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ttbw_buttonJedes Jahr wird im Texttreff gewichtelt. Wer einen Blog hat, darf ein Los in den Hut stecken und zieht dafür ein anderes heraus. Mein Los hat diesmal Sabine Schlimm gezogen. Das hat mich besonders gefreut, denn ihren Blog „Schmeckt nach mehr. Vom Essen und von den Gefühlen“ mag ich sehr. Jetzt hat sie dem Bodenlosz-Archiv ihren Wichtelbeitrag spendiert. Vorhang auf und viel Vergnügen!

Sabine SChlimm

Guter Vorsatz, Aktenzeichen XU65849TW163/131231

torte2014Zettel. Überall Zettel. Sie ließ den Blick an den übereinandergeschichteten Eisschollen aus weißem Papier hinaufwandern. Ein Blatt, gefährlich nah an der Kante eines Stapels gelegen, flatterte in dem plötzlichen Luftzug und segelte langsam hinunter. Frau S., die noch in der Tür gestanden hatte, trat einen Schritt nach vorn und fing es auf.

Herr W. räusperte sich. „Ja, also … das wäre dann also Ihre Aufgabe, Frau … äh …“

„S.“, murmelte sie, den Blick auf das Blatt in ihrer Hand gesenkt. Es war überschrieben mit „Neujahrsvorsätze 2014“, danach folgte ein langes Aktenzeichen.

„Tja. So viel zu Fortschritt und papierlosem Büro. Hätte ich Ihnen gleich sagen können, dass so ein Projekt bei uns gegen die Wand fährt. Hier im Vorsatzarchiv kann man nicht einfach mal kommen und irgendwelche Standardlösungen implementieren, aber das kapieren die Fuzzis aus der EDV ja immer erst hinterher. Jedenfalls ist ausgerechnet zu Silvester das nagelneue Superduper-Hightech-Webinterface ausgefallen.“ Er betonte das Wort mit ironisch hochgezogenen Augenbrauen. „Und dem EDV-Notdienst ist dann nichts Besseres eingefallen, als alle eingehenden Vorsätze einfach auszudrucken. Warum wundert mich nicht, dass ausgerechnet meine Abteilung den Schlamassel jetzt ausbaden muss?“ Er wandte sich wieder ihr zu. „Ja, also, jedenfalls herzlich willkommen, Frau … äh … Gut, dass Ihre Zeitarbeitsfirma so schnell jemanden schicken konnte. Frau L. wird Ihnen zeigen, wie Sie die Vorsätze in unsere Datenbank eingeben müssen. Viel Erfolg.“

Als er die Tür hinter sich zufallen ließ, brachte der Luftzug weitere Zettel ins Rutschen. Frau S. beobachtete, wie sie zu Boden fielen, dann stellte sie ihre Tasche neben den Schreibtisch und setzte sich vorsichtig auf den Drehstuhl vor dem Papiergebirge.

Von dem Schreibtisch gegenüber war eine nicht mehr ganz junge Frau mit pechschwarz gefärbtem Pagenkopf aufgestanden. „Hallo, ich bin Karin L.“ Sie umrundete den Schreibtisch und schüttelte Frau S. die Hand. Der fiel auf, dass das Lippenstiftrot der neuen Kollegin genau zu der auf den Pullover applizierte Satinschleife passte, unter der neckisch ein eingestricktes Kätzchen hervorlinste. „Es gibt viel zu tun, lassen wir’s langsam angehen, was?“ Karin L. kicherte ein bisschen und griff wahllos nach einem der Zettel. „Dann wollen wir mal.“

***

„Und jetzt versuchen Sie es alleine.“ Frau L. kehrte zu ihrem eigenen Schreibtisch zurück.

Frau S. nahm sich das nächste Blatt. Zuerst das Aktenzeichen. Name des Einreichers: Elisabeth M. Datum: Der 31.12.2013 war im Formular voreingestellt, das konnte so bleiben. Jetzt zum Inhalt: „Ich will mich gesünder ernähren.“ Frau S. klickte auf das Dropdown-Menü und scrollte durch die Stichworte. Erst von hinten nach vorne, dann wieder zurück. Süßigkeiten aufgeben. Sport: einmal wöchentlich. Sport: zweimal wöchentlich. Sport … Nein, darüber. Pornos aufgeben. Rauchen aufgeben. Weiter hoch, zum G. Gemüse/Obst: 5 am Tag. Aber nirgendwo stand Gesund ernähren.

