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Herabblickender HundBisher zählte ich zu den Skeptikerinnen. Ich nannte eine Idee eine Idee, weigerte mich, eine Eingebung als göttlich zu begreifen, und glaubte nicht an Kanäle, durch die auf die Sterblichen Erkenntnisse herabrieselten. Woher, von wem und wozu? Die Antworten hatten mir nie eingeleuchtet.

Ich hatte meditiert und mir vorgestellt, Licht ein- und verbrauchte Energie auszuströmen. Aber dabei hatte ich an die Selbstheilungskräfte des Individuums geglaubt, an die Kraft der Imagination, daran, dass in mir selbst die Lösung eines Problems schlummern mochte. Denn wer kannte mich besser als ich selbst.

Wenn andere erzählten, Engeln begegnet zu sein, hatte ich interessiert zugehört, durchaus geglaubt, dass diese Dinge stattgefunden hatten, aber ich hatte sie dem inneren Erleben zugeordnet.

Doch heute schlug bei mir die Erleuchtung ein.

Ich hatte mich überreden lassen, an einer Yogaprobestunde teilzunehmen. Immer wieder versuche ich es mit Yoga, aber niemals finde ich Gefallen daran. Es ist mir zu ernst, zu aufgeladen, zu sakral oder im anderen Falle zu gymnastisch. Bis jetzt hat mich keine Lehrerin von ihrem Weg überzeugt. Ich langweile mich, werde wütend oder verkrampfe mich und bekomme Rückenschmerzen. Auch Mantrasingen ist nicht meine Sache. Dann schon lieber Weihnachtslieder und das will etwas heißen.

Heute war es nicht anders. Ich mühte mich auf meiner Matte ab, atmete brav nach Anweisung, erduldete den Wohlschmerz und wartete, dass es überstanden war. Schließlich zeigte mir ein verstohlener Blick auf die Uhr der Lehrerin, während sie meine Schulter zurechtrückte, dass sich der Entspannungsteil der Stunde näherte. Und tatsächlich: Wir durften uns ausstrecken, die Handflächen nach oben richten, die Augen schließen.

Der Schmerz ließ nach. Draußen fuhr eine Feuerwehr vorbei. Ich atmete aus und ließ mich auf die Matte sinken. Ich fühlte mich tüchtig. Ich hatte etwas für mich getan. Ich leerte meinen Kopf, soweit möglich, und dämmerte dahin. Wieder ein Martinshorn auf der Straße. Ich richtete die Aufmerksamkeit erneut nach innen und zog meine Mundwinkel hoch.

In diesem Augenblick sagte eine Stimme in meinem Kopf: „Follow me!“

Wie war ich darauf gekommen? Ich überlegte verwirrt, ob ich mich heute mit Flughäfen oder Ähnlichem beschäftigt hatte. Aber nichts dergleichen.

„Follow me!“, sagte die Stimme noch einmal.

Sie war hell. Glockenhell. Die Art von Stimme, die mich beim Yoga die Wände hoch treibt. Dieser sanfte, betont reine Tonfall, dieses Gute, von Licht Durchdrungene neben dem Menschen wie ich so fehlerhaft und erdenschwer erscheinen. Es macht mich rasend. Doch die Stimme in meinem Kopf ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie wiederholte geduldig, unerschütterlich und klar. „Follow me!“

Ich öffnete die Augen. Die Stimme sprach weiter.

Alle anderen lagen hingesteckt auf ihren Matten und atmeten. Meine Nachbarin zur Rechten hatte ein zartes Gesicht. Ihr Brustkorb hob sich sanft und senkte sich wieder. Die Nasenlöcher weiteten sich, wenn sie vollkommen geräuschlos Luft einsog. Ich selbst hatte mal wieder allergischen Schnupfen und konnte nur teilweise durch die Nase atmen. Solcherart Probleme kannte meine Nachbarin gewiss nicht. Sie war perfekt.

„Follow me!“, sagte die Stimme.

Die Lehrerin holte uns aus der Entspannung. Wir schlossen mit einem Ritual die Stunde ab, dann lächelten wir in die Runde, stellten Augenkontakt her und wünschten uns Namasté.

Meine Nachbarin sprach mit der Stimme aus meinem Kopf. Und sofort erklang das Echo in meinem Inneren: „Follow me!“

War ich vom Yoga verrückt geworden? Gab es so etwas? Warum wurde davor nicht gewarnt?

Beim Anziehen wich ich den Blicken meiner Yoganachbarin aus. Da sie ihre Kleidung auf dem Stuhl neben meinem abgelegt hatte, war es nicht leicht, um sie herumzuschauen, aber es gelang mir. Was die Stimme nicht daran hinderte, ihr Mantra fortzusetzen: „Follow me! Follow me!“

Rasch zog ich Schuhe und Jacke an und stürmte aus dem Raum. Die Stimme wurde schriller. Auf der Treppe rief sie laut und ohne Pause: „Follow me!“

„Halt den Mund“, zischte ich, als ich in den Hof hinaustrat. Der Mann mit Yogamatte und Bart, der mir gegenüberstand, erschrak. „Nicht Sie! Nicht Sie!“, rief ich, doch er starrte mir entgeistert nach.

