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„Bleib auf dem Teppich“, hatte die Oma gesagt. Wer hoch stieg, würde tief fallen.

„Ja, ja“, hatte er geantwortet und sich noch ein Stück Apfelkuchen genommen. 

Er konnte den Zimt riechen. Er drückte die Seite der Kuchengabel auf die Kruste aus Zucker und Zimt. Sie brach auf. Der Kuchen öffnete sich und eine ofenwarme Wolke Apfelzimtduft stieg auf.  Er schob sich einen großen Klumpen in den Mund, der auf der Zunge schmolz, immer noch ein bisschen klietsch in der Mitte. Gierig verschlang er Gabel für Gabel, damit der Geschmack nicht versiegte.

„Nimm noch ein Stück“, sagte die Oma, zufrieden, weil sie den Enkel satt machen konnte. 

Apfel und Zimt füllten seine Mundhöhle, sobald er an die Oma dachte. Als hätte er jahrelang an ihrem Tisch gesessen mit der grell geblümten Wachstuchtischdecke und aus dem Fenster gesehen, wo im Herbstwind ausgewaschene Betttücher flatterten. Die Wäschespinne stand auf einem Bein im Hof. Müde Plastikschnüre hingen zwischen ihren gespreizten Beinen. als wäre die Spinne zugleich ihr Netz. Vereinzelte Wäscheklammen steckten an den Leinen. Sie bildeten ein geheimnisvolles Muster, dessen Rhythmus er nie entschlüsseln konnte.

Die Oma wusch ab, trank Kaffee und löste Kreuzworträtsel. Er schaute aus dem Fenster auf die Wäsche an der Spinne. Er zog mit dem Finger die Konturen der Blumen auf der Tischdecke nach. Er schaukelte mit den Beinen. Niemand mahnte ihn, nach draußen zu gehen oder seine Hausaufgaben zu machen. Er stützte den Kopf auf und strich mit dem Zeigefinger am Rand des Trinkglases entlang. Ein gläserner Gesang füllte den Raum. Sehnsucht stieg in ihm auf. Er konnte sie schmecken. Sie füllte seine Sinne wie vorhin der Apfelkuchen. Sie hinterließ eine Leere, die sich nie füllte. 

Er war auf dem Teppich geblieben, aber die Sterne fehlten ihm.  


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern Teppich, gläsern und flatternDiese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden. Diese Wörter sind eine Spende von Myriade mit ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ stellt alle zwei Wochen eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.

Vielen Dank für die Inspiration, Myriade und Christiane!