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Eine Fortsetzungsgeschichte im Blog? (Darf ich das? Das liest doch niemand. Gehört das in ein Blog? Lass das mal lieber sein.)

Im Bodenlosz-Archiv hab ich mir das erlaubt.

Vier Tage lang erscheint ein Stück Geschichte. Mein Mini-Voradventskalender mit vier Türen, sozusagen.

Ich fand sie so, die Geschichte, in einem alten Buch, das ich schon eine Weile nicht mehr in die Hand genommen hatte. Unterdessen hatte sie eine Metamorphose durchlaufen; ihre Bestandteile waren durcheinandergerutscht, Figuren hatten sich verwandelt. Oder täuscht mich meine Erinnerung und alles war schon immer so? Wer liest, wird es entscheiden können.

Ich lade ein: Folge der Geschichte von Tag zu Tag wie einer Spur aus Brotkrumen oder aus Steinen im Mondlicht. Oder lies später nach, hintereinanderweg.

Die Reise beginnt:

Cookie – Teil I

Cookie; Grafik: Katarina PollnerEs waren einmal zwei Geschwister, die lebten bei ihren Eltern in einem Einfamilienhaus am Waldrand. Hansel und Gretchen waren recht zufrieden. Beide hatten das Abitur mit mittelmäßigem Erfolg abgeschlossen.

Hansel hatte einen Bachelor in Betriebswirtschaft und überlegte seit drei Jahren, ob er nun einen Master anstreben sollte. Während er darüber nachdachte, surfte er durchs Internet und jobbte gelegentlich als DJ.

Gretchen studierte seit Längerem Kulturwissenschaften, aber sie litt unter Prüfungsangst und konnte deswegen kaum Scheine erwerben. Sie hatte einige Praktika absolviert, zumeist vermittelt durch ihren Vaters, der früher bei der Stadtsparkasse gearbeitet hatte, oder durch einen verheirateten Professor, der Gretchen als angenehme Begleitung empfand.

Kurzum, beide Kinder waren Ende zwanzig und machten keine Anstalten, bald auf eigenen Füßen zu stehen. Sie hatten nicht einmal eine feste Beziehung, wenn man Gretchens Professor nicht rechnete. Im Großen und Ganzen verstanden sie sich gut mit ihren Eltern, das WLAN im Haus war auf dem neuesten Stand und ihre Mutter kochte ausgezeichnet. Selbst die Wäsche ihrer Kinder erledigte sie, wenn diese bereit waren, sich ab und an ein paar Vorwürfe anzuhören. Aus Sicht der Kinder war die Welt in Ordnung.


Die Eltern allerdings waren nicht so zufrieden. Eines Abends sagte der Vater:

„Ich liebe unsere beiden Kinder, aber so kann es nicht weitergehen.“

Die Frau seufzte. „Wir können sie nicht einfach vor die Tür setzen.“

„Warum nicht?“, fragte der Vater. „Wir haben alles versucht. Wir haben klärende Gespräche geführt, Wohnungen besichtigt, wir haben sie zu mehr Hausarbeiten angehalten …“

„Da musst du dich allerdings an die eigene Nase fassen“, unterbrach die Frau. „Du sitzt seit der Rente den ganzen Tag zu Hause und packst nicht mit an. Nicht einmal den Garten, der doch deine Domäne …“

„Halt, liebe Frau“, sagte der Vater, „lass uns das ein andermal diskutieren. Jetzt geht es um die Zukunft unserer Kinder. Wie sollen sie selbstständig werden und uns ein paar Enkelkinder schenken, wenn sie sich nicht aus dem Nest bewegen?“

Die Frau seufzte. „Sie sind zu bequem. Sie sehen keinen Grund, etwas zu ändern.“

„Hotel Mama“, sagte der Mann. „Du verwöhnst sie zu sehr. Sie könnten wenigstens mal mit anpacken.“

„Du erwartest von mir ja auch eine Rundumversorgung, obwohl du nicht mehr zur Arbeit gehst und ich …“

„Liebe Frau, du schweifst wieder vom Thema ab“, sagte der Mann. „Wir müssen die Probleme sauber trennen, sonst können wir sie nicht lösen.“

„Hmm“, sagte die Frau.

„Ich verspreche dir: Wenn wir zusammenhalten und unsere Kinder ins Leben schicken, dann werden wir auch die anderen kleinen Befindlichkeitsprobleme beheben können. Eines nach dem anderen.“

„Ok“, sagte die Frau wenig überzeugt. „Was schlägst du vor?“

„Pass auf …“


Die Kinder freuten sich sehr, als die Eltern ihnen Karten für das Open-Air-Festival in Dänemark schenkten. Bislang hatten diese das stets abgelehnt – zu viele Drogen, zu wenige Toiletten, zu schwierig zu erreichen. Doch nun boten die Eltern sogar an, die Kinder mit dem Wagen zum Festival zu fahren. Sie selbst würden die Tage in einem Ferienhaus an der See verbringen, so wäre es für die ganze Familie eine tolle Unternehmung.