Frau S. räusperte sich. Der schwarze Pagenkopf von Frau L. tauchte hinter dem Monitor gegenüber auf. „Ja?“

„Ich kann den Vorsatz ‚Gesund ernähren‘ in der Liste einfach nicht finden.“

„Ach, das.“ Frau L. schüttelte den Kopf und zeigte in die Ecke des Büros. „So was kommt da rein.“

Der Blick von Frau S. folgte dem ausgestreckten Zeigefinger zu einem riesigen grauen Aktenschredder, der an der Wand stand. Irgendjemand hatte mit schwarzem Filzstift ein großes U daraufgemalt. „Was bedeutet ‚U‘?“

„Unspezifisch“, antwortete Frau L. „Oder wissen Sie, was das genau heißen soll: ‚gesund ernähren‘? Oder wie man überprüfen soll, ob der Vorsatz auch umgesetzt wurde? Da könnte ja dann wirklich jeder kommen.“

„Kommen?“

„Ja, und den Gewissensbonus haben wollen.“ Als sie den verständnislosen Blick von Frau S. sah, bemerkte sie: „Ihnen hat man aber auch gar nichts gesagt, oder? Wozu wir das hier tun, zum Beispiel?“ Sogar das Kätzchen auf ihrem Pullover sah genervt aus. Trotzdem erklärte sie: „Das ganze Zeug wird doch hier nur archiviert, damit am Ende des Jahres überprüft werden kann, was daraus geworden ist. Diejenigen, die ihren Vorsatz durchgezogen haben, bekommen einen Bonus – Stolz, gutes Gewissen, wie auch immer Sie es nennen wollen. Nicht, dass das besonders viele wären. Irgendwann kriegen die da oben das auch noch spitz, und ich wette, dann dauert es nicht mehr lange, bis unsere Abteilung aufgelöst wird. Und dann: gute Nacht, Marie.“ Sie rollte die Augen, und ihr Kopf verschwand wieder hinter dem Monitor.

Frau S. sah auf das Blatt Papier, das sie neben die Tastatur gelegt hatte, und auf den halb ausgefüllten Datensatz am Bildschirm. „Ich will mich gesünder ernähren.“ Einem spontanen Impuls folgend, klickte sie auf die zugehörige Historie, einer langen Liste mit Jahreszahlen und Vorsätzen.

1981: Ich will abnehmen.

1982: Ich will abnehmen.

1983: Ich will abnehmen.

Frau S. scrollte. Abnehmen, abnehmen, abnehmen. Hinter den meisten Jahren stand vermerkt „Nicht erreicht“, in ein, zwei Fällen „erreicht“. Der letzte Eintrag stammte von 2009. Vermutlich hatte Frau M. ihre Vorsätze danach vom Abnehmen auf die gesunde Ernährung verlegt – und die waren aussortiert worden. Zu unspezifisch. Wann hatte Frau M. wohl das letzte Mal das Gefühl gehabt, ihre Jahresziele erreicht zu haben? 1994. Das war zwanzig Jahre her. Musste das nicht frustrierend sein?

Frau S. fasste einen Entschluss.

Sie rief den Browser auf und gab „gesunde Ernährung“ in das Suchfeld ein. Dann fing sie an zu lesen.

Zwei Stunden später fühlte sie sich vollkommen verwirrt. Auf der einen Seite las sie überall auf Blogs, in Foren, in Zeitungsartikeln von Menschen, die genau wussten, dass sich „die anderen“ ungesund ernährten. „Fastfood“ tauchte als Schlagwort immer wieder auf, „Schokolade“ mindestens ebenso häufig. Beides war offensichtlich böse, „selbst kochen“ dagegen schien gut zu sein. Frau S. verlor sich auf Rezeptseiten. Klarer wurde ihr dadurch nichts. Waren nicht Burger Fastfood und daher schlecht? Das schien nicht zu gelten, wenn sie auf dem teuren heimischen Kugelgrill zubereitet und mit selbst gekochtem Ketchup serviert wurden, auch wenn dessen Zutatenliste geradezu erschütternd viel Zucker enthielt. Seufzend schloss Frau S. das Fenster mit dem Rezeptportal und versuchte es noch einmal mit einer anderen Suchstrategie.

Was Offizielles. Es musste doch was Offizielles geben. Da – Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Das klang gut, irgendwie seriös. Und tatsächlich: gesunde Ernährung, in zehn übersichtlichen Regeln zusammengefasst. Frau S. überflog die Seite. Abwechslungsreich essen, fünfmal am Tag Obst und Gemüse, viele Kohlenhydrate, am besten aus Vollkorn – Moment mal. Frau S. runzelte die Stirn. Das hatte sie doch anderswo auch schon ganz anders gelesen. Ein paar Klicks. Da stand es: Zu viel Vollkorn und damit zu viele Ballaststoffe sollten Entzündungen im Darm verursachen können. Oder – klick, klick – waren Ballaststoffe ganz im Gegenteil der Weg zu dauerhafter Gesundheit und Schlankheit? Na ja, in den USA schien zumindest Weizen, Vollkorn hin oder her, offenbar als das neue Böse zu gelten. Das Getreide mache süchtig und krank. Du liebe Zeit.

Frau S. klickte jetzt immer hektischer durchs Internet. Hin und wieder sah Frau L. mit gerunzelter Stirn hinter ihrem Monitor hervor, aber da Frau S. sie nicht bemerkte, seufzte sie bloß und verschwand wieder. Frau S. recherchierte nun Milchprodukte (gesunde Kalziumlieferanten oder ungesunde Schleimbildner?) und versuchte herauszufinden, ob es gesünder war, viel Kohlenhydrate oder vielleicht doch eher viel Eiweiß zu essen. Allmählich schwirrte ihr der Kopf: Low Carb, Low Fat, Paläo, Superfoods, grüne Smoothies, Vegan, Raw – die Jüngerinnen und Jünger jeder einzelnen Ernährungsglaubensrichtung warfen mit Statistiken, Studien und Sterbetabellen nur so um sich, um zu beweisen, dass sie recht hatten und alle anderen unrecht. Und dazwischen ploppte wie ein Springteufelchen immer wieder ein grinsender Lebensmittelchemiker mit gemütlichem Schmerbauch hoch, der johlte: „Alles Quatsch, alles großer Quatsch!“

Immerhin: Die Empfehlung, fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag zu essen, schien als eine Art Minimalkompromiss durchzugehen, als Notlösung, die vielleicht nicht besonders viel nützte, aber vermutlich auch nicht gerade schadete – wenn man mal davon absah, dass die Low-Carbler vom Obst wegen des Kohlenhydratgehalts abrieten und der Lebensmittelchemiker statt Salat eher Wurst empfahl – die hätte einen höheren Gehalt an Vitamin C; schließlich werde als Umrötungshilfe reichlich Ascorbinsäure zugegeben.

Frau S. dachte lange nach. Dann öffnete sie das Mailprogramm und fing an zu tippen.

Von: aushilfe1@vorsatzarchiv.org

An: m.elisabeth@internet.com

Betreff: Gesünder ernähren

Sehr geehrte Frau M.,

Sie kennen mich nicht. Ich bearbeite gerade die guten Vorsätze für 2014 und soll Ihren (den mit der gesunden Ernährung) schreddern, weil der angeblich zu ungenau ist. Na ja, und irgendwie stimmt das ja auch. Ich habe nämlich recherchiert: Was genau gesunde Ernährung ist, das wissen offenbar noch nicht mal Fachleute so richtig.

Deshalb habe ich noch mal nachgedacht: Sie könnten sich doch einfach vornehmen, das Essen 2014 richtig zu genießen. Also, ich meine, das ist wahrscheinlich auch noch zu unspezifisch für das Vorsatzarchiv, aber wenn Sie doch das ganze Jahr Spaß am Essen hätten, dann wäre das doch auf jeden Fall besser als so ein bisschen gutes Gewissen am Jahresende, oder?

Was meinen Sie?

Mit freundlichen Grüßen

S.

