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Froschspuren; Grafik: K. Pollner

Ich fühle mich immer noch jung und kräftig. Verzaubert zu sein hat seine Vorzüge. Anfangs habe ich dennoch mit meinem Schicksal gehadert. Warum nur war ich auf den Weg gehüpft, ohne mich umzusehen? Die Teiche hatten mich gelockt, die Weibchen, die dort auf mich warteten. Ich war zum ersten Mal unterwegs dorthin und verstand nicht, warum es mich in diese Richtung zog. Ich war unruhig und verwirrt und folgte meinem Trieb.

War es das wert? Ich habe mich so oft gepaart, dass ich dem inzwischen nicht mehr viel abgewinnen kann. Das Gerangel um die Weibchen, endloses Quaken, das viele Wasser, das man schluckt. Ich kenne inzwischen alle Tricks und gewinne jeden Wettkampf. Doch geht es nur darum, der Schönste und Stärkste zu sein? Ist das nicht toxische Männlichkeit? Inzwischen bleibe ich den Teichen im Frühjahr fern und suchte die Gesellschaft meinesgleichen nur in ruhigen Zeiten. Dann, wenn es möglich ist, sich auszutauschen, ohne taub vor Eifersucht und Gier zu sein.

Doch damals war ich jung. Ich hatte keine Ahnung, was mich am Ziel erwartete, aber ich wollte so schnell wie möglich dort sein. Ich hörte die anderen quaken und das machte mich rasend. So kam es zum Unfall. Ein klassisches Szenario: abgelenkt im Verkehr. Seitdem schaue ich stets nach rechts und links, ich habe meine Lektion gelernt.

Ich sprang mitten auf den Weg. Schon schoss ein Fuß auf mich herunter. Der Fuß zerquetschte mich. Der Schmerz raubte mir den Atem. Meine Augen quollen aus dem Kopf. Die Besitzerin des Fußes rutschte aus und fiel. Sie landete auf dem Gesäß. Sie schrie. Wäre ich in diesem Moment weggehüpft, ich hätte mich retten können. Aber ich lag bedröppelt da und starrte.

„Du!“, stieß die Hexe hervor. Um eine solche handelte es sich ohne Zweifel. Sie trug einen hohen, spitzen schwarzen Hut und ihre Haut schimmerte grünlich. Nehmt euch vor Hexen in Acht, hatten sie in der Schule gesagt.

Die Hexe zog ihren Besen zu sich heran und kam mit dessen Hilfe mühsam auf die Beine. Sie rieb ihr Hinterteil. Dabei sezierte mich ihr Blick. Sie zeigte mit einem langen Fingernageldolch auf mich und sagte: „Das wirst du bereuen, du Amphibie.“

„Entschuldigung“, sagte ich und lächelte sie entwaffnend an.

„Das Grinsen wird dir noch vergehen“, sagte sie.

„Ich wollte …“

„Das ist mir egal. Du hast mich angegriffen und wirst dafür bezahlen.“

„Es war ein Unfall.“

„Dann hättest du wohl besser aufpassen müssen.“

„Bitte!“

„Ach, halt den Mund, ich muss nachdenken.“

Ich hatte das Gefühl, dass sie stundenlang dastand und mit den Augen funkelte. Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Endlich stach sie mit dem Fingernagel wieder in meine Richtung.

„Ich weiß, was ich mit dir mache.“ Sie lachte und es war ein Lachen zum Davonspringen. „Du wirst so lange in dieser Gestalt leben, bis dich jemand gegen eine Wand wirft. Dann wirst du ein Mensch und zum König dieses Reiches.“

Das klang ja gar nicht so schlecht. Entweder war sie dumm oder netter, als sie aussah.

„Glaub jetzt nicht, dass das kein Fluch ist. Du wirst dich noch wundern.“

Sie kicherte, dass mir die Schwimmhäute gefroren, und humpelte ihres Weges.

