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Cookie; Grafik: Katarina PollnerCookie führte die beiden tief in den Wald.

Man sollte mit jemandem, die offensichtlich nicht ganz normal war, nicht in die Wildnis gehen. Aber was war die Alternative? Natürlich hätte die Straße irgendwann zu einem Ort geführt, das war ja zwangsläufig so. Niemand würde eine Straße teeren, die im Nirgendwo endete, oder? Doch Gretchen war viel zu müde und zu durstig, um der Straße weiter zu folgen. Hansel folgte der fremden Frau, ohne zu zögern. Er hatte Gretchen keinen Blick geschenkt, seit Cookie ihn angesprochen hatte. Wäre Cookie nicht alt gewesen, Gretchen hätte vermutet, dass Hansel sie attraktiv fand. Doch das war natürlich ausgeschlossen.

Sie liefen immer weiter in den Wald hinein. Wer hätte vermutet, dass es in Dänemark so riesige Wälder gab. Schließlich gelangten sie an eine Lichtung mit einem kleinen Häuschen. Es war mit braunen Kacheln bedeckt, die sich beim Näherkommen als Lebkuchen entpuppten oder als Kacheln, die echten Lebkuchen phänomenal ähnelten. Gretchen streckte die Hand danach aus, doch Cookie schlug mit ihrem Stock auf Gretchens Finger.

„Knuspere nicht von meinem Häuschen, Gretel, das kann ich nicht leiden.“
„Ich hieße Gretchen.“

„Gretchen, Gretel, das ist doch einerlei.“

Gretchen wagte nicht zu widersprechen, ihre Finger brannten noch von dem Schlag mit dem Stock. Sie schaute sich um. Das Häuschen war von einer merkwürdigen Mauer umgeben. Sie schien aus männlichen Körpern zu bestehen, nein, aus antiken Statuen oder Gipsabdrücken athletischer Männerkörper, allesamt nackt und in Lebensgröße. Es sah verrückt aus. Wie eine Hecke aus Muskeln.

„Schön, meine Sammlung, nicht wahr?“, fragte Cookie.

„Beeindruckend“, antwortete Gretchen. Hansel stand wortlos da und glotzte Cookie an.

„Kommt herein“, sagte Cookie. Gretchen zögerte, aber etwas, das stärker war als ihr Wille, zog sie hinein in das dunkle Innere des Häuschens. Hansel war schon vorausgegangen.

„Lieber Hänsel, du siehst müde aus. Leg dich ein Weilchen hin, bis das Essen fertig ist“, sagte Cookie.

Wie ferngesteuert ging Hansel zum Sofa, legte sich nieder, deckte sich mit einer schwefelgelben Decke zu und fiel sofort in tiefen Schlaf.

„Halt keine Maulaffen feil, Gretel, sondern geh an die Arbeit“, sagte Cookie.

„Wie reden Sie denn mit mir?“

„Wie man mit Dienstboten redet.“

„Ich bin Ihr Gast.“

„So? Du bist gekleidet wie eine Dienstmagd und du bist auch eine.“

Gretchen schaute an sich hinunter und stellte fest, dass sie eine weiße Schürze trug. Auf dem Kopf hatte sie eine Dienstmädchenhaube wie aus einem altmodischen Porno.

„Na los, geh zum Ofen und schau, ob die Plätzchen fertig sind.“

Gretchen wollte sich weigern, aber ihre Füße gingen Schritt für Schritt zum Herd, ihre Hände klappten den Backofen auf, griffen nach einem Topflappen und zogen das Blech heraus. Darauf lagen duftende Lebkuchenmännchen.

„Nimm dir ruhig einen“, sagte Cookie.

Gretchen griff gierig zu und schlang den Lebkuchen hinunter. Cookie kam ihr danach viel sympathischer vor. Doch nur, bis sie den Stock schwang und Gretchen zur Arbeit anhielt.

Sie arbeitete stundenlang, so schien ihr. Sie bereitete frischen Teig und schob immer wieder neue Plätzchen in den Ofen. Sie putzte die Küche, fegte den Boden, holte Wasser vom Brunnen, wusch einen Berg schwefelgelber Tücher und hängte sie im Garten auf. Dann putzte sie einen großen Korb Pilze, schnitt sie klein und bereitete eine Pilzpfanne mit Spätzle zu. All diese Arbeiten verrichtete sie, als hätte sie nie etwas anderes getan. Ihre Hände und Füße wussten Bescheid.

Sie hatte keine Möglichkeit, sich zu weigern. Ihr Körper tat, was Cookie ihn zu tun hieß. Gretchen schaute nur zu, was geschah.

Als das Essen fertig war, weckte Cookie Hansel liebevoll auf und setzte sich mit ihm an den Tisch. Gretchen durfte später die Reste essen, nicht dass Hansel ihr viel übriggelassen hätte.

Dann legte sich Hansel wieder schlafen, Cookie schwebte nach oben in ein großes Bett, das an Seilen von der Decke hing. Sie begann sogleich zu schnarchen. Gretchens Körper räumte auf, dann bettete er sich auf einer Strohmatte zur Ruhe.

Gretchen fand keinen Schlaf. Sie war an einem gottverlassenen Ort, in der Gewalt einer Irren und Hansel war anscheinend geisteskrank geworden. Hätte sie nicht gewusst, dass es keine Magie gab, sie hätte Cookie für eine Hexe gehalten. Hexen gab es natürlich nicht. Aber das änderte nichts daran, dass Cookie sich benahm wie eine Hexe, gemein war wie eine Hexe und hexen konnte wie eine Hexe.


Am nächsten Morgen ging die Hausarbeit weiter. Hansel durfte ausschlafen und bekam von Gretchen, die er nicht anschaute, ein gutes Frühstück serviert. Danach überreichte ihm Cookie zwei goldene Hanteln und ein Springseil mit goldenen Griffen. Er bedankte sich verzückt und begann frenetisch zu trainieren. Hansel hatte noch nie freiwillig Sport getrieben. Jetzt schien er zu wissen, wie es ging, und tat es unentwegt.


Wochenlang schuftete Gretchen im Haushalt und Hansel übte Liegestützen, Seilhüpfen, Sit-ups und Kniebeugen. Jeden Abend drückte Cookie mit Daumen und Zeigefinger Hansels Bizeps zusammen.

„Feiner Junge“, sagte sie dann. „Du musst noch eine Menge trainieren, aber du bist auf dem richtigen Weg. Jetzt ab ins Bett. Du brauchst deinen Schlaf.“


Ein Glück, dass Hansel vorher komplett untrainiert gewesen war. So würde es eine Weile dauern, bis er so muskulös aussehen würde wie die Männerkörper, die das Haus umgaben. Aber dann? Würde Cookie ihn gleich in Stein verwandeln? Oder würde sie ihn erst vernaschen und später in die Gartenmauer einpassen, wenn sie seiner überdrüssig wäre?

Bei dem Gedanken, dass Cookie Hansel verführte, wurde Gretchen übel. Hansel konnte schlafen, mit wem er wollte. Aber Cookie sah in ihm ein williges Schoßhündchen. Und außerdem war Cookie so alt. Sie hatte Falten am Hals. Einfach widerlich. Gretchen durfte nicht zulassen, dass sie Hansel anfasste.

Und sie selbst konnte diese nicht enden wollenden Folge von Hausarbeit nicht länger ertragen. Sie musste etwas unternehmen.


Gretchen buk für Cookie unzählige Sorten Kekse und Lebkuchen. Sie beobachtete, was ihre Hände in Cookies Auftrag taten. Vorher hatte sie nie gebacken, jetzt wusste sie sehr viel darüber.

In jede Teigmischung gab Cookie persönlich eine Prise von einem Pulver, das sie in einem Beutel an ihrem Gürtel trug. Das Pulver sah aus wie gewöhnliche Semmelbrösel. Aber die Hexe ließ Gretchen nie nahe heran, wenn sie mit dem Pulver hantierte und murmelte vor sich hin, wenn sie es verwendete. Es musste ein Zaubermittel sein.

Denn die Lebkuchen hatten magische Kräfte, das konnte Gretchen am eigenen Leib spüren. Sobald sie einen Lebkuchen gegessen hatte, vergaß sie ihre Fluchtpläne. Erst mit zunehmendem Hunger erinnerte sie sich wieder, dass es eine Welt da draußen gab, in die sie zurückkehren wollte. Sie stellte auch fest, dass ihre Arme und Beine ihr besser gehorchten, wenn sie im Garten war. Je weiter sie sich vom Haus entfernte, desto weniger konnte die Hexe sie kontrollieren. Das Haus war mit Lebkuchen bedeckt und dadurch war es erfüllt von Cookies Zauber.

Ein Nachteil des Lebkuchenhauses war, dass es jede Woche neu bedeckt werden musste. Die Witterung ließ das Gebäck schnell verwittern und nachts nagten die Tiere des Waldes daran, obwohl es ihnen schlecht bekam und sie morgens oft krank und benommen im Garten lagen. Gretchen musste unentwegt backen und das Haus mit dem Gepäck bekleben. Eine Heidenarbeit.


Wie wird das ausgehen?
Muss Gretchen ewig weiterschuften? Kommt Hansel mit der Hexe zusammen?
Der letzte Teil erscheint am 24. November.

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