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Sie steht vor meiner Wohnungstür und lächelt verschmitzt. Ich bin noch im Schlafanzug, schließlich ist es erst acht Uhr und ich habe meinen freien Tag. Ich würde so gerne schlafen. Aber da steht sie vor der Tür. Und eigentlich bekomme ich gerne Besuch.

Sie gibt mir den Franzosen zurück. Sie braucht ihn nicht mehr. Sie hat ihr Vorderrad damit fest eingeschraubt und ihr Rad fährt wieder einwandfrei. Warum hat sie keinen eigenen Franzosen? Meiner war eingerostet. Ich musste ihn einölen und lange die Schraube hin und her drehen, die seinen Schnabel öffnet und schließt, bis er wieder glatt lief. „Wie geschmiert“, sagt sie lobend, als sie den Franzosen zurückgibt.
Ich koche Kaffee. Milch habe ich immer noch keine, genau wie vor zwei Tagen, als sie den Franzosen ausgeliehen hat. Brot ist auch alle, wir müssen Cracker essen. Das zweite Frühstück bei mir, bei dem ich schlecht bestückt bin, noch schlechter als beim ersten.

Sie sitzt an meinem Küchentisch in ihrem schönen orangeroten Pullover. Eine warme Farbe, sie sieht darin frisch und munter aus. Ich biete Äpfel und Mandarinen zu den Crackern an. Sie sagt: „Ich hätte Brötchen mitbringen können.“

Ich trinke schwarzen Kaffee und schau zu, wie sie da sitzt in ihrem orangeroten Pullover an meinem Tisch mit der orangeroten Tischdecke und den Mandarinen. Meine nackten Füße frieren auf den Küchenfliesen.

Sie sagt: „Ich komme von Moritz.“

Ich erinnere mich. Vor zwei Tagen hat sie hier gesessen und von Moritz erzählt. Der sie vor ein paar Monaten angerufen hat, aber sie konnte sich nicht entscheiden, ihn zu treffen. Dann hat sie zurückgerufen und gestern war sie bei ihm.

Ich frage: „Wie war es denn mit Moritz?“

Sie sagt: „Och, ganz schön.“

Ich warte, während sie mich anschaut, als warte sie auf etwas. Ich nehme einen Schluck von dem starken, schwarzen Kaffee.

Sie sagt: „Moritz, der hat eine Hängematte.“

„Och, wie schön“, sage ich.

„Ja“, sagt sie, „erst haben wir in der Küche gegessen, dann haben wir zu zweit auf der Hängematte gelegen und haben geredet, dann haben wir gekuschelt und dann nicht nur gekuschelt. Alles war sehr schön. Ganz entspannt und selbstverständlich.“ Sie lächelt zufrieden.

Ich stelle mir entspannten und selbstverständlichen Sex vor. Neid schwappt hoch. Dabei weiß ich gar nicht, ob ich wirklich wieder entspannten und selbstverständlichen Sex haben will. Vielleicht wünsche ich mir leidenschaftlichen und verwirrenden Sex. Aber sie sieht so glücklich aus.

Außerdem wäre für mich im Moment jede Art von Sex eine wundersame, unerwartete Begebenheit. Ich spüre auf einmal eine klaffende Wunde. Was hat sie, was ich nicht habe?

Sie ist so schön in ihrem orangeroten Pullover an meinem Tisch. Sie dehnt sich genüsslich, leiht sich ein Handtuch und duscht sich, bevor sie weiterzieht.

Ich will auch, denke ich, während ich den Geschirrspüler einräume. Ich will auch schön sein und zufrieden und entspannten und selbstverständlichen Sex mit Männern haben, die in Hängematten liegen. Ich kriege Kopfschmerzen.

Ich treffe sie nicht, die Männer mit den Hängematten, die geduldig ein halbes Jahr lang auf meinen Rückruf warten. Wahrscheinlich sind sie mir unsympathisch. Vielleicht haben sie mir gar nichts zu bieten außer Hängematten. Aber Angebote könnten sie mir doch machen. Ich kann sie ja ablehnen.

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