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Cookie; Grafik: Katarina Pollner

Es kam ein Tag, an dem die Hexe Gretchen zum Wasserholen schickte, während sie sich an ihrem geheimnisvollen Pulver zu schaffen machte.

Der Brunnen war in der hintersten Ecke des Gartens. Gretchen musste das Wasser mit einem Eimer heraufholen und in einen Krug umfüllen. Ihr Körper tat das folgsam und effizient, doch Gretchen schrie, so laut sie konnte: „Oh je, der Krug. Der schöne Krug ist in den Brunnen gefallen.“

Cookie kam aus dem Haus gerannt. In einer Hand hielt sie das offene Säckchen mit dem Pulver, in der anderen schwang sie ihren dicken Stock. „Du dummer Trampel“, rief sie.

„Schaut nur nach“, sagte Gretchen. „Der Krug liegt im Brunnen.“

Cookie lehnte sich über den Brunnenrand. Gretchen beugte sich mit gestreckten Armen vor, um sie hinabzustoßen, aber da drehte sich Cookie blitzschnell herum und packte Gretchen an den Handgelenken.

„Eine Gretel bleibt eine Gretel. Deine Vorgängerin war genauso verschlagen wie du. Jetzt bin ich auf der Hut. Das offene Feuer habe ich abgeschafft, dann soll jetzt auch der Brunnen verschwinden.“

Sie zwinkerte und statt des Brunnens stand in der Ecke des Gartens ein Wasserhahn.

„Und dich werde ich windelweich schlagen“, sagte Cookie. Sie hatte ihren Stock fallen lassen. Jetzt wollte ihn aufheben. Sie schrie entsetzt auf. Neben dem Stock lag das leere Säckchen auf dem Boden. Das geheimnisvolle Pulver hatte sich auf der Wiese fein verteilt.

Cookie vergaß Gretels Strafe. Sie sank nieder und versuchte, das Pulver mit beiden Händen einzusammeln. „Hilf mir, du dumme Gretel“, keifte sie.

Gretchen kniete sich hin, las Pulver auf und füllte das Säckchen. Nach einer Weile war Cookie zufrieden. „Es ist doch das meiste gerettet worden“, sagte sie. „Fast scheint mir das Säckchen jetzt besser gefüllt als zuvor.“ Sie schnürte es fest zu und stand auf. „Aber du wirst heute Abend deine Tracht Prügel noch bekommen, du undankbares Ding“, sagte sie.


Gesagt, getan. Am Abend bekam Gretchen den Stock zu spüren. Sie musste danach vier große Lebkuchen essen, damit ihr Wille geschwächt wurde.

Hansel starrte dumpf vor sich hin. Erst als Cookie seine Oberarmmuskeln maß und ihn lobte, errötete er vor Stolz. Cookie tätschelte seine Schulter.

„Lieber Junge, bald bist du so weit. Nur noch ein paar Tage.“

Hansel lächelte beglückt und legte nach dem Abendessen eine zusätzliche Trainingseinheit ein. Gretchen war schlecht und nicht nur von den Lebkuchen.


In den nächsten Tagen buk Gretchen fleißig und ersetzte die alten Lebkuchen am Haus in Windeseile. Die Hexe bemerkte es erfreut. Die vielen Lebkuchen taten ihren Dienst und ließen Gretchens Widerstand erlahmen. Nach ein paar Tagen mochte am Haus kein Lebkuchen mehr daran sein, den Gretchen nicht erneuert hatte.

Am Abend holte die Hexe das Maßband hervor, legte es sanft um Hansels Bizeps und rief „Perfekt!“

Sie stand auf, schnippte mit den Fingern und schwebte nach oben auf ihr hängendes Bett. Dort saß sie und lockte Hansel mit dem Zeigefinger. „Komm nur, mein lieber Hänsel, es ist so weit.“

Hansel strahlte. Er schwang sich mühelos an einem Arm hinauf auf das Bett.

„Halt“, schrie Gretchen.

„Was soll das?“, rief Cookie. „Halt dich da raus.“

„Niemals“, schrie Gretchen. „Hansel, komm sofort da runter! Du musst ihr nicht gehorchen.“

Hansel schaute Gretchen überrascht an, als würde er erst jetzt bemerken, dass sie im Raum war. Er blieb auf der Bettkante sitzen.

„Gretel, sei brav und geh in den Garten“, sagte Cookie.

Gretchens Körper drehte sich um und ging zur Tür. Dann schwang sie herum, zog ein großes Küchenmesser aus der Schürze, lief auf das Bett zu und hackte die Seile durch, die das Bett an der Decke hielten. Sie hatte sie in den Tagen zuvor angesägt und so gaben die Seile gleich nach. Das Bett, Cookie und Hansel krachten auf den Boden. Gretchen überwältigte Cookie und fesselte sie mit ein paar der schwefelgelben Tücher, die überall herumlagen. Cookie fluchte und spuckte, bis Gretchen ihr ein weiteres Tuch als Knebel in den Mund steckte.

„Komm jetzt, Hansel, uns hält hier nichts mehr“, rief sie.

Hansel saß auf den Trümmern des Bettes und weinte.

„Hast du dich verletzt?“

„Ich habe mir meinen Fingernagel eingerissen.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst“, sagte Gretchen.

„Doch.“ Hansel hielt ihr anklagend die Hand entgegen.

„Komm jetzt, reiß dich zusammen, es wird bald dunkel und es ist ein weiter Weg bis zur Straße. Lass uns noch ein paar Lebkuchen einpacken für die Reise.“

Cookies Kopf ging bei diesen Worten hoch.

„Nein, nein, du alte Hexe“, sagte Gretchen. „Du brauchst auf deine Magie nicht zu hoffen. Ich habe dein Pülverchen am Brunnen durch stinknormale Semmelbrösel ersetzt. Du kannst uns nicht mehr bannen. Los jetzt, Hansel!“

Der saß immer noch auf dem Bett und lutschte an seinem eingerissenen Fingernagel.

„Du brauchst keine Angst haben, Hansel. Die Alte kann dir nichts mehr tun. Zieh dich an und komm mit in die Freiheit!“

„Ich will nicht, dass du so über Cookie sprichst“, sagte Hansel.

„Aber Hansel, der Zauber ist vorbei. Du musst der alten Hexe nicht mehr gefallen!“

„Diese alte Hexe, wie du sie nennst, ist meine Cookie. Ich will ihr gefallen und ich will nicht zurück in dieses andere Leben, in dem ich mir einen Job suchen soll und Mutter sich beschwert, wenn ich die Wäsche nicht zusammenlege. Mir geht es gut hier. Ich hoffe, du hast Cookie nicht verletzt.“

„Erkennst du mich nicht? Ich bin Gretchen, deine Schwester!“

„Klar erkenne ich dich. Du hast Cookie das angetan. Du warst nie nett zu ihr. Ich sollte dich fesseln und Cookie entscheiden lassen, was sie mit dir tun will. Aber weil du meine Schwester bist, kannst du gehen. Ich werde Cookie jetzt losbinden, also lauf!“

„Hansel …“ Gretchen zog an Hansels Arm, aber er schüttelte sie ab wie eine Fliege. Er begann damit, Cookies Fesseln zu lösen.

Gretchen flehte Hansel ein letztes Mal an, mitzukommen, dann rannte sie los; keinen Moment zu früh, denn Cookie streifte die Fesseln bereits ab.


Gretchen lief, so schnell sie konnte und hängte die Hexe ab. Sie erreichte die Straße und folgte ihr. Nach wenigen Kilometern lichtete sich der Wald und Gretchen stand in einem kleinen Dorf. Dort fand sie Hilfe. Am nächsten Tag holten sie die Eltern mit dem Auto ab.

„Wo warst du in den letzten zwei Jahren?“, fragte der Vater.

„Ich wollte etwas sehen von der Welt, aber jetzt ist mir das Geld ausgegangen.“

„Und wo ist Hansel?“, fragte die Mutter.

„Das weiß ich leider nicht“, antwortete Gretchen. „Wir haben uns auf dem Festival gestritten und er ist mit einem Mädchen abgehauen.“

Diese Version der Ereignisse schien ihr für die Eltern weitaus geeigneter als die Wahrheit.


Hansel tauchte nie wieder auf.

Die Eltern wollten Gretchen gerne wieder in ihrem Haus aufnehmen. Sie hatten festgestellt, dass sie sich zu zweit unentwegt stritten. Eine dritte Person war als Puffer ganz hilfreich.

Doch Gretchen zog in die Stadt und eröffnete ein Café. Der Kaffee war dort abscheulich, aber die Plätzchen und Lebkuchen schmeckten so gut, dass jeder Kunde und jede Kundin wiederkehrte. Man munkelte, die jungen Männer, die in Gretchens Café ein und ausgingen, könnten keinen Blick von ihr lassen, sobald sie einen Bissen von ihrem Gebäck gegessen hätten. Konkurrenten behaupteten, es seien Drogen im Spiel. Sie hätten Gretchen dabei beobachtet, wie sie mit einem gelben Pulver hantierte. Doch diese Gerüchte waren sicher dem Neid geschuldet. Gretchen lebte jedenfalls bis ins hohe Alter zufrieden im Kreise ihrer Bewunderer. Ihr Gesicht war faltig und ihr Haar war grau, doch das tat ihrer Anziehungskraft keinen Abbruch. Ihr Café war weit und breit bekannt.

Es hieß Magic Cookie.

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