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In adventlicher Stimmung blätterte ich wieder einmal durch ein sehr altes Buch und stellte erneut fest, dass mir Namen und Begebenheiten bekannt vorkamen, sich die Geschichten aber irgendwie verändert hatten. Zum Beispiel diese hier.

Gold hat man einfach nie genug

Agoldtruhels ich noch im Dorf wohnte, musste ich mein Kleid immer wieder flicken und wenden. Mein Vater, der Müller, verdiente zwar nicht schlecht, aber er war geizig.

Eines Tages kam einer von diesen arroganten Pinkeln auf unseren Hof. Er führte ein lahmendes Pferd bei sich. Seine engen, goldbestickten Hosen überließen nicht viel der Phantasie und an seinen Schuhen hatte er silberne Glöckchen befestigt.

Der reiche Mann stellte sich mitten in den Hof und schrie: „Ist hier niemand?“

Ich saß am Brunnen und spann Wolle aus Ziegenhaar. Er musste mich gesehen haben, doch ich war ja niemand. Also antwortete ich nicht.

Er schaute mich direkt an und rief: „He, ein Gast!“

„Das Gasthaus ist im nächsten Ort“, sagte ich.

„Königliche Hoheit“, rief da mein Vater, der keuchend und schweißüberströmt in den Hof kam. Er musste von der Mühle aus gerannt sein. Er warf sich vor dem König in den Staub und küsste ihm die Füße. Hinter ihm lief gemächlicher unser Knecht Rumpelstilzchen. Er lehnte sich an die Scheunenwand und grinste.

„Ich hoffe, meine Tochter hat euch etwas angeboten“, sagte mein Vater.

„Leider nein, euer Töchterchen zog es vor, am Brunnen zu sitzen und zu spinnen.“

Mein Vater warf mir einen wütenden Blick zu. Dann schaute er den König an und sagte rasch: „Ihr müsst verstehen, sie hat eine besondere Gabe. Sie spinnt …“

„Was ist daran besonders?“

Mein Vater schien fieberhaft zu überlegen. Dann sagte er: „Meine Tochter spinnt Stroh zu Gold.“

„Ach ja?“, sagte der König. „Mir sieht das nach gewöhnlichem Ziegenhaar aus.“

Er trat näher zu mir heran. Was hatte mein Vater getan? Wer dem König Lügen erzählte, würde dafür büßen müssen. Ich schaute auf den Faden, der durch meine Finger lief. Er glänzte und auch die Wolle, die schon gesponnen war, schimmerte wie reines Gold. Statt des Ziegenhaars lag zu meinen Füßen ein Bündel Stroh.

Der König war beeindruckt, mein Vater blass, aber hoch erfreut. Rumpelstilzchen kaute an einem Strohhalm und zwinkerte mir zu.

Mein Vater lud den König zu einem Wein in die Stube ein und Rumpelstilzchen passte dem Pferd ein neues Eisen an. Ich saß am Brunnen und spann Gold. Und erst als der König aus dem Hof ritt, verwandelte sich das Stroh wieder in Ziegenhaar.

Das gesponnene Gold nahm mein Vater mit in die Stube und legte es auf den Küchentisch.

„Setz dich zu mir“, sagte er und bot mir ein Glas Wein an. Noch nie hatte er das getan. „Ich habe mit dem König einen Handel abgeschlossen. Er hat eine Kammer voll Stroh und du wirst dieses Stroh morgen zu Gold spinnen. Dafür will er sich mit dir verloben. Und wenn du Königin bist, dann wirst du in Saus und Braus leben und ich werde Hoflieferant.“

„Aber ich kann doch gar nicht …“

„Papperlapapp. Hier auf dem Tisch liegt der Beweis, dass es kannst. Du musst dir nur Mühe geben. Denk positiv!“

*****

So kam es, dass ich am nächsten Nachmittag weinend in einer Kammer voll Stroh saß. Es war mir zwar ganz recht, wenn mich der König nicht heiraten würde. Aber er würde meinen Vater und mich hart bestrafen.

Es klopfte an der Tür und Rumpelstilzchen kam herein.

„Was weinst du?“, fragte er.

„Warum wohl“, gab ich zurück. „Willst du dich an meinem Elend weiden?“

„Aber nein“, sagte er. „Ich habe dich viel zu gern.“

Ich wusste, dass Rumpelstilzchen mich mochte. Er hatte schon ein paar Mal versucht, mich zu küssen. Aber er war gerade einen Meter fünfzig groß und trug einen roten Ziegenbart. Und obwohl er klug und listig war und mich zum Lachen bringen konnte, wollte ich mich mit einem Zwerg ohne Auskommen nicht einlassen.

„Helfen kannst du mir aber auch nicht“, sagte ich. „Der König wird mich und meinen Vater aus dem Land jagen oder uns Schlimmeres antun.“

„Warum denn?“, fragte Rumpelstilzchen.

„Weil ich kein Gold für ihn habe, Stupid.“

„Tatsächlich?“

Ich schaute mich um und alles Stroh war in Gold verwandelt.

