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„Sehr schön“, schrieb die Herausgeberin. „Wir brauchen lediglich die Quellenangabe zu dem Zitat auf Seite drei, dann geht der Artikel in den Druck. Bitte schicken Sie die Angabe bis morgen Früh um neun“

„Ach du je“, dachte sie. „Da war doch was.“ 

Papiere stapelten sich auf ihrem Schreibtisch. Die virtuellen Stapel im Computer konnte sie nicht sehen, aber sie wusste, dass sie vorhanden waren. Ganz zu schweigen von den Halden an Wissen, die sie im Internet aufgeschüttet hatte. Das Literaturverzeichnis war perfekt, die Fußnoten saßen. Nur diese eine Quelle konnte sie nicht verifizieren. 

Sie stöberte vergeblich durchs Internet, schrieb E-Mails, rief sogar eine Kollegin an und bat um Verzeihung für die nächtliche Störung. Griesgrämig willigte die Kollegin ein zu helfen, hatte sich aber im Morgengrauen noch nicht zurückgemeldet. Bestimmt war sie längst eingeschlafen. 

Sie könnte irgendetwas angeben, was plausibel klang. Alles andere hatte sie ja doppelt und dreifach überprüft. Doch genau bei diesem Zitat würde jemand nachschauen und feststellen, dass es nicht am angegeben Ort zu finden war. Die kleinen Sünden strafte die wissenschaftliche Community sofort. 

Wenn vor dem Druck nicht aufgefallen wäre, dass etwas fehlte, hätte es wohl nie jemand bemerkt. Nun kam sie nicht mehr heraus aus der Geschichte. 

Die Gnadenfrist war fast verstrichen. Sie gab auf. 

„Hallo“, rief ein fröhliche Stimme. 

„Was?“

„Hallo, hier unten!“

Eine kleine Figur mit filigranen Flügeln saß auf dem Stapel Ausdrucke neben ihrem linken Fuß. Eine sprechende Motte? Das letzte Glas Wein war zu viel gewesen.

„Ich bin eine Quellnymphe“, zwitscherte das Wesen.

„Wo ist dein Wasser?“

„Nein, ich bin eine akademische Quellnymphe.“

„Haha.“ Ihr Hirn spielte verrückt.

„Ich bringe Hilfe.“

Der Computer piepste. Auf dem Bildschirm erschien eine Zitation. Sogar im richtigen Format.

„Ciao“, rief die Nymphe und verschwand. 

Sie könnte es nie jemandem erzählen. Aber sie war gerettet.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern Quelle, griesgrämig und stöbern. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden. Die Wörter spendierte  Ulli Gau mit ihrem Blog Café Weltenall

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Ulli und Christiane!