Ein paar Wochen später quälte sich das elterliche Auto durch den Stau der anreisenden Festivalteilnehmer. Der Vater half den Kindern beim Ausladen, er hatte sogar ein neues Zelt gekauft und mit Hansel geduldig das Aufstellen geübt. Die Mutter überreichte Gretchen eine große Kühlbox mit Proviant. Die Eltern verabschiedeten sich unter Tränen, was den Kindern peinlich war. Endlich stiegen sie wieder ins Auto. Der Vater wendete umständlich auf dem schlammigen Feldweg und arbeitete sich an der entgegenkommenden Wagenkolonne entlang in die Ferne.

Drei Tage lang feierten die Kinder in Schlamm, Lärm und Müll, dann standen sie erschöpft, aber glücklich wieder am Eingang. Sie hatten schon befürchtet, dass die Eltern auf sie warteten. Wie unangenehm wäre es, die beiden lieben, aber beschränkten und spießigen, unansehnlichen älteren Leute vor den neuen Freunden zu begrüßen. Doch die Sorge war unbegründet. Kein elterliches Auto war in Sicht.

Die anfängliche Erleichterung wich der Panik, als die Hansel und Gretchen inmitten ihres Gepäckhaufens als Letzte zurückblieben. Nur noch die Organisatoren und die Putzkolonne waren vor Ort. Einige Leute hatten angeboten, Hansel und Gretchen mitzunehmen, aber sie warteten auf ihre Eltern. So war es abgemacht. Außerdem waren sie noch nie bei fremden Leuten mitgefahren, immer hatten sie ihre Eltern transportiert. Trampen war ihnen strengstens verboten und sie hatten nie Interesse daran verspürt. Das hatten sie nicht nötig.

Bis jetzt. Sie versuchten wieder und wieder, die Eltern per Handy zu erreichen, aber ihre Akkus pfiffen auf dem letzten Loch und die Eltern waren nicht erreichbar. Dass die nie lernten, mit ihren Handys umzugehen! Es war zum Verzweifeln.


In einen der letzten Wagen, die das Festivalgelände verließen, einen Pickup aus der Umgebung, stiegen Hansel und Gretchen schließlich ein. Der Fahrer hatte einige Bier intus.

„Habt ihr eure Mitfahrgelegenheit verpennt?“, fragte er.

„Es ist offensichtlich etwas schiefgelaufen“, sagte Gretchen.

„So kann man es auch ausdrücken“, sagte der Fahrer und lachte. „Zu viel gekifft?“

„Wir waren rechtzeitig zur Stelle“, sagte Hansel eisig.

„Tja, dann habt ihr wohl die falschen Freunde.“

„Hmm“, sagte Gretchen. Hansel schaute schweigend aus dem verschmierten Autofenster.

„Ihr seid aber schweigsam. Streit gehabt? Tja, so ein Festival kann für Pärchen eine echte Herausforderung sein. Die freie Liebe, der Alkohol.“

„Wir sind kein Paar“, sagte Gretchen.

„Ach so? Ihr seht aber sehr vertraut aus. Beide so lange Gesichter.“

Der Wagen schlingerte durch die Pfützen. Hinten auf der Ladefläche klirrte es, als ob sich dort lauter leere Flaschen befänden. Gretchen hoffte, dass sie nicht alle vom Fahrer geleert worden waren.

„Wir sind Geschwister“, sagte Hansel.

„Das ist ja süß: Brüderchen und Schwesterchen. Andererseits, wenn das nicht deine Freundin ist, dann könnte ich bei ihr ja vielleicht landen. Sie ist nicht die Schlechteste. Auf der Skala von eins bis zehn ist sie eine glatte …“

„Könnten Sie uns bitte rauslassen?“, fragte Gretchen.

„Da ist aber jemand empfindlich.“

„Lassen Sie uns bitte aus dem Wagen?“, wiederholte Gretchen.

„Ok“, sagte der Fahrer, bremste, beugte sich über Gretchens Schoß zur Beifahrertür und ließ sie aufschnappen. „Bitte sehr, Fräulein Mimose“, sagte er.

Neben dem Wagen erstreckte sich eine unergründliche Pfütze mit mehreren Metern Durchmesser.

„Ähm“, sagte Gretchen.

„Was jetzt?“, sagte der Fahrer. „Du wolltest raus, jetzt steig aus.“

Gretchen öffnete den Gurt. Hansel, der an der Tür saß, zögerte.

„Du auch, kleines Brüderchen“, sagte der Fahrer.

„Hören Sie“, sagte Hansel.

„Nein, ihr seid mir zu doof“, sagte der Fahrer. „Das tu ich mir nicht an. Wenn ich jemandem einen Gefallen tue, dann will ich, dass der ein bisschen nett zu mir ist. Wozu nehme ich Anhalter mit, wenn die mir dann so verklemmt kommen. Raus jetzt mit euch beiden. Die Pfütze wartet.“


Die Geschichte setzt sich fort am 22. November.

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