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KalenderSchon vor ein paar Jahren besuchte uns im Bodenlosz-Archiv ein prominenter Gesprächspartner, der dennoch selten zu Wort kommt: der Januar.
Das Interview führte Nina Bodenlosz (NB).

NB: Herr Januar, warum immer diese Kälte?

Januar (01): Was gibt es zu nörgeln? Ich fange extrem mild an.

NB: Finden Sie es schön, am Anfang zu stehen?

01: Das war nicht mein Wunsch! Früher begann das Jahr im März.

NB: War das besser?

01: Schlechter war es nicht. Doch die Unternehmensberater waren im Haus und es fiel ihnen wohl nichts Besseres ein.

NB: Etwas Veränderung alle paar hundert Jahre ist doch gut.

01: Never change a running system. Alles wurde damals in Frage gestellt. Die Jahreszeiten sollen neu strukturiert werden. Wir gehen mit der Zeit, hieß es. Haben wir je etwas anderes getan?

NB: Sind Sie unzufrieden? Es läuft doch Jahr um Jahr.

01: Weil ein paar Leistungsträger sich reinhängen und ausbügeln, was die anderen schleifen lassen. Wir sollten verkrustete Strukturen aufbrechen und eingefrorene Gedanken in Fluss bringen. Aber auf mich hört keiner. Ich mach nur die Drecksarbeit.

NB: Kaum jemand fragt sich, wie es so ist, Januar zu sein.

01: Verständnis kann ich nicht erwarten. Jeder jammert. Auch Sie, Frau Bodenlosz, habe ich sagen hören, der „verdammte Januar“ habe circa 50 unerträgliche Tage und jedes Jahr würden es ein paar mehr.

NB: Das war doch nicht so gemeint.

01: Allerdings meinten Sie das so! Sprechen wir Klartext: Jedes Jahr hinterlässt mir der Dezember einen Saustall. Die Leute sind runter mit den Nerven.

NB: Im Dezember ist eben viel los.

01: Und warum? Wie schmackhaft wurde es mir gemacht, in der Abteilung Winter zu bleiben. Wir würden die Grundlagen legen. Die großen Rampensäue Mai, Juli und August könnten ohne uns einpacken. Und wir wären so ein starkes Team, wir drei.

NB: Stimmt doch!

01: Team? Ich war kurz draußen und schon hatte sich der Dezember so ziemlich alles gekrallt, was an Feiertagen zu haben war. Nur Neujahr konnte ich retten und den 6. Januar.

Dann der Knaller: Wir haben ein gemeinsames Kontingent an Tagen und der Februar geht gleich auf Teilzeit. Keine Diskussion möglich. Dafür, sagt er mit feistem Grinsen, nimmt er den Karneval mit rein. Das heißt, der Dezember und ich arbeiten an der zulässigen Höchstgrenze und alle vier Jahre lässt sich der Februar dazu herab, einen Extratag zu übernehmen. Ein Superteam: eine Primadonna, ein Taugenichts und ich.

NB: Macht es Ihnen gar keinen Spaß, Januar zu sein?

01: Es geht im Leben nicht um Spaß.

NB: Gefällt Ihnen wenigstens das Feuerwerk, das Sie begrüßt?

01: Von der Ballerei und dem Rauch kriege ich Kopfschmerzen. Und dann die Schweinerei auf den Straßen. Da könnte man gleich wieder gehen. Der ganze Dreck, den mir der Dezember vor die Füße knallt: vertrocknete Weihnachtsbäume, Verpackungsmüll, unerwünschte Geschenke, zerrüttete Familien, entfremdete Paare und blödsinnige Vorsätze in allen Köpfen. Am ersten Morgen könnte ich verzweifeln. Dann kremple ich die Ärmel hoch.

NB: Klingt nach einem harten Job. Aber wenn ich dennoch eine Bitte äußern dürfte, könnten Sie vielleicht etwas weniger Eis und Schnee bringen als in den letzten Jahren? Das würde sehr zu Ihrem guten Image beitragen.

01: Immer heißt es, ich sei zu kalt. Hören Sie, was soll ich machen? Ein gewisses Volumen Winterwetter müssen wir schaffen, das steht in der Zielvereinbarung. Der Dezember drückt sich, wo er kann. Dieses Jahr hat er ein paar Tage übernommen, aber am Schluss hat er es umso milder gemacht. Dabei stehen noch etliche Frosttage an. Ich werde den Februar in die Pflicht nehmen, aber das Meiste bleibt an mir hängen. Wie immer.

Ich nehme meine Arbeit ernst. Außerdem: Wenn ich es ein Jahr schleifen lasse, heißt es gleich, ich könne nicht mehr richtig. Das lasse ich mir nicht sagen. Ich bin noch jedem Frost gewachsen.

NB: Eine abschließende Frage: Was halten Sie von der Quote?

01: Sie erwarten von so einem alten Knochen bestimmt, dass er dagegen ist. Ganz im Gegenteil: Wenn irgendwo qualifizierte weibliche Monate sind, sollen sie kommen! Ich würde gerne auf Rente gehen. Jederzeit! Nur frostsicher sollten sie sein, die Neuen. Und nicht gleich losheulen, wenn jemand meckert. Mut zu unpopulären Entscheidungen gehört zur job description.

NB: Ich wünsche Ihnen, dass sich bald jemand findet. Frohes Schaffen und vielen Dank für das Gespräch.

01: Man tut, was man kann.


Weitere Monatstexte finden sich in meinem Buch: Knochenjob im Jahreskreis.
Viel Vergnügen im neuen Jahr!

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