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Facebook spült es mir an: Ein Autor will Autorinnen fördern. Aha, denke ich. Förderung ist immer gut. Kann ich mich bewerben?

Ich lese weiter. Der Autor, den ich nicht kenne, aber wahrscheinlich kennen sollte, denn er ist erfolgreich, hat, wie er betont, alle namhaften Preise und Förderungen gewonnen, als er jung war, dieser Autor möchte jetzt etwas zurückgeben.

Das ist ein feiner Zug. Was haben Autorinnen für ihn getan? Geht es um individuelle Frauen und deren Dienstleistungen? Oder hat er Autorinnen im Allgemeinen etwas weggenommen, das er zurückerstatten möchte?

Er hat, so schreibt er, verstanden, dass Frauen im Literaturbetrieb weniger unterstützt werden. Sie erhalten weniger Preise, sie werden weniger gelesen – jedenfalls von denjenigen, die die Preise vergeben und Bücher verlegen, ergänze ich. Und deswegen möchte er etwas von dem, was er aufgrund seines Geschlechts zu viel erhalten hat – oder müsste es hier Gender heißen, nie weiß ich das so genau und dem Autor wäre es vermutlich sowieso egal –, jedenfalls möchte er etwas an Frauen abgeben. Und zwar an Autorinnen, die bislang nicht erfolgreich waren.

Wow, denke ich, dieser Autor muss selbst ziemlich viel Erfolg gehabt haben, wenn er einen Preis ausschreiben kann für erfolglose Schriftstellerinnen. Ich sollte ihn definitiv gelesen haben. Aber vielleicht hat er unter anderem Namen Bestseller verfasst oder er ist Privatier, er hat geerbt oder hat einen Nebenjob als Leiter einer Werbeagentur oder so. Es gibt viele Möglichkeiten, zu Geld zu kommen. Dass sie mir fremd sind, heißt ja nicht, dass das anderen Menschen auch so geht.

Wie viel will der Autor denn nun abgeben? Und wie definiert sich hier Erfolglosigkeit? Bin ich erfolglos genug oder am Ende schon wieder viel zu erfolglos und schieße über das Ziel hinaus?

Ich suche nach den Teilnahmebedingungen und stelle fest, zwei Frauen haben schon gewonnen. Viele Autorinnen hätten sich beworben, weitaus mehr, als der Autor erwartet habe. Er wird weitere Bewerberinnen fördern müssen. Und ich habe nichts mitbekommen.

Wer weiß, was für ein halbseidenes Zeug mir Facebook da angeschleppt hat. Die gehäkelten Männerhosen, die es mir neulich anpries, waren recht speziell und für mich als Zielgruppe ungeeignet. Ich sollte den erfolgreichen Autor vergessen und weiter nach unten wandern in meiner Zeitlinie. Papageienvideos und Urlaubsstrandausblicke harren meiner.

Doch es ist wie neulich mit den gehäkelten Männerhosen: Wenn ich mich auf etwas eingelassen habe, dann will ich es genau wissen. Ich habe mir jedes einzelne Modell der obskuren Häkelkollektion angesehen und so klicke ich auch jetzt brav auf den Link. Dahinter verbirgt sich ein Interview, in dem der erfolgreiche Autor über sich und seine Idee spricht. Die gehäkelten Hosen waren unterhaltsamer. Aber nun bin ich hier, nun lese ich.

Sein Name sagt mir immer noch nichts. Ich bin eine Kultur- und Namensbanausin, das sollte ich mir eingestehen. Und der Preis, den die vom Autor ausgewählten Poetinnen erhalten, bemisst sich nicht in schnödem Geld. Da hatte ich falsche Vorstellungen. Wahrscheinlich bin ich zu materialistisch.

Der Autor hat sich vielmehr auf die Fahnen geschrieben, zwei von ihm ausgewählte Poetinnen in einer Publikation zu präsentieren, die mir natürlich wiederum nicht geläufig ist, was natürlich wiederum gar nichts zu bedeuten hat. Mag sein, dass es sich um das Leib-und-Magen-Blatt wichtiger Persönlichkeiten aus der Verlags- und Literaturbranche handelt. Vielleicht werden die Autorinnen im Anschluss an ihre Präsentation durch den erfolgreichen Autor eine eigene Chance auf Erfolg bekommen.

Die diese Autorinnen dringend brauchen, denn, wie der Autor ausführt, die in Frage kommenden Frauen haben es nicht nur verfehlt, als junge Frauen einen Preis oder eine Förderung zu erringen, sie haben auch das magische Alter der Literaturförderung von 35 unprämiert überschritten und sind mittlerweile sogar mehr als 40 oder – man stelle sich vor! – in Einzelfällen sogar über 50 Jahre alt und immer noch kein Erfolg in Sicht.

Der Autor widmet sich also der Sache von Personen, die nicht nur weiblich und erfolglos, sondern auch noch steinalt sind. Alte Frauen, das ist keine Personengruppe, mit der man sich leichtfertig die Finger beschmutzen möchte. Respekt.

(Natürlich schreibt er nicht alt und erfolglos, sondern drückt es zartfühlender aus, aber ich verstehe schon, was er meint.)

Schlagartig wird mir klar: Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Ich bin eine Frau, ich bin alt und ich habe keinen einzigen Preis gewonnen. Das literarische Leben hat mich gestreift und verwesend am Straßenrand zurückgelassen. Meine letzte Chance wäre ein mir unbekannter Autor von über 35 Jahren gewesen, der mich in einer Publikation vorstellen könnte, die mir nichts sagt. Aber aufgrund der großen Konkurrenz alter, erfolgloser Autorinnen habe ich selbst da keine guten Karten.

Wenn ich schon eine Frau sein muss und auch noch schreiben will, dann hätte ich wenigstens in jungen Jahren Erfolg haben müssen. Und ich weiß bis heute noch nicht einmal, was Erfolg eigentlich genau sein soll. Bei mir ist Hopfen und Malz verloren. Spätestens seit meinem 36. Geburtstag.

In meiner Naivität hatte ich das Gefühl, ich wäre schlicht auf dem Weg, langsam und schwankend, zögernd und immer wieder stolpernd, aber ich schlüge mich tapfer durchs Gestrüpp. Mein Weg ist nicht gradlinig und, wohin er führt, wird sich zeigen, aber ich bin meist ganz zufrieden, zumindest wenn ich nicht gerade auf der Nase liege und mich hochrappeln muss.

Ich wusste nicht, dass ich mein Verfallsdatum längst überschritten habe. Ich nahm an, ich könnte bis ins hohe Alter besser und besser schreiben, meine Texte mehr und mehr zu dem werden lassen, was ich schaffen will. Ich hätte die Freiheit, mich bis zum Schluss neu zu erfinden. Ich dachte, darum geht’s. Ich hatte keine Torschlusspanik – und so trödelte ich ins Aus. Oder nicht?

Ich schließe das Interview und scrolle nach unten durch das Schwemmgut, das mir Facebook heute bietet. Ein tanzender Papagei bringt mich auf bessere Gedanken.

Ich schaue ihm zu, wippe mit dem Fuß und wünsche mir, AutorInnen würden wie Wein betrachtet. Egal ob schwer oder leicht, trocken, süßlich oder herb, jung oder gereift – in meiner idealen Welt würden Schreibende jeden Alters und jeden Geschlechts gleichermaßen gefördert und geschätzt. Es wäre einfach eine Frage des Geschmacks. Und der Neugier auf Stimmenvielfalt.

 

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