Im Laufschritt legte ich den Weg zur Bushaltestelle zurück. Dort saß ich fest. Vom letzten Bus sah ich noch die Rücklichter und so würde ich mindestens zehn Minuten warten müssen. Ich überlegte, zu Fuß zu gehen, um schnell von der Yogaschule fortzukommen, doch in diesem Moment setzte ein Platzregen ein.

Wir drängten uns unter der Bushaltestelle zusammen. Wasser rauschte nieder. Es stand auf der Straße, weil die Gullys den Andrang nicht bewältigten. Mir war kalt, ich hatte mit schlechtem Wetter nicht gerechnet. Was für ein Leichtsinn in diesem Sommer.

Mir fiel auf, dass ich nur noch den Regen hörte. Die Stimme schien verstummt zu sein. Erleichtert horchte ich hin und schon war sie wieder da. Hinter dem Prasseln der Tropfen auf dem Dach der Haltestelle und dem Gurgeln der Wasserströme auf der Fahrbahn rief sie immer noch wie ein merkwürdiger exotischer Vogel: „Follow me! Follow me!“ Ich schüttelte den Kopf. Es half nicht.

Der Bus pflügte durch die Fluten auf uns zu. Wellen schlugen über die Bürgersteigkante. Der Bus bremste, öffnete die Türen, Passagiere stiegen aus und landeten knöcheltief im Wasser. Wir waren gewarnt und hievten uns mit einem großen Schritt ins Trockene.

Drin roch es nach nassem Hund. Die Fenster waren beschlagen. Der Regen trommelte über unseren Köpfen auf den Bus. Körper drängten sich an mich. Und dann ganz laut: „Follow me!“, dass es in den Ohren brannte. Obwohl der Schall doch von innen kam, sagte ich mir, und deswegen an meinen Ohren nicht vorbeikommen konnte. Es war nur eine Fata Morgana. Eine Vision. Ich habe einfach einen Knall, sagte ich mir. Ganz plötzlich, während des Yogas, habe ich eine Macke bekommen.

Der Bus hielt, immer noch stand die Fahrbahn unter Wasser. Ich erreichte mit einem Schritt die Bürgersteigkante und war sicher. Von hinten sprang mir jemand in die Hacken.

„Au“, sagte ich und drehte mich um. Es war meine Nachbarin aus dem Yogakurs. Ihre lichtblauen Augen streiften mich. Sie erkannte mich nicht. Sie quetschte sich an mir vorbei. Die Stimme drängte und ich folgte. „Follow me!“, sagte die Stimme, jetzt zufrieden und freundlich. Ich stellte sie nicht mehr in Frage. Ich platschte durch den Regen hinter der Yogafrau her. Meine Haare hingen in Strähnen in mein Gesicht und Wasser lief in meinen Ausschnitt. Meine Schuhe waren vollgelaufene Boote. Es schmatzte, wenn ich die Füße aufsetzte.

Die Yogafrau ging zielstrebig. Sie musste nass werden, aber es schien sie nicht zu beeinträchtigen. Als würde der Regen sich teilen und an ihr vorbeifließen. Ich lief hinter ihr her wie an einer Schnur gezogen. Sie erreichte einen Hauseingang, schloss die Tür auf und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen. Ich stand vor dem Brett mit den Klingeln. Zwanzig Namen. Es hätte schlimmer kommen können. Ich holte mein Notizbuch aus der Tasche. Das Papier wellte sich und die Tinte verfloss, aber ich würde es lesen können. Ich schrieb die zwanzig Namen auf.

Seitdem konnte ich fünfzehn Namen ausschließen. Nur noch fünf Zielobjekte. Ich werde die Frau im Auge behalten. Eines Tages wird die Tür hinter ihr nicht so schnell schließen und sie wird an einen Briefkasten gehen. Oder jemand wird sie auf der Straße ansprechen. Schon der Vorname würde mir weiterhelfen. Facebook und Google werden mir den Weg weisen. Ich folge ihr. Ich weiß nicht, warum und wohin. Es genügt, dass die Stimme mich leitet.

Es ist ihre Stimme. Wie sollte es denn anders sein. Es ist ihre Stimme und ihr Wunsch, dem ich genüge. Sie tut, als ob sie mich nicht bemerken würde, aber sie sendet Signale. Sie zieht mich an. Sie ist stärker als ich. Ich bin ihr ausgeliefert.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Yoga mein Leben verändern würde.

Eine Geschichte setzt sich fort.
Hier geht es zu Teil 2.

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