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Lady Gilbert schloss die Tür und spannte den Regenschirm auf. Sie atmete tief durch die Nase ein. Herrlich feuchte, kühle Luft. Ihre Schritte knirschten. Sie sprang in eine Pfütze und lachte, als das Wasser an ihrem Jerseyrock hochspritzte.

„Please, my dear“, sagte der alte Lord. „Consider the servants.“

Die Haushälterin kicherte. Sie hielt den schweren Teekessel in der Hand, bereit einzugießen. 

Im Pavillion in der Ecke des Gewächshauses waren Gurkensandwiches und Scones auf einer Etagere arrangiert. Der Lord studierte eine Ausgabe der Times von 1955. 

„Greift zu“, sagte die Haushälterin, „ich habe extra jodhaltiges Salz verbacken.“

„Wozu?“, fragte Lady Gilbert, „Ich habe doch keine Schilddrüse mehr.“

„Und was ist mit uns?“, sagte das Dienstmädchen. „Du bist egoistisch wie eine echte Lady.“ 

„Reg dich ab“, sagte die Lady, klappte den Schirm zu, griff sich ein Sandwich und biss hinein. Mit vollem Mund zeigte sie auf das Hausmädchen. „Staubwedel, Häubchen, Schürze, dazu der kurze Rock und die hohen Schuhe. Was für eine Art Hausmädchen soll das sein? Das ist keine Satire.“

„Ist es sowieso“, sagte die Haushälterin. „Wir sind Klischees. Darum geht es doch! Unser Traum von Britannien. Wir fälschen alles.“

„Es sollte überzeugend sein. Wir wollen uns erinnern, wie es dort war.“

„Oder wie wir es uns vorstellen. Du warst Kellnerin und ich Krankenschwester!“

„Es ist ein Sehnsuchtsort“, sagte der Lord. „Unser Paradiesgarten. Hier drin dürfen wir im Regen sitzen und erleben, was wir vermissen. Und alles essen.“ Er bestrich ein Scone mit Schmand und Marmelade. „Was mir fehlt, ist Clotted Cream. Die kriegen sie nicht hin in der EU.“

„Eines Tages wird es ein Happy End geben“, sagte das Hausmädchen. Sie zog verträumt den Staubwedel durch die Luft. 

„Für Clotted Cream?“

„Nein, für uns und das, was übrig ist von Großbritannien.“

 


Eine ABC-Etüde zu den Wörtern: Gewächshaus, jodhaltig und fälschen. Diese drei Wörter sollten in einem Text von maximal 300 Wörtern sinnvoll eingesetzt werden.

Die Wörter gespendet hat fraggle vom Blog reisswolfblog.

Christiane vom Blog „Irgendwas ist immer“ schlägt alle zwei Wochen neue Wörter vor und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die etüdisieren möchten.

Vielen Dank für die Inspiration an Christiane und fraggle!