht jede dahergelaufene Person die Prinzessinnenkleider kaufen können. Die Neuköllner Prinzessinnen sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich mit sinnlosen Parolen schützt, wenn Uneingeweihte ihre Läden betreten. Das ist ein Problem, denn ich kenne die richtigen Antworten nicht. Wie soll ich da Kontakt aufnehmen? Ich weiß, ich bin eine von ihnen. Aber sie können das nicht ahnen.

Seitdem suche ich nach verschlüsselten Hinweisen und Spuren. Allein, ich finde die Prinzessinnen nicht. Vielleicht sollte ich eine Kleinanzeige aufgeben oder Abreißzettel an die Laternen hängen: Prinzessin sucht Pendants!

Ich träume immer noch von Prinzessinnencafés, Hinterhofpartys, zu denen ich mit einem bodenlangen, blutroten Kleid mit Tulpenärmeln, Goldverschnürung und einem kleinen Krönchen gehen könnte, ohne mich fehl am Platz zu fühlen. Wir würden heiße Schokolade aus zierlichen Tässchen trinken und draußen im Hinterhof grasten die Einhörner.

Natürlich könnte ich mir einfach trotzig ein Prinzessinnenkleid kaufen. Zur Not könnte ich behaupten, eine Hochzeit zu planen. Aber wo sollte ich das Kleid tragen? Zu Hause würde ich nur die Bücher aus dem Regal reißen mit meinem ausgestellten Rock. Es hat keinen Sinn, es ist unpraktisch.

Irgendwo in meiner Umgebung treffen sie sich, die Neuköllner Prinzessinnen. Das weiß ich gewiss. Sie rascheln, glitzern und glänzen. Sie brauchen keine Monarchie und tragen trotzdem Kronen auf dem Kopf.

Manchmal, wenn ich spätabends durch die Straßen laufe, höre ich ihr Lachen. Ich folge dem Klang in einen verwunschenen Hinterhof, aber ich kann sie nicht entdecken. Etwas blitzt auf, ich höre ein leises Kichern, silberne Pailletten liegen verstreut im Hof. Alles weist darauf hin, dass die Prinzessinnen in meiner Nähe sind. Und ich werde sie finden.

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