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Rotkäppchen-Park bei Wiepersdorf. Foto: Nina BodenloszVor ein paar Tagen wurde in Brandenburg ein Elch angefahren. Ich hatte keine Ahnung, dass es dort Elche gibt. Einen Elch, der vor meinem Auto auftaucht, würde ich für eine Vision halten, bis es kracht. Aber wirklich gewundert habe ich mich nicht. In Brandenburg gibt es Schreiadler, Biber und Wölfe, warum nicht Elche. Das Land ist zum Teil dünn besiedelt, da ist viel Platz für große Tiere.
Doch auch in Berlin machen sich wilde Tiere breit. Durch die Außenbezirke pflügen marodierende Wildschweinhorden. So mancher Radler, der im Dunkeln durch den Grunewald fuhr und einer Rotte begegnete, soll nur knapp dem Tode entronnen sein.
So gesehen bin ich froh, dass ich mitten in der Innenstadt lebe.

Wildschweine gibt es hier nur im Gehege und einen Elch hab ich noch nie gesehen. Es ist nicht so, dass ich etwas gegen die Natur hätte. An Bienen, Wespen, Tauben und Elstern hab ich mich gewöhnt. Wir leben in weitgehend friedlicher Koexistenz auf meiner Dachterrasse. Marienkäfer mag ich sogar richtig gerne und Schmetterlinge erst!

Vor ein paar Monaten schaute ich im Büro aus dem Fenster und sah einen Fuchs auf dem Innenstadtparkplatz. Er sonnte sich auf einem Autodach. Ich starrte ihn an und er blickte ruhig zurück.
„Na klar, den Fuchs kenne ich“, sagte meine Kollegin. „Der wohnt hier gegenüber unter dem Busch. Was meinst du, warum es im Garten keine Kaninchen mehr gibt?“
Ich habe mich inzwischen an diesen Fuchs gewöhnt und an den anderen, der nachts an der Ampel die Hauptstraße überquert. Rot und Grün kann er noch nicht unterscheiden, aber das lernt er sicher bald. Er ist flexibel und ich auch. Ich passe mich daran an, dass wilde Tiere in meiner Umgebung leben. Ich bin nur froh, dass ich nicht im Park wohne, sondern oben unter dem Dach.

Vor einer Woche kam ich morgens in meine Küche und fand das Netz einer Kreuzspinne vor, das quer durch den Raum gespannt war. In der Mitte saß die Baumeisterin, gefühlte vier Zentimeter groß, und betrachtete mich ungerührt. Ich möchte zarten Gemütern die darauf folgenden Szenen ersparen. Jedenfalls kann ich meine Küche wieder benutzen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, aber schließlich zahle ich die Miete.

Gestern Nacht schließlich hörte ich Trappeln auf dem Dach. Ich dachte an eine trampelige Katze. Eine halbe Stunde später dachte ich an eine ungewöhnlich trampelige Katze, eine weitere halbe Stunde später an eine unglaublich trampelige Katze. Ich ging auf die Terrasse und sah die Silhouette eines Tieres, das neben dem Dachfenster saß. Eine Katze war es definitiv nicht.
Ich sagte „Geh weg“, und klatschte in die Hände. Das Tier legte interessiert den Kopf schief und blieb sitzen. Ich brüllte es an und es verschwand gemächlich in der Dunkelheit. Das Trappeln setzte kurz darauf wieder ein.
Heute Nacht galoppierte das Tier nicht mehr auf, sondern im Dach über die Platten, die meine Zimmerdecke bilden. Es klang wie eine Herde Büffel. Natürlich habe ich meine Hausverwaltung informiert, doch diese ist generell dagegen, Probleme übereilt anzugehen. Irgendwann wird sie etwas unternehmen. Bis dahin muss ich mich wohl mit dem Tier arrangieren oder ausziehen. Ich weiß inzwischen, dass mein Untermieter ein Steinmarder ist.
Er ist nachtaktiv, hat fiese lange Zähne und Krallen, macht Jagd auf kleinere Tiere und hebt Dachziegel an, um sich darunter einen Bau anzulegen. Irgendwo gibt es darin ein Klo. Wenn ich Pech habe, direkt über meinem Bett. Das werde ich früher oder später merken.

Vielleicht wird ein Wunder geschehen und meine Hausverwaltung wird den Marder einfangen lassen. Doch habe ich langsam das Gefühl, dass sein Einzug ohnehin nur eine weitere Stufe ist. Die Natur erobert sich die Großstadt zurück. Bald werden die Marder nicht mehr in der Dachisolierung, sondern direkt im Kleiderschrank wohnen, Wölfe werden die Fleischereiabteilungen plündern, Bären vor Bäckereien Wegelagerei betreiben, Lämmergeier werden auf den Häusergiebeln auf Aas lauern. Und auf jeder Kreuzung wird ein Elch stehen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Wir müssen uns anpassen.

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