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Seit seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag wacht er immer im Morgengrauen auf. Als wäre ein Schalter verdreht. Vorher schlief er am liebsten am Vormittag. Jetzt liegt er zwar gerne bei Sonnenschein gemütlich im Bett und lauscht auf die Vögel im Garten, aber schlafen kann er nicht mehr.

Er hat die Morgendämmerung entdeckt. Früher kannte er diese Tageszeit nur benommen und abgehetzt, wenn er zu einem Termin musste, oder besoffen und erschöpft, wenn er unterwegs gewesen war. Jetzt hat er zum ersten Mal den Kopf frei, um den Morgen zu erleben.

Er sitzt am Fenster und schaut zu, wie sich der Geräteschuppen aus der Dunkelheit schält und die Farben erwachen. Ganz allmählich lösen sie sich aus dem Grau.

Seine Nachbarin streift morgens durch ihren Garten. Ihre Gestalt taucht zögernd aus dem Dunkel auf. Sie tanzt. Sie zieht verschlungene Pfade durch die Wildnis, die ihr Haus umgibt. Am manchen Tagen scheint sie zu feiern, knotet bunte Bänder an die Bäume und verteilt flackernde Laternen im Gestrüpp. Ob es schüttet oder friert, die Nachbarin ist unterwegs. Ihr langer Rock schleift über die Erde und im Sommer, wenn das Fenster offen steht, kann er hören, dass sie etwas murmelt.

Tagsüber ist sie eine alte Schachtel, nach der sich niemand umdreht, aber morgens im Halbdunkel hat er Angst vor ihr. Wer weiß, was sie da tut? Und was sie da zusammenbraut in ihrem kupferfarbenen Kessel, aus dem sie immer wieder schöpft.

Er ist sich sicher, dass sie weiß, dass er am Fenster sitzt und sie beobachtet. Die Sache ist ihm unheimlich, aber dennoch schaut er jeden Morgen gebannt zu, wie die Nachbarin ihre Kreise zieht. Er behält sie im Auge.

Sein Lebtag lang ist er den Weibern aus dem Weg gegangen, aber jetzt kann er sich den Ränken dieser Alten nicht entziehen.


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern Geräteschuppen, kupferfarben und feiernDiese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden. Die Wörter spendierte Susanne vom Blog books2cats.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Susanne und Christiane!