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„Jetzt fahrn wir übern See, übern See, jetzt fahrn wir übern …“

Guppy hielt sich die Ohren zu. Seit Jahren sangen die Otter dieses Lied. Die Alten hatten es ihren Jungen beigebracht und diese würden es an die nächste Generation weitergeben. Ewig würde der Baggersee von diesen Knittelversen widerhallen. Und sie würde ihr Leben lang in diesem See herumdümpeln. Das Lied war der Soundtrack ihres Lebens.

„Jetzt fahrn wir übern See, übern See“, setzten die Otter erneut an und paddelten wieder zurück über die Wasseroberfläche. Sie beherrschten nur die erste Strophe, aber das störte sie nicht.

Guppy schlug ihre Flosse mit aller Kraft gegen das Biedermeierschränkchen. Es kippelte, aber es fiel nicht um. Vielleicht wurde es von den Wasserpflanzen festgehalten, die sich um die Beine gewunden hatten. Eigentlich mochte sie das Schränkchen, schließlich war es ihr einziges Möbelstück. Ihr Vater hatte es nahe dem Ufer gefunden. Guppy betrachtete es als Geschenk. Wer auch immer das Schränkchen in den See geworfen hatte, sie war ihm dankbar.

„… mit einer hölzern‘ Wurzel, Wurzel, Wurzel, Wu-hurzel, mit einer hölzern Wurzel …“

Guppy katapultierte sich an die Oberfläche.

„Könnt ihn nicht einmal aufhören mit diesem Gesinge?“, rief sie und ließ sich mit einem Krachen zurück ins Wasser fallen.

Die Otter lachten. „Einmal aufhören, zweimal anfangen“, sagten ein vorlautes Otterkind. Die Otter kicherten. „Und jetzt für Guppy: mit einer hölzern‘ Wurzel, kein Ruder war nicht …“

„… dran“, piepste der kleinste Otter und die anderen lachten sich kaputt.

Guppy sprang noch einmal aus dem Wasser und tauchte direkt neben der Ottergruppe ab. Das beeindruckte diese kein bisschen.

„Hübsches Kleid, Guppy“, riefen sie und sangen schon wieder weiter.

Guppy schwamm ans andere Ende des Sees. Es war nicht weit genug, um dem Otterterror zu entkommen. Überhaupt war dieser Baggersee viel zu klein. Warum lebte sie nicht in einem größeren Gewässer? Oder in einem Stausee wie ihre Cousine Muränchen?

Sie schrieben sich hin und her. Die Cousine war ihre einzige Freundin. Jedes Mal, wenn der Postkormoran mit gewichtigem Gesicht den Brief vor Guppy ins Wasser plumpsen ließ, schlug ihr Herz schneller. Sie hungerte nach Neuigkeiten und ihre Cousine erlebte eine Menge. Im Stausee lebte nicht nur eine Wassermenschfamilie, sondern eine große Gruppe mit dem Unterwasserkönig. Muränchen schwamm an seinem Hof ein und aus. Sicher würde sie eines Tages einen Unterwasserprinzen heiraten.

Guppys Mutter war im Stausee aufgewachsen, hatte sich aber über die  Wassermenschpartnervermittlung in Guppys Vater verliebt. Das konnte Guppy nicht verstehen. Es musste wahre Liebe gewesen sein, der man hilflos ausgeliefert war. Denn der Vater hauste in diesem trüben, kleinen Baggersee. Wahrscheinlich war die Mutter entsetzt gewesen, als sie die Transportkormorane am Ufer abgesetzt hatten. Doch zu spät. Niemand würde sie abholen. Zu aufwendig war der Transport von einem ins andere Gewässer, das konnte keine Familie zweimal finanzieren, nicht mal die Wassermenschen vom Stausee. Guppys Mutter erwähnte nie, dass ihre Ehe ein sozialer Abstieg gewesen war, aber wenn sie von den Tanztees beim Unterwasserkönig erzählte, hatte sie Sehnsucht in der Stimme.

Hier im Baggersee war nie etwas los. Ein Tag war wie der andere. Guppy zog sich trotzdem jeden Morgen etwas Neues an. Sie wollte sich nicht gehen lassen. Heute hatte sie ein Kleid aus Entenfedern um ihren Körper geknüpft. Tatsächlich sah es sehr hübsch aus, da hatten die Otter recht. Und der Ohrring, den sie als Kind im Schlamm gefunden hatte, passte wunderbar zu den grün und blau schillernden Erpelfedern am Ausschnitt.

Was für ein Firlefanz, hatte der Vater beim Frühstück gesagt. Doch Guppy ließ sich nicht beirren. In ihrem Federkleid hätte sie ihre Cousine zu einem Fest begleiten können. Sie hatte ein Talent für Mode, im Stausee hätte sie Modedesignerin werden können. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, mit Muränchen zum Ball zu gehen. Die versunkene Kirche im Stausee war hell beleuchtet und wohin man schaute, glitzerte Schmuck. Ein hübscher Wassermann mit einem Nasenring kam auf Guppy zugeschwommen. Er zwinkerte und forderte sie zum Tanzen auf. Und obwohl sie nie eine Tanzstunde gehabt hatte, schwebte sie graziös mit ihrem Partner durch das Kirchenschiff.

„Jetzt fahrn wir übern See, übern See“, gröhlten die Otter und rissen Guppy aus ihren Träumen.

Sie sollte sich nicht im Wünschen verlieren. Vielleicht würden ihre Eltern eines Tages eine Annonce bei der Partnervermittlung aufgeben, sobald sie genug Schotter gespart hatten. Das war Guppys einzige Hoffnung auf einen Mann. Im Baggersee würde sie keinen treffen und schon gar keinen, der ihr gefiel.

Früher hatten im See Luftmenschen gebadet. Guppy hatte in der Sonne am Grund gesessen und den Kindern zugesehen, die spritzten und plantschten. Wie ungeschickt diese Menschen waren. Sie waren zu bemitleiden. Statt einer Flosse hatten sie nur zwei lächerliche Füßchen.

Könnte sie nur weiterhin die Badenden beobachten. Aber inzwischen durften die Luftmenschen hier nicht mehr schwimmen. Der Rand des Sees war mit Schilf bewachsen und Schilder verboten, ans Wasser zu gehen. Sie wünschte sich so sehr, eines Tages nach oben zu blicken und dort einen Mann schwimmen zu sehen. Sie würde behutsam neben ihm auftauchen, damit er sich nicht erschreckte,  und ihn betrachten. Und wenn er ihr gefiel, dann würde sie ihn glücklich machen. Sie würde ihn küssen. Weil sie ihn begehrte, aber auch als Ablenkungsmanöver, während sie ihre Arme fest um ihn schlang. Sie würde ihn ins andere Element ziehen und zärtlich, aber fest in ihren Armen halten, bis er lernte, unter Wasser zu atmen. Es würde ein paar Monate dauern, bis er eine Flosse entwickelte. Aber sie würde geduldig sein. Irgendwo da draußen an der Luft war ein Mann, den sie zu ihrem Gefährten machen könnte. Aber er fand nicht den Weg zu ihr.

Im Stausee badeten die Menschen immer noch. Muränchen erzählte in ihren Briefen von ihnen. Wie sie strampelten mit ihren lustigen Beinen. Manchmal kitzelte sie sie an den Füßen, bis sie erschreckt die Beine anzogen und ans Ufer plantschten, so schnell sie konnten. Luftmenschen bewegten sich sehr langsam. Es machte Spaß, ihnen dabei zuzusehen, wie sie vergeblich versuchten, sich zu beeilen.

In der Kirchturmspitze der versunkenen Kirche, die über die Wasseroberfläche des Stausees ragte, lebte sogar ein Luftmensch. Er trug eine Fußfessel und wurde vom Wasservolk mit Nahrung versorgt. Sie hatten ihn zu einer Gefängnisstrafe verurteilt aufgrund von Grausamkeit gegenüber Fischen. Er war der Chef einer Fischkonservenfabrik gewesen. Guppy versuchte nicht daran zu denken, was er den Fischen angetan hatte. Recht geschah ihm, dass er jetzt gefangen war.

Ihre Cousine hatte bei hohem Wasserstand einen Blick auf den Gefesselten werfen können. Schön schaurig sei es gewesen, hatte sie berichtet.

Wie wundervoll wäre es, die Cousine zu besuchen. Sie würden heimlich den gefesselten Luftmenschen beobachten, sich gegenseitig Kleider schneidern und Sachertorte essen, die die Vögel für sie aus dem Café am Ufer stibitzten. Sie würden flirten und tanzen und Guppy würde die Liebe finden.

„Mit einer hölzern‘ Wurzel, Wurzel, Wurzel, Wu-hurzel, mit einer hölzern‘ Wurzel, kein Ruder war nicht …“

„… dran“, piepste wieder einer der kleinen Otter in die Pause hinein und die anderen schrien vor Lachen.

Warum ließ der Vater diese Bande an seinem See wohnen? Er sollte ihnen eine Räumungsklage schicken. Sie taten nichts außer lärmen. Es ließen sich bestimmt bessere Mieter finden. Aber Guppy stieß mit ihren Klagen beim Vater auf taube Ohren. Nein, er sei froh, dass er die Otter habe. Der See sei in den letzten Jahren fantastisch renaturiert worden und daran hätten die Otter ihren Anteil. Selbstverständlich seien sie ein wenig laut und rau, aber das sei ein reines Luxusproblem.

„Sei froh, mein Kind, dass du in einem naturbelassenen Gewässer leben darfst und nicht einem öden Gewässer wie dem Stausee. Das Schilf, die vielen Wasservögel und die Otter, sie alle gehören zu unserem wunderschönen Biotop, deinem Erbe, in dem du hoffentlich lange Jahre friedlich leben wirst.“

Beim Gedanken an diese vielen Jahre heulte Guppy auf. Sie schoss durch das Wasser in ihre Höhle und steckte den Kopf in den Schrank. Sie wollte dem Gesang entkommen. Es half nicht.

„Jetzt fahrn wir übern See, übern See“, setzten die Otter voller Inbrunst an.


Im Sommer pausieren die ABC-Etüden auf Christianes Blog „Irgendwas ist immer“. Dafür gibt es zwei Etüdensommerpausenintermezzi. Dies ist mein Beitrag zum ersten Teil.

Wie funktioniert das Spiel? Christiane schlägt fünfzehn Wörter vor. Zehn davon müssen in einem Text freier Länge verwendet werden. Dazu noch eine Lied- oder Gedichtzeile.

Die vorgeschlagenen Wörter des ersten Intermezzos waren:

Ablenkungsmanöver
Baggersee
Biedermeierschränkchen
Federkleid
Firlefanz
Fischkonservenfabrik
Fußfessel
Kirchturmspitze
Liebe
Luxusproblem
Ohrring
Räumungsklage
Sachertorte
Tanztee
Unterwasserkönig

In meinem Text kommen sie alle vor. Wie überzeugend mir das gelungen ist, mögen die Leser*innen beurteilen.

Herzlichen Dank für die Anregung, Christiane, und all ihr fleißigen Wörterspender*innen!

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