Ich gebe zu, dass ich den Fluch nicht richtig ernst nahm. Er hörte sich an wie das ewige Leben – was sprach dagegen? Ich genoss meine unendliche Jugend. Bald war ich an den Teichen der Größe und Schnellste. Viele Frösche von heute stammen von mir ab. Ich entwickelte eine perfekte Jagdtechnik und aß nur noch die exotischsten Fliegen. Ich konnte alles haben, denn ich hatte jede Zeit der Welt, um herauszufinden, wie ich daran kommen konnte.

Für Politik interessierte ich mich nicht, schon gar nicht für die der Menschen. Könige und Königinnen gingen und kamen. Es betraf mich nicht. Die Menschen führten Kriege. Was ging es mich an. Sie wählten ein Parlament. Sie schleppten Schätze herbei, die sie in fremden Ländern gestohlen hatten. Sollten sie. Die Frauen erstritten das Wahlrecht. Die Politik blieb konfus. Ich nickte weise.

Ich hatte nicht vor, mich in die Angelegenheiten der Menschen einzumischen. Im Reich der Tiere hatte ich einen gewissen Ruf erworben. Man fragte mich um Rat und lud mich zu allen wichtigen Empfängen ein. Das reichte mir. Was hatte ich mit Menschen zu tun?

Ich musste mich nur davor hüten, an eine Wand geworfen zu werden. Wände hatte ich gesehen. Es gab sie in menschlichen Siedlungen. Sie schienen recht hart zu sein. Ich ging ihnen aus dem Weg.

Dann jedoch begannen sich immer mehr Tiere darüber zu beklagen, was die Menschen taten. Sie beeinflussten das Wetter, sagten sie. Es wurde immer ungemütlicher für die Alteingesessenen. An viele Arten konnte ich mich nur noch erinnern. Sie waren ausgestorben. Die Menschen schütteten Gift ins Wasser und zogen Schneisen durchs Land, quer über unsere alten Wege. Wenn wir die Schneisen kreuzten, versuchten sie, uns mit schweren Maschinen zu töten. Sie schossen aus der Dunkelheit auf uns zu, blendeten uns mit Scheinwerfern und rammten uns. Niemand verstand, warum sie das taten. Es häuften sich Berichte über Lager, in denen Tiere unter schrecklichen Bedingungen dahinvegetierten. Wir hörten sie rufen. Das waren zwar die Nachfahren der Tiere, die sich den Menschen aus Bequemlichkeit angeschlossen hatten. (Und hatten wir sie nicht gewarnt, dass mit den Menschen keine guten Geschäfte zu machen seien?) Aber konnten wir sie nun im Stich lassen?

Ich wollte mich immer noch nicht einmischen. Bloß weil vor Jahrhunderten eine Hexe behauptet hatte, ich würde König werden, musste ich dies ja nicht forcieren. Flüche waren ohnehin Aberglauben. Sicher, ich würde nicht älter, aber das konnte auch eine naturwissenschaftliche Erklärung haben. Zudem hatten die Menschen doch inzwischen ihr Parlament und eine Regierung. Als König hätte ich nur kluge Reden halten können.


Die Klagen wurden drängender. Ich besuchte meinen Freund Merlin, um ihn um Rat zu fragen. Er lebt in einem Busch, in den ihn eine Fee eingesperrt hat. Über die Jahrhunderte haben wir uns angefreundet. Es gbt nicht viele, mit denen man Erinnerungen ans Mittelalter austauschen kann, und die meisten Eichen sind nicht gesprächig.

Merlin hing in seinem Busch herum und langweilte sich. Ich hatte ihm oft erklärt, dass er sich gegen den vermeintlichen Fluch wehren müsse. Es war mit Sicherheit nur ein Glaubenssatz, den er ablegen könnte. Er musste sich nur erlauben, den Busch zu verlassen. Aber er glaubte mir nicht. Er versuchte gar nicht, sich zu befreien. Wahrscheinlich liebte er die Fee immer noch und lauschte Tag und Nacht, ob sie zurückkommen und ihn erlösen würde. Merlin ist eigentlich ein ganz kluger Bursche, aber an diesem Punkt bleibt er unbelehrbar.