„Wow“, sagte ich. „Wie ist das passiert?“

„Du musst das Stroh zu Gold gesponnen haben.“ Rumpelstilzchen lachte.

******

Der König war begeistert. Aber obwohl er meinem Vater versprochen hatte, mich zu heiraten, wollte er noch nicht darin einwilligen. Das Königreich sei verschuldet, sagte er. Die schlechten Ernten, Steuerausfälle und Ausgaben für neue Uniformen für die Leibgarde, das müsse mein Vater verstehen. Er habe noch eine größere Kammer voller Stroh. Erst wenn ich das zu Gold gesponnen hätte, sei er überhaupt in der Lage, eine Hochzeit zu finanzieren.

Am nächsten Tag saß ich also wieder in der Bredouille. Ich spann und spann, aber Stroh blieb Stroh. Ich beschloss wegzulaufen. Ich öffnete die Tür und da stand Rumpelstilzchen.

„Lass mich durch“, sagte ich. „Ich muss weit weg sein, bevor der König kommt.“

„Warum?“

„Weil er mich bestrafen wird, wenn er sieht, dass die Kammer voller Stroh ist.“

„Ist sie das?“, fragte er. Und schon standen wir inmitten von Gold, das blinkte und glitzerte und in Rumpelstilzchens Augen blitzte. Ich war so erleichtert, dass ich Rumpelstilzchen um den Hals fiel, was er sogleich nutzte, um mich zu küssen. Doch ich befreite mich rasch wieder.

„Was fällt dir ein“, sagte ich.

„Ach so, du bist ja die zukünftige Königin“, sagte Rumpelstilzchen.

Mein Herz wurde schwer. Ich stellte mir vor, tagein, tagaus neben dem geldgierigen Hohlkopf auf dem Thron zu sitzen. Was hatte mein Vater mir da angetan!

Als der König am Abend das Gold sah, wurde seine Gier noch größer. Er füllte einen großen Saal mit Stroh, das ich bis zum nächsten Abend zu spinnen hätte.

Am dritten Tag setzte ich mich morgens zwischen das Stroh und versuchte gar nicht, es zu spinnen. Am Nachmittag kam Rumpelstilzchen und das Stroh wurde zu Gold.

„Rumpelstilzchen“, sagte ich. „Hältst du mich für bescheuert? Du bist es, der hier die Wunder bewirkt.“

Er wand sich ein wenig, aber dann gab er es zu. Sein Vater sei ein wunderliches Männchen im Wald gewesen. Seine Mutter hätte sich für ihr Affäre geschämt und versucht, es zu vertuschen. Aber man sehe es ihm ja an, dass er kein richtiger Mensch sei. Zwar könne er ein wenig zaubern, aber er wäre eben ein mickriges Kerlchen und daran könne er nichts ändern. Seine Macht war nicht von dieser Art. Wie er sich wünschte, ein ganz gewöhnlicher Mann zu sein, in den ich mich verlieben könnte. Dafür würde er alle Zauberkraft hergeben.

„So hässlich bist du doch gar nicht“, sagte ich.

„Ach, hör auf, du willst mich nur trösten“, sagte er und stampfte mit dem Fuß. Dukaten rollten über den Boden. „Außerdem wirst du jetzt ohnehin Königin.“

„Ehrlich gesagt würde ich lieber deine Frau werden als Königin an der Seite von diesem Gierschlund“, sagte ich.

„Wirklich?“

„Naja, vielleicht. Aber ihn heiraten will ich definitiv nicht. Warum muss ich überhaupt heiraten? Ich finde die Institution der Ehe veraltet und restriktiv. Es muss doch bessere Lebensformen geben. Ist Monogamie unabdingbar?“

„Könnten wir das bitte ein andermal ausdiskutieren?“ sagte Rumpelstilzchen. „Es wird bald Abend. Du willst nicht Königin werden?“

„Es bleibt mir doch keine Wahl!“

„Der König hat sein Versprechen bis jetzt nicht gehalten. Außerdem: Auch als seine Frau wirst du Stroh spinnen und weinen, bis er dich verstößt.“

Rumpelstilzchen hatte natürlich Recht. Das hatte ich auch schon befürchtet.

„Aber du wirst mir doch weiterhin helfen, Gold zu machen?“

„Nicht wenn du den König heiratest. Soll ich seine Kinder mit aufziehen?“

„Was soll ich denn tun?“ Es fing an zu dämmern und ich hörte in der Ferne die Säbel der königlichen Leibgarde klirren.

„Es bleibt dabei, du willst lieber meine Frau werden als Königin?“, fragte er.

„Wie oft denn noch. Über die Heirat reden wir später, aber ich will mit dir zusammen fortgehen.“ Tatsächlich schien mir, dass Rumpelstilzchen in den letzten Minuten gewachsen war. Selbst sein Bärtchen war zwar keine Zierde, aber es störte mich nicht mehr so sehr. Vielleicht würde er es abrasieren, wenn ich ihm gut zuredete.

