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Ich sehe sie nur, wenn es regnet, und auch dann nur aus dem Augenwinkel. Ein grünes Regencape schlüpft durch den Spalt der zufallenden Hoftür. Eine Bewegung lässt mich aufblicken, kurz bevor sie um die Ecke verschwindet. Ich höre ein Gluckern, hebe den Kopf und kann eine Momentaufnahme erhaschen. Meist sehe ich nur die Stelle, an der sie eben war. Sie ist eine Erinnerung, die mir entgleitet.

Ich habe meine Nachbarinnen beobachtet, die mit bunten Sonnentops und schief getretenen Flip Flops durch den Hof laufen. Keine von ihnen kann die Regenfrau sein. Es ist nicht nur die Kleidung und die Figur, es ist ihre Präsenz. Die Sonnenfrauen sind klar umrissen. Sie verschwimmen nicht, sie heben sich ab und sind stabil.

Die Regenfrau tritt leise auf. Sie blubbert und plätschert und perlt. Manchmal glaube ich ein Lachen zu hören. Ein Lachen, das bereits vom Regen verschluckt wurde, sobald ich die Ohren spitze. Doch wer lacht im Regen?

Regen ist zum Stöhnen, zum Jammern und zum Rechnen. Zu kalt, zu ungemütlich, wie viele Milliliter auf den Quadratmeter, wie viel Prozent Regenwahrscheinlichkeit, was zeigt der Regenradar, wann war der letzte Sommer, der so nass war? Der Regen spült uns den verdienten Sommer weg. Er stiehlt uns das, was uns an Sonne zusteht. Wir haben genug Frosttage auf dem Konto. Doch der Sommer zahlt uns nicht an Hitze aus.

Sonnentage sind gezählt. Sie müssen genutzt werden. Was hast du am Samstag gemacht? An so einem Tag, da muss man draußen sein!

Hinter den staubigen Scheiben röstet die Sonne die Balkonpflanzen gar. Ich sitze am Schreibtisch und drücke mich. Kinder schreien im Hof, der Duft von Grillanzündern zieht durch die Luft, die Nachbarn haben es sich bei Schlagermusik gemütlich gemacht. Vor dem Imbiss sitzen Männer im Straßenlärm und genießen pflichtschuldig den Sommer. Draußen ist das Leben, ich bleibe fern.

Auf dem Bürgersteig schieben sich Familien entlang auf dem Weg ins Grüne. Die Luft ist pappig und schmeckt nach Bratwurst und Hund. Ich öffne das Fenster, eine heiße Wand steht davor und lehnt sich ins Zimmer. Bis zum Abend hat sich die Hitze in der ganzen Wohnung ausgedehnt. Sie hängt zwischen den Wänden. Sie schmiegt sich an mich. Meine Haare sind an meine Stirn gekleistert. Wo sich die bloße Haut berührt, klebe ich zusammen. Ich schlafe ein und erwache in einem Kokon aus Schweiß. Ich breite Arme und Beine weit aus. Ein Seestern mit vier Zacken. Die Hitze umfasst mich umso inniger. Draußen wummert Ballermannmusik.

Im Morgengrauen fröstele ich und wickle mich in meine Decke. In der Nachbarschaft ist Stille eingekehrt. Das Licht ist fahl und weich. Die Hitze hat sich in die Winkel zurückgezogen. Ein Flüstern lässt mich zum Fenster sehen. Tropfen ziehen lange Bahnen. Ich stehe auf und öffne meine Fensterflügel. Ein Tropfenvorhang wird ins Zimmer getragen.

Ich atme den Regen ein. Bäche stürzen über das Dach, ein Rinnsal fällt von der Regenrinne auf den Balkonboden. Kleine Pfützen fließen zusammen und bilden einen See. Ich lege mich wieder ins Bett und schließe die Augen. Das Murmeln des Regens wiegt mich in den Schlaf.

Am Morgen umschließt ein Film aus Wasser unser Haus. Die Farben sind satt, die Konturen verwaschen.

Unten im Hof steht die Regenfrau knöcheltief in einer Pfütze. Ihr grünes Cape glänzt vom Wasser. Vielleicht singt sie. Aber das könnte das Rauschen des Regens sein. Die Regenfrau hebt den Kopf, ihre Kapuze rutscht nach hinten. Ein Gesicht schimmert hell. Ich winke. Die Regenfrau scheint zu nicken. Sie ist zu weit weg, um das erkennen zu können. Sie zieht die Kapuze wieder nach vorne. Dann dreht sie sich um und geht zur Hoftür. Ihre Stiefel ziehen Heckwellen, die als Brandung die Ufer erreichen. Die Regenfrau drückt die Tür zum Vorderhaus auf und verschwindet im Dunkel. Die Tür fällt mit einem Krachen hinter ihr zu.

Die Wellen in der Pfütze laufen aus. Schließlich brodeln nur noch die Einschläge der Regentropfen. Kreisförmige Krater berühren und verdrängen sich.

Ich schaue weiter aus dem Fenster. Wasser fließt an den Wänden herab, der Putz ist dunkel gefleckt. Es tropft von den Fensterbrettern, Bäche rinnen über den Hof und münden in der großen Pfütze. Kein Mensch ist zu sehen. Ich habe freie Zeit. Ich muss nichts erleben, ich kann zu Hause bleiben. Endlich ein Regensommersonntag.

 

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