Er hatte es geschafft, ins Internet zu kommen. Das war eine Art Wurzelnetzwerk für Menschen. Sie teilten Informationen durch die Luft. Zunächst hatte Merlin nur Unterhaltung gesucht. Er hatte sogenannte Serien entdeckt, lange, verwickelte Geschichten, die in viele Episoden unterteilt schauspielerisch dargestellt wurden. Ich schaute mir ein paar Folgen mit Merlin an, aber sie beeindruckten mich nicht. Die Handlung war vorhersehbar und die Pointen lahm. Merlin verschlang die Serien jedoch, bis ihm der Nachschub ausging. Er hatte jede Menge Zeit und der Vorrat war begrenzt.

Also stöberte Merlin weiter durch das Internet und begann sich für Politik zu interessieren. Er war immer glücklich, wenn er sich mit jemandem unterhalten konnte. Nun entdeckte er die Kommentarspalten zu aktuellen Themen, in denen Tag und Nacht gestritten und beleidigt wurde. Das machte Merlin Spaß. Für eine Weile lebte er richtig auf. Er erfand immer abenteuerliche Behauptungen, um auszuprobieren, wie lange die Menschen ihm auf den Leim gehen würden. Lachend erzählte er mir davon. Doch auch das wurde ihm irgendwann langweilig. Irgendjemand glaubte ihm immer, so absurd seine Geschichten auch sein mochten. Wo war da die Herausforderung?

Als ich ihn jetzt besuchte, hatte er eine neue Idee: Wir sollten uns selbst in die Politik einmischen. Und da Merlin den Busch nicht verlassen konnte (wollte, korrigierte ich, aber er ging darauf nicht ein), sollte es meine Aufgabe sein, das Ruder herumzureißen und die politischen Fehler der Menschen zu korrigieren.

„Auf keinen Fall“, sagte ich.

„Doch“, sagte Merlin. Ich wusste, er würde nicht lockerlassen.

Als er noch nicht in seinem Busch gehaust hatte, hatte er sich schon einmal politisch engagiert. Er hatte einen Jungen zum König gemacht und ihn Kriege führen lassen. Ich fand seine Haltung moralisch nicht ganz sauber, denn er hatte mit den Menschen gespielt. Was ging es ihn an, ob sie starben, ob sie sich gegenseitig ausbeuteten. Merlin gab ihnen Ratschläge, er beeindruckte sie mit magischen Spielereien und als sich die Welt durch sein Eingreifen nicht verbesserte, zog er sich zurück. Die Menschen badeten aus, was Merlin angerichtet hatte und er versteckte sich in seinem Busch. Vielleicht hatte die Fee ihn nicht aus Missgunst eingesperrt, sondern aus politischen Gründen. Oder Merlin blieb einfach hocken, um sich nicht mit seinen eigenen Fehlern auseinandersetzen zu müssen. Das müsste er wohl mit psychologischer Hilfe klären. Doch stattdessen packte Merlin nun wieder der Missionierungsgeist.

„Überhaupt, wo willst du da anfangen?“, sagte ich. “Es brennt doch an allen Ecken und Enden im Menschenreich.”

„Lass uns einfach auf dieser Insel beginnen. Das ist überschaubar“, sagte Merlin.

Er hatte keine Ahnung.


Wir recherchierten.

Offensichtlich hatte die Regierung beschlossen, dass sich alles ändern sollte. Das war in unserem Sinne, aber was genau hatte sie vor? Wir lasen uns ein. Sobald wir begriffen hatten, was die Menschen brauchten und wollten, würde ich mich opfern und gegen eine Wand werfen lassen. Dann könnte ich den Menschen helfen. Ich würde König werden. Vielleicht würde ich auch Premierminister werden, eine mittelalterliche Hexe mochte in der politischen Terminologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht ganz sattelfest gewesen sein.

