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Zwei Spieltiere warten

Wir sitzen im Dunkeln. Und warten. Draußen sehen wir nichts. Unsere Spiegelbilder versperren uns den Blick.

Wir starren aufs Fenster und harren aus.

Eben noch ein Zug, der gleich einfahren wird. Eine Stimme, die Stationen ansagte; ein Monitor, der präzise die Verspätung angab. Auf die Minute genau. Man rechnete mit uns. Ein Gleis war uns bestimmt.

Jetzt sind wir auf dem Abstellgleis.

Einmal, kurz nach dem Halt, sprachen sie mit uns. Der Zug ist stehen geblieben, sagten sie, als hätten wir es nicht längst bemerkt. Bald geht es weiter, beruhigten sie. Wir setzen zurück, eine Weiche wird gestellt und schon sind wir wieder im Plan. Alles geht seinen Gang.

Seither keine Durchsagen mehr. Ein Polizist streift durch den Zug. Er zieht seine Bahnen. Spricht man ihn an, dann flüstert er. Er weiß von nichts. Wenn wir leise sprechen, erwacht die Panik nicht. Mir jedoch macht dieses Flüstern Angst. Welches Geheimnis hält man vor uns verborgen? Was lauert da draußen in der Nacht? Oder ist die Pest an Bord? Werden sie es uns sagen oder geben sie uns stillschweigend  auf?

Wir sitzen und warten und starren. Mein Spiegelbild schaut stumpf zurück. Ich habe etwas Wasser und einen Apfel in meiner Tasche. Ich sollte den Proviant einteilen.

Eine Stunde zieht vorbei.

Es riecht nach Brand. In der Schleuse zwischen den Waggons stehen drei Raucher. Der einzige Ort für sie. Auf der Toilette ist ein Rauchmelder angebracht. Der Polizist geht durch die Schleuse, hustet, sagt aber nichts. Er flüstert nicht einmal. Unsere Lage muss kritisch sein, wenn man uns eine letzte Zigarette nicht verwehren will.

Ich lege die Hände an die Scheibe und versuche, die Schwärze draußen zu durchdringen. Ich trinke doch einen Schluck Wasser. Eine Frau telefoniert schrill. Im Internet keine Hinweise auf uns.

Anderthalb Stunden.

Draußen fährt ein Zug vorbei.

Wir sind abgekoppelt. Eines Tages werden sie unsere Skelette bergen.

Jemand hat eine Tür geöffnet. Frische Luft strömt in den Wagen. Es gibt noch ein Draußen. In der Ferne klappern Züge über Gleise.

Sogar der Polizist ist verschwunden. Ich überlege, ob ich den Apfel essen soll. Werde ich das in ein paar Stunden bereuen?

Zwei Stunden.

Der Monitor zeigt immer neue Ankunftszeiten. Präzise auf die Minute. Wenn wir jetzt abfahren würden, dann könnten wir am nächsten Bahnhof eintreffen und wir wüssten wann.

Nur fahren wir nicht.

Dies ist ein stehender Zug. Vielleicht stand es am Bahnsteig angeschrieben. „Keine Ankunft.“ Wir haben es übersehen. Haben unser Schicksal frei gewählt. Oder freiwillig verschusselt.

Zweieinhalb Stunden.

Der Schaffner erscheint. Er hastet durch den Zug und flucht. Die Passagiere haben eine Tür geöffnet. So kann eine ordentliche Beförderung nicht vollzogen werden. Immer die Fahrgäste. Ansprüche und Insubordination.

Wir sprechen den Schaffner an, wir fordern Information.

„Wir können nicht fahren, weil jemand die Tür geöffnet hat. Warum machen Sie das“, zischt er.

Ich denke, wir wollten wenigstens ins Freie sehen. Das Gefühl haben, es gibt eine Welt da draußen und wir gehören noch dazu. Uns nicht wie Gepäckstücke verloren geben.

Sogar im Gefängnis ist Flucht nicht verboten. Selbstbefreiung ist straffrei.

Der Schaffner ist erzürnt. Wir stören den Ablauf.

Und die zweieinhalb Stunden? Warum hat er nicht zu uns gesprochen?

„Ich kann mich nicht um alles kümmern.“

Sind wir nicht seine verehrten Fahrgäste, das sagte er doch!

Er schüttelt uns ab und rennt weiter, schimpft über undankbares Beförderungsgut.

Ohne ein Wort fährt der Zug an, ohne ein Wort fährt er in den nächsten Bahnhof ein. Jetzt spricht der Schaffner endgültig nicht mehr mit uns. Wir haben sein Wohlwollen verspielt.

Ich stolpere auf den Bahnsteig. Die Freiheit blendet mich. Der Zug hinter mir fährt weiter. Ohne Signal.

Zweieinhalb Stunden, aber kein Wort. Als ob es nie geschehen wäre. Als ob die Stunden einfach aus der Nacht geschnitten wurden, unbemerkt. Nicht der Rede wert.

 

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