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Sie ließ das Tuch durch die Finger fließen. Der Stoff schlüpfte kühl an ihrer Haut vorbei. Sie strich mit dem Handrücken über das schimmernde Gewebe. 

„Beste Ware“, sagte der Verkäufer. „Sie können darauf vertrauen, dass geschickte Hände jeden Faden nach alter Tradition gesponnen und verwoben haben.“

Er deutete auf die Filme an der Wand. Frauen in bunten Gewändern saßen auf dem Boden und stellten mit primitiven Geräten Stoffe her. Untermalt wurden die Bilder von fremdartigen, sanften Klängen – Musik der Azik. Suso kannte die Klänge aus Dokumentationen.  

Die Stoffe waren viel zu teuer für Suso. Die Ältesten sorgten für alles, was sie zum Leben brauchte, und sie erhielt jede Woche nur ein paar Münzen, über die sie frei verfügen konnte. Wie die meisten Menschen, die Suso kannte, hatte sie kaum Bedürfnisse, für die sie Geld ausgeben wollte. Doch jetzt konnte sie Augen und Finger nicht von diesen leuchtenden Stoffen lösen. 

Sie entschied sich für ein Tuch mit einem vibrierenden Muster, das vor ihren Augen zerfloss und neu entstand. Sie konnte die Farben nicht benennen, sie wandelten sich von Moment zu Moment. 

Zuhause strich sie über den Stoff und folgte dem Spiel der Farben. Sie hörte wieder die fremden Klänge. Sie blinzelte und schüttelte den Kopf, doch die Musik wurde nur lauter. Das Muster vor ihren Augen verschwamm und gewann wieder Kontur. Gestalten schälten sich heraus, Stimmen sprachen. Erst waren die Worte unverständlich, dann erschloss sich ihr der Sinn. Sie lauschte und schaute, wurde hineingezogen in die Geschichten, in das Gewebe, in den Erzählstoff, denn, das verstand sie, war es, was sie gekauft hatte: die Erzählungen der Azik. Sie sah mit ihren Augen, fühlte ihre Trauer und ihr Unglück, ihre Verzweiflung. Das Tuch war feucht von ihren Tränen. Oder waren es die Tränen der anderen?


Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt werden. Die Wörter lauteten Erzählstoff, sanft, vibrieren und wurden gespendet von Katha mit ihrem Blog Katha kritzelt.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Herzlichen Dank für die Inspiration, Katha und Christiane!