„Klimawandel fände ich gut“, sagte ich. „Ich meine, ich fände es gut, wenn wir dem Einhalt gebieten würden.“

Merlin schüttelte den Kopf. „Das können wir nicht auf dieser kleinen Insel bewirken. Das ist der nächste Schritt. Lass uns dieses Land als Übungsgelände nutzen. Wir schauen, wie wir der Regierung helfen können. Sobald wir damit durch sind, wenden wir uns den größeren Zusammenhängen zu. Einfach starten.”

Einfach.

Wir stellten fest, dass die Menschen total verwirrt waren. Sie wussten nicht, was sie wollten. Nein, das stimmte nicht. Sie wollten mit aller Kraft ihren Willen durchsetzen, aber wie genau er aussah, darüber waren sie sich nicht im Klaren. Sie wollten einfach gewinnen. Wie die Frösche im Teich wollten sie die Oberhand haben. Worum es ging, war nichtso wichtig. Hauptsache, die anderen waren schuld und würden verlieren.

Wie sollten wir ihnen da helfen?

„Lass uns einfach für sie entscheiden“, sagte Merlin. „Die kriegen ohnehin nichts auf die Reihe. Eben haben sie zum dritten Mal im Parlament über dieselbe Frage abgestimmt. Tragisch.“


Vielleicht hat Merlin recht. Mir scheint, die Menschen hier auf dieser Insel sind nicht bei Trost. Aber ich bin überzeugter Demokrat. Ich kann nicht für sie entscheiden. Ich bin bereit, mich auf magische Weise durchzusetzen, aber nur im Sinne einer stabilen Mehrheit der Bevölkerung. Merlin sagt, das sei kein konsistenter Standpunkt und außerdem, wo sei denn das Stimmrecht der Tiere, der Pflanzen und der Gewässer? Nicht mal alle Menschen, die auf der Insel leben, würden gefragt. Und schließlich gehe es um aller Wohlergehen.

Dennoch, ich fühle mich nicht wohl mit der Autokratie. Ich hoffe auf einen demokratischen Auftrag.

Die Menschen auf unserer Insel haben offensichtlich beschlossen, dass sie unabhängig sein wollen von ihren Nachbarn jenseits des Meeres. Sie wollen die Verbindung kappen, denn sie fühlen sich ausgenutzt. Nur die Hälfte der Menschen denkt so, aber die konnten irgendwie durchsetzen, so dass nur ihr Wille zählt. Sie wollen sich von ihren Nachbarn ablösen, aber sie wollen weiterhin von diesen unterstützt und günstig mit Waren beliefert werden. Sie wollen ihre Schulden nicht bezahlen, aber verlangen, dass die anderen ihnen Zugeständnisse machen. Sie wollen sich abtrennen, aber keine harten Grenzen haben. Wie das gehen soll, wissen sie nicht. Ihnen doch egal. Sie wollen es einfach.

Sie sind heillos zerstritten und lehnen jeden Vorschlag ab, der gemacht wird. Sie sitzen in der Sackgasse und weigern sich zu wenden. Sie verlangen, dass die Häuser Platz machen sollen. Und weil sie das nicht tun, schreien und toben sie, hupen und fahren immer wieder gegen eine Wand, die nicht nachgibt.

Sie sind doch keine verzauberten Frösche, die dadurch erlöst werden könnten. Allenfalls wird das Haus zusammenfallen und sie verschütten.


Merlin und ich haben schlaflose Nächte, aber wir wissen nicht, was wir tun sollen. Solange ich mich für die Menschen nicht interessierte, hatte ich meinen Seelenfrieden. Nun platzt mir der Kopf und ich bin hilflos. Ist das jetzt der Fluch?

Am besten Merlin und ich bleiben noch ein paar Jahrhunderte im Busch sitzen, schauen alte Serien und hoffen das Beste. Sobald die Menschen einen sinnvollen Vorschlag haben, unterstützen wir sie gern.

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