„Lass mich nur machen“, sagte er und versteckte sich unter dem Gold, weil der König schon in den Saal trat. Der ging hin und wühlte mit beiden Händen in Münzen und Nuggets. Mein Vater war auch gekommen.

„Werdet ihr meine Tochter nun zur Frau nehmen?“, fragte er.

Der König schaute verärgert auf und streifte sich Goldklümpchen von den Händen. „Du kannst es nicht lassen. In Gottes Namen, ja, ich werde sie heiraten, gleich morgen Früh. Danach kann sie wieder spinnen. Ob sie dabei eine Krone trägt, ist mir einerlei. Lass mich jetzt in Ruhe meine Schätze betrachten. Und nimm deine Tochter mit, noch wohnt sie ja nicht hier. Bei Tagesanbruch soll Hochzeit sein, damit wir keine Zeit verlieren und sie spinnen kann, solange das Tageslicht reicht.“

Mein Vater packte mich an der Hand und führte mich auf seinen Hof. Ich schaute mich nach Rumpelstilzchen um, aber ich konnte ihn nicht entdecken. Am Morgen standen wir vor Sonnenaufgang an der Kapelle. Von Rumpelstilzchen imme noch keine Spur. Das Schloss ragte dunkel um uns auf und schälte sich langsam aus der Nacht. Mir war kalt. „Reiß dich zusammen, was gibt’s denn da zu heulen“, sagte mein Vater.

Da nahte der König. Er hatte nur zehn Diener dabei und einen Priester, der uns in wenigen Minuten vermählte. Rumpelstilzchen half mir nicht. Mein Vater kniff mich und ich sagte ja. Dann setzte mir der König eine Krone auf, befahl mir, mich zu schnäuzen, und führte mich in den Thronsaal, der voller Stroh lag.

„Bis heute Abend möchte ich hier nur noch Gold sehen“, sagte er. „Jetzt bin ich auf der Jagd.“

Auf einmal stand Rumpelstilzchen vor ihm. Die Wachen erschraken.

„Schafft diesen Wicht weg, er beleidigt meine Augen“, schrie der König.

„Halt“, sagte Rumpelstilzchen. „Ihr wolltet doch nur noch Gold sehen. Hier bin ich, um euren Wunsch zu erfüllen.“

„Ich brauche dich nicht. Meine Königin kann Stroh zu Gold spinnen.“

„Das kann ich nicht“, sagte ich.

„Was redest du da, Weib?“

„Ich kann es nicht. Ich konnte es noch nie. Und ich will es auch nicht.“

„Du bist meine Frau und tust, was ich dir sage!“

„Regt euch nicht auf“, sagte Rumpelstilzchen. „Ich kann euch alles Gold geben, das ihr wollt.“ Er zwinkerte und das Stroh verwandelte sich. „Habt ihr genug und lasst eure Frau in Ruhe?“, fragte Rumpelstilzchen.

„Gold hat man nie genug“, sagte der König. „Solange ich Stroh auftreiben kann, werde ich nicht aufhören, sie spinnen zu lassen. Sonst wäre ich ja blöd.“

„Ihr wollt noch mehr?“, fragte Rumpelstilzchen, stampfte mit dem Fuß und das Schloss verwandelte sich in Gold.

„Sehr schön“, sagte der König. „Am besten behalte ich dich als meinen Gefangenen hier, damit du mit der Königin zusammenarbeiten kannst. So werde ich der reichste König der Welt. Gold hat man einfach nie genug.“

„Tatsächlich?“, fragte Rumpelstilzchen.

„Natürlich. Ich liebe den Geruch von Gold, wie es sich anfühlt, wie es glitzert und glimmt. Am liebsten wäre ich selbst aus Gold.“

„Das kannst du haben“, sagte Rumpelstilzchen, sprang hoch, drehte sich um seine Achse und landete auf beiden Füßen. Schon waren der König und sein Hofstaat Statuen aus Gold. „Komm“, sagte Rumpelstilzchen und hielt mir die Hand entgegen. Ich warf die Krone auf den Boden, schlug ein und wir liefen hinaus auf den Hof. Vor der Kapelle stand mein Vater, zu purem Gold erstarrt.

„Kannst du ihn nicht wieder zu Fleisch und Blut werden lassen?“, fragte ich, denn er tat mir leid.

„Feinsliebchen, das kann ich leider nicht. Ich kann nichts lebendig machen, das ist mir verwehrt. Aber er hat jetzt Gold genug und wird nicht weiter altern.“

Wenn ich es recht bedachte, waren die größten Wünsche meines Vaters damit in Erfüllung gegangen. Ich warf noch einen letzten Blick zurück, dann ging ich mit Rumpelstilzchen.

„Ich kann nichts lebendig machen und ich kann auch meine Gestalt nicht verschönern“, sagte er traurig. Ich schaute ihm ins Gesicht und sah, dass es nicht schöner hätte sein können.

Seitdem leben wir glücklich zusammen. An Gold mangelt es uns nie. Natürlich sind wir nicht verheiratet. Die Ehe überzeugt mich einfach nicht, aber wir haben viel Zeit, darüber zu streiten. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann diskutieren wir noch heute.

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