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Einkaufender Mann; Grafik: K. PollnerDie Spatzen pfeifen es von den Dächern: Frauen kaufen anders ein als Männer. Es muss an den Genen liegen. So wie Frauen in der Urhorde von einem Liebhaber zum anderen streiften, um sich per Genshopping einen bunten Strauß überlebensfähiger Nachkommen anzuschaffen, schlendern Frauen heute durch die Läden und lassen sich mal von dieser Auslage anlocken, mal von jener. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Frauen auf diesen Irrwegen während eines schlichten Wochenendeinkaufs locker einen Halbmarathon bewältigen und das bei zunehmender Beladung. Eine Leistung, die zu wenig gewürdigt wird.

Männer hingegen verschaffen sich im Eingangsbereich einen Überblick und schießen dann zielstrebig auf die erste Ware zu, die ihren Bedürfnissen entsprechen könnte. Sie zerren die Beute vom Stapel und schleppen sie rasch aus dem Blickwinkel etwaiger Konkurrenten.

Ein Mann, der nicht gleich findet, was er braucht, gerät schnell in Panik. Er stellt dann das bevorzugte Opfer von Verkäuferinnen dar. Sie wissen, dass sie so gut wie jede Ware an den Mann bringen können, wenn sie den verunsicherten Kunden beruhigen und sein Ego aufbauen. Er kauft ihnen zum Dank alles ab.


Doch diese Theorie gilt nicht für Männereinkaufszonen. Dort, in Bau- und Elektromärkten, streifen Männer durch die Regale. Sie betrachten mit wissendem Blick Kästen, Kabel, Kleinteile und Kartons. Sie suchen mit Hingabe nach dem Bohrer, der ihr Herz berührt, und widersprechen bei Beratung.

Als Frau betrete ich solche Herrengeschäfte eher ungern. Schnell rein, schnell raus – zur Not auch ohne Ware – ist meine Devise. Sollte ich in meiner Verzweiflung einen Verkäufer stellen, gibt er kryptische Hinweise oder wedelt mit der Hand in eine diffuse Richtung, während er versucht, den Transit des Orion weit über dem Dach des Ladens nicht aus den Augen zu verlieren.

Baumärkte sind ausgeklügelte Labyrinthe aus meterhohen Regalen. Wegweiser sind in kaum zu entziffernder Schreibschrift unter der Decke angebracht, so dass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um sie zu erkennen. Ohne Brille ist nichts zu machen. Als befände ich mich in einer Welt der Riesen.

Anders die Elektromärkte. Hier reichen Boxen und Regale nur bis in Schulterhöhe. Man kann in die Ferne sehen, wo an einer Wand LED-Lichterketten in allen Farben des Spektrums blinken oder derselbe Fußballexperte auf zahllosen Fernsehbildschirmen schwadroniert. Ich versuche mich tapfer zurechtzufinden, doch lande ich oft genug beschämt am Info-Tresen. Dahinter zumeist ein Mann, davor Frauen und ältere Männer mit Hut. Am Info-Tresen gibt es natürlich keine Informationen. Man wird weiterverwiesen in die Abteilungen des Elektromarktes, wo man wieder verloren herumsteht und den Blick über Geräte unbekannter Zweckbestimmung schweifen lässt, bis man die Selbstachtung überwindet und um Hilfe bittet. Der Mitarbeiter reagiert entweder gar nicht oder eilt grußlos vor einem her zu einem Regal, deutet auf eine Schachtel und rennt weiter zu einer anderen Frau, einem Mann mit Hut oder einer Tür, auf der Personal steht und hinter der er sich verstecken kann.

Der Einkauf im Elektromarkt verläuft nonverbal oder einsilbig. Es wird gezeigt, überreicht, mit dem Kopf geschüttelt. So sind Männer eben, dachte ich immer. Sie schleichen sich an, damit die Computerplatine nicht im letzten Moment Lunte riecht und hinter das Regal flüchtet.


Bis ich einen speziellen Adapter brauchte. Ich wollte nicht in den Elektromarkt. Niemals würde ich dieses Teil, dessen Namen ich noch nicht einmal kannte, selbstständig im Dickicht der Kleingeräte finden und fangen können. Doch ich brauchte den Adapter dringend.

Ich ging direkt zum Info-Tresen, ich hatte in dieser Angelegenheit kein Gesicht zu wahren. Wortlos wurde ich in die hinterste Ecke gewiesen. Ich schlich mit gesenktem Kopf dorthin. Und fand eine lange Schlange von Kunden vor. Ja, Kunden, außer mir wartete hier keine Frau. Meine Scham löste sich auf. Hier beraten zu werden, war offensichtlich keine Kapitulation; es zeigte an, dass man zum Kreis der Eingeweihten gehörte. Ich war in das Innere des Elektromarkt-Schreins vorgedrungen. Manche in der Schlange trugen sogar einen Blaumann, niemand einen Hut.

Meine Mitwarter musterten mich interessiert. Was mochte eine Frau hier zu suchen haben? War ich eine dieser weiblichen Nerds, von denen man in den Internetforen ab und an las? Ich wich den Blicken aus. Viel gab es hier jedoch nicht zu sehen. In den Regalfächern lagen neutrale Schächtelchen und Kabel, die kaum zu unterscheiden waren. Keiner versuchte, sich selbst zu bedienen. Das hier war kein Supermarkt, es war eine Apotheke der Elektronik.

Am vorderen Ende der Schlange erkannte ich mit zusammengekniffenen Augen einen Mann im grauen Kittel. Er schien etwas Winziges zwischen Daumen und Zeigefinger zu halten, auf das er und ein junger Mann mit Bart und Dutt gebannt starrten, während sie sich angeregt unterhielten. Ja, es war kein Irrtum: Es fand ein reger Meinungsaustausch statt. Die Männer auf den vorderen Schlangenplätzen beteiligten sich. Man hätte fast sagen können: Es wurde kommuniziert.


„Ob man damit auch eine Herzklappe ausdrucken könnte?“, sagte eine Stimme direkt neben meinem Ohr.

„Bitte?“

„Ob man damit auch eine Herzklappe ausdrucken könnte?“, wiederholte die Stimme. Ein schmächtiger Mann mit Zottelhaar und ausgebeulter Jeans stand vor mir in der Schlange. Er schaute mich erwartungsvoll an. Ich wollte mir keine Blöße geben. Andere Männer beobachteten unseren Austausch verstohlen, während sie an Kleinteilen fitzelten, die sie offenbar zum Austausch oder zur Reparatur mitgebracht hatten und bereit hielten, obwohl der Aufenthalt in unserer Schlange noch ein paar Stunden dauern konnte.

Ich entdeckte neben meinem Ellenbogen einen Glaskasten, darin ein technisches Gerät, das mein Vordermann nun betrachtete. Ausdrucken – Herzklappