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Alle scheinen einen zu haben. Sie müssen ihn bezwingen, ihm einen Tritt geben, ihn bekämpfen oder überlisten. Er ist ihr größter Feind. Unzählige Bücher und Webseiten erklären, wie man ihn überwinden kann.

Mir ist so einer in meinen Inneren noch nicht begegnet. Aber wer weiß, vielleicht habe ich ihn auch nicht bemerkt. Vielleicht ist er es, der an meinem Selbstwertgefühl nagt, mich zähnefletschend davon abhält, mehr zu leisten, dünner zu werden oder supereffizient.

Die Vorstellung ist gar nicht so unangenehm. Sicher, schon sein Name deutet an, dass er keine angenehme Gesellschaft sein dürfte. Wahrscheinlich müffelt er, verliert borstige Haare und ist nicht völlig stubenrein. Aber dafür ist er immer schuld, wenn ich meine guten Vorsätze nicht umsetze. So einen Sündenbock habe ich mir immer gewünscht.

Gestern Abend versuchte ich ihn zu entdecken. Ich schloss die Augen und wanderte in den Wald hinein, der sich hinter meiner Stirn ausbreitet. Kühl war es da und schattig; ich hörte Wasserplätschern und die Rufe exotischer Vögel. Ich lief über einen Flokatiteppich aus Moos. Eine hellblaue Boa constrictor ließ sich an dem Baumstamm neben mir herab und betrachtete mich neugierig.

Ich fragte die Boa, ob sie ihn gesehen habe. Sie züngelte nachdenklich, schüttelte den Kopf und glitt gemächlich zurück nach oben in Richtung Baumkrone.

Baumstämme lagen kreuz und quer. Manche waren schon vor langer Zeit gefallen. Junge Bäume wuchsen auf dem moderigen Holz. Es duftete nach Waldmeister. Nichts ließ auf einen wütenden Schweinehund schließen.

Schade. Ich hätte so gerne, was die anderen haben. Anscheinend muss ich meine guten Vorsätze mit mir selbst ausmachen. Manche setze ich um, manche vergesse ich gleich wieder und andere sinken auf halbem Wege in sich zusammen. Aus diesen wächst dann vielleicht eine neue Idee. Manchmal bin ich faul, manchmal prokrastiniere ich. Oft habe ich einen guten Grund dafür.

Am liebsten hindert der Schweinehund Menschen daran, zum Sport zu gehen. Jedenfalls wird er in diesem Zusammenhang oft angeklagt. Er ist das Sinnbild der Willensschwäche, die nur durch Disziplin überwunden werden kann. Der sportliche Mensch ist dementsprechend ein geläutertes Wesen, das den Couchpotatos moralisch überlegen ist.

Ich habe einen Sport gefunden, der von mir keinerlei Disziplin erfordert. Er bereitet mir Vergnügen, auch wenn es anstrengend wird. Nicht Disziplin, sondern Bewegungslust treibt mich an. Ich genieße es, meinen Körper zu spüren und den Kopf frei zu bekommen. Wäre das nicht so, würde ich diesen Sport nicht regelmäßig betreiben. Ich möchte mich nämlich so bewegen, so essen und leben, wie es sich gut anfühlt. Ein Leben, das aus Kampf, Verzicht und Kontrolle besteht, möchte ich nicht führen.

Vielleicht habe ich ja doch einen inneren Schweinehund. Aber ich gebe ihm wenig Angriffsfläche und so liegt er entspannt auf einer Lichtung und blinzelt in die Sonne.

Ich würde ihn trotzdem gerne finden. Nicht um ihn zu überwinden, sondern um mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Ich bin in Bayern aufgewachsen, wo der Spruch: „Du bist a Hund!“ Ausdruck höchster Anerkennung ist. „A Hund“ ist clever, durchsetzungsfähig und zäh. Ein Schweinehund ist all das in gesteigerter Form. Davon würde ich mir gerne eine Scheibe abschneiden.

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