PS: Alternativ könnte ich Ihnen anbieten, den Vorsatz umzuändern. Zum Beispiel in „Ich will fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag essen“. Das scheint grad beliebt zu sein. Vier reichen vielleicht auch. Das könnte ich dann hier in die Datenbank eingeben.

Mit einem tiefen Seufzer klickte Frau S. auf „Senden“. Mehr konnte sie nicht tun. Wahrscheinlich jedenfalls.

***

Die Bürotür öffnete sich. „Ich wollte nur mal sehen, wie weit Sie inzwischen gekommen sind, Frau … äh …“ Der Blick von Herrn W. wanderte von dem Papiergebirge auf dem Schreibtisch zu dem Ablagekasten, der mit „Erledigt“ beschriftet war. Ein einziges Blatt lag darin.

Fassungslos sah Herr W. zu Frau L., die lediglich die Schultern zuckte, sodass ihr Pulloverkätzchen hüpfte. Frau S. war abgelenkt. Auf ihrem Bildschirm war das Symbol für eingehende Mails aufgetaucht.

Von: m.elisabeth@internet.com

An: aushilfe1@vorsatzarchiv.org

Betreff: RE: Gesünder ernähren

Sehr geehrte Frau S.,

so ganz habe ich zwar nicht verstanden, wer Sie eigentlich sind. Vielen Dank trotzdem für Ihre nette Mail. Aber das mit dem Genießen – ist das denn nicht gefährlich? Ich habe mich nämlich jetzt in die Blutgruppendiät eingelesen. Schon faszinierend, wie die Blutgruppen entstanden sind und wie sie immer noch beeinflussen, was wir verdauen können und was nicht. So von der Evolution her, meine ich. Kein Wunder, dass wir alle vor die Hunde gehen, weil wir uns falsch ernähren. Da darf man halt nicht aufs Genießen gucken. Ich bin Typ AB und darf kein Getreide. Das tut mir gar nicht gut, wie ich jetzt weiß, auch wenn ich immer total gerne Nudeln und Brot gegessen habe.

Könnten Sie vielleicht meinen Vorsatz noch nachträglich ändern? In: Ich will mich meiner Blutgruppe gemäß ernähren.

Jedenfalls danke und LG

Elisabeth M.

Frau S. schloss das Fenster des Mailprogramms, nahm ihre Tasche und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal zu Herrn W. um. „Ich glaube, der Job hier ist doch nichts für mich.“ Sie brauchte jetzt Schokolade.

Links zum Nachlesen (die nicht unbedingt die Meinung der Verfasserin wiedergeben)

Zu den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE):

Die 10 Regeln der DGE:
http://www.dge.de/modules.php?name=Content&pa=showpage&pid=15

Der Deutschlandfunk über die Ernährungsempfehlungen der DGE: http://www.deutschlandfunk.de/ernaehrung-essen-nach-neuen-regeln.697.de.html?dram:article_id=273478

Zu ballaststoffreicher Ernährung:

Pro (Ballaststoff-Diät):
http://www.yazio.de/ernaehrungslexikon/ballaststoff-diaet.html

Kontra (Planet Wissen):
http://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/essen/probiotika/ballaststoffe.jsp

Zu Weizen:

Über das Buch „Weizenwampe“:
http://www.gesund-aktiv.com/wissenswertes/weizenwampe-warum-weizen-krank-und-dick-macht/

Zu Milch:

Pro (Der Standard):
http://derstandard.at/1242316590492/Pro-Milch-ist-eine-kostbare-Essenz

Kontra (Der Standard):
http://derstandard.at/1240550041281/Contra-Hoher-Milchkonsum-verschleimt

Zum Lebensmittelchemiker und Ernährungsbuchautor Udo Pollmer:

Interview 2010 in der Weltwoche:
http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2010-02/artikel-2010-02-udo-pollmer-ein-bisschen-salat-koennen-sie-essen.html

Interview 2013 Effilee/Novo Argumente:
http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0001487

Zur Blutgruppendiät:

Stiftung Warentest über die Blutgruppendiät:
http://www.test.de/Blutgruppendiaet-Mythos-ohne-Grundlage-4654369-0/

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Dieser Artikel geht außerdem an Bine von Was Eigenes zum Event Short Stories #1: Gute Vorsätze.

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