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Wirbelwind„Wenn man älter wird, rasen die Jahre nur noch so an einem vorüber“, sagt meine Kollegin beim Mittagessen. Die anderen stöhnen zustimmend. Gerade ist Weihnachten vorbei, da steht Ostern vor der Tür und dann ist wieder Weihnachten … „Die Zeit vergeht, das Licht verbrennt“, hätte meine Großmutter zusammengefasst.

Wie ein Karussell dreht sich das Jahr im Kreis. Man sitzt auf dem Apfelschimmel oder im Feuerwehrauto mit der großen Glocke und schaut zu, wie die Welt vorüberläuft, immer schneller, bis das Bild verschwimmt. Einmal die Runde kommt Weihnachten vorbei. Ein bunt flimmernder Fleck, kein Aufenthalt, nur ein Anhaltspunkt zum Rundenzählen. Das Karussell nimmt weiter Fahrt auf, man hält sich fest und wartet darauf, dass die Fahrt irgendwann zu Ende geht.

Neulich habe ich gelesen, dass sich das Karussell schnell dreht, wenn man gleichförmig lebt. Die Erinnerung hat dann nichts, woran sie sich klammern kann, und dadurch schnurrt das Jahr zu einem winzigen Klümpchen Zeit zusammen. Wenn das stimmt, dann sollte man also viel erleben, damit die Zeit langsamer vergeht.

Meine Kolleginnen sind nicht erfreut über diesen Vorschlag. Ihr Leben sei durchaus reich und ausgefüllt, wer ich denn sei, ihnen ein langweiliges Leben zu unterstellen?

Vielleicht ist es auch eine Frage der Perspektive. Jeden Nachmittag nach dem Essen stöhnt dieselbe Kollegin nämlich, dass die Zeit gar nicht vergehen mag. Die Minuten tröpfeln vor sich hin, während sie Papiere sortiert und einheftet. Nach vorne hinein, in die Zukunft, schleppt sich ihr Leben also stockend voran, nur wenn sie sich umschaut, zerbröseln all die endlosen Stunden wie ein trockener Keks. Und dann hat sich das Karussell einmal gedreht, und es ist schon wieder Weihnachten.

Mein eigenes Karussell kriecht seit ein paar Jahren im Schneckentempo. Auch ich werde immer älter. Aber ich kann mich zu Weihnachten kaum mehr an die Frau erinnern, die ich zu Ostern war. Ist das nun ein schlechtes oder ein gutes Zeichen?

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