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Cookie; Grafik: Katarina PollnerDreckig waren sie auch vorher gewesen. Doch jetzt stand das Wasser in ihren Schuhen. Außerdem hatten sie kein Gepäck mehr, denn das hatte der Mann nicht ausgeladen, bevor er aufs Gas getreten und sie in einer Schlammfontäne zurückgelassen hatte. Gretchen versuchte noch einmal das Handy, aber die Eltern waren nach wie vor nicht zu erreichen.

„Verdammt.“

„Ich sage dir, die haben ihre Handys kaputtgekriegt. Und das Auto hat eine Panne. Und jetzt wissen sie nicht, wie sie uns erreichen können.“

„Aber was machen wir?“

„Lass uns vor bis zur Landstraße gehen, vielleicht nimmt uns dort einer mit.“

„So?“

Sie sahen aus wie Mumien aus Matsch.

„Vielleicht ein Bauer auf dem Trecker.“

„Viel Glück.“

„Hast du eine bessere Idee?“

„Nein. Geld haben wir ja auch keines mehr.“

„Und die EC-Karten haben wir nicht dabei. Aus Sicherheitsgründen sagte Vater. Wir hätten nicht auf ihn hören sollen.“

„Mann, die Eltern, die haben das echt verbockt. Das wird denen noch leid tun.“


Niemand nahm sie mit. Auch die Eltern tauchten nicht auf. Nachdem sie zwei Stunden an der Landstraße gestanden hatten, warfen sie eine Münze, die Hansel noch in seiner Hosentasche gefunden hatte, und gingen dann nach links. Gretchen weinte. Hansel schniefte. Zwischendrin machten sie sich Vorwürfe oder schimpften auf ihre Eltern.

Es wurde dunkel. Es kam kein Dorf.

„Das ist ja total abgelegen hier“, sagte Hansel.

„Fällt dir das auch schon auf?“

„In der letzten halben Stunde ist kein einziges Auto vorbeigekommen.“

„Nicht mal ein Trecker.“

„Wie spät ist es?“

„Mein Handy ist tot.“

„Meines auch.“

„Wenn wir jetzt hier sterben.“

„Mal den Teufel nicht an die Wand.“


Es war so dunkel wie noch nie in Hansel und Gretchens Leben. Sie hatten das Gefühl, dass sie sich in einem Wald befanden, aber genau konnten sie das nicht erkennen.

„Ich kann nicht mehr“, sagte Gretchen.

„Ich auch nicht“, sagte Hansel.

„Ich habe Durst.“

„Wem sagst du das.“

„Wenn wir hier sterben? Bloß weil unsere Eltern nicht mit einem Handy umgehen können?“

„Wenn du den Typ im Auto nicht gereizt hättest … So schlimm war der gar nicht. Du bist viel zu empfindlich.“

„Fängst du schon wieder an?“

„Ich meine ja nur.“


Der Mond ging auf und sie stellten fest, dass sie wirklich in einem Wald waren. Hansel blieb stehen. „Ich kann keinen Schritt mehr weiter.“

„Ich auch nicht“, sagte Gretchen. „Ich habe Hunger, ich habe Durst, ich habe eine Blase an der Ferse, mir ist kalt. Ich will sterben.“

„Ach, Gretchen. Alles wird gut.“

„Das glaube ich nicht. Unsere Eltern sind verunglückt und wir verhungern im Wald. Die ganze Familie an einem Tag ausradiert.“

„Dramatisiere nicht.“

„Es ist schrecklich.“

„Ich weiß.“


Sie setzten sich an den Straßenrand. Die Zeit verging sehr langsam. Als der Morgen dämmerte, war es so kalt geworden, dass sie glaubten, sie würden nun erfrieren. Das sollte ein schöner Tod sein, hatte Gretchen gehört. Man schlief ein, nichts tat einem mehr weh und dann war es vorbei.

Sie schloss die Augen.


„Kommt in mein Haus, ihr armen Kinder. Wärmt euch auf und kommt zu Kräften“, sagte eine Stimme.

Vor Gretchen stand eine Frau. Eine alte Frau. Die grauen Haare hingen in wilden Strähnen herunter. Ihre Kleidung schien aus unzähligen Schichten gelber Tücher zu bestehen.

„Na, was ist, mein Täubchen?“, fragte die Frau.

Hansel schlief. Typisch, dass er sie in dieser Situation alleine ließ. Doch vielleicht war die merkwürdige Frau nur eine Halluzination. Die Erschöpfung.

„Liebes, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit! Ich habe Kuchen im Backofen, der soll nicht verbrennen“, sagte die Frau.

Kuchen klang wunderbar. Gretchen glaubte ihn zu riechen. Sie musste etwas essen. Egal, was sie von der Alten hielt, etwas zu essen könnte nicht schaden. Sie stieß Hansel an. Der öffnete die Augen und erschrak.

Die alte Frau hatte sich tief zu Hansel hinuntergebeugt und musterte ihn mit hungrigem Blick. Vielleicht sollte Gretchen die Frau besser verjagen? Doch die hielt einen dicken Gehstock in der Hand.

„Was für ein hübscher Junge“, sagte die Frau. „Wie heißt du?“

„Hansel.“

„Hänsel?“

„Nein Hansel mit a. Aber amerikanisch ausgesprochen. International halt.“

„Aha“, sagte die Frau. „Ich glaube, ich sag einfach Hänsel. Ich kannte mal einen Hänsel, vor langer Zeit. Eine traurige Geschichte. Und wie heißt du, Mädchen?“

„Gretchen.“

„Wenigstens nicht Gretel. Eine Gretel kannte ich auch, die hat mir übel mitgespielt. Ihr seid nicht zufällig verwandt mit Hänsel und Gretel?“

„Nein, wir kennen sie nicht.“

„Nur aus dem Märchen“, fügte Gretchen hinzu.

„Aus dem Märchen, schau schau“, sagte die Frau und lächelte.

„Und wie heißen Sie?“, fragte Hansel.

„Ach, nennt mich doch einfach Cookie.“


 

Weiter geht es am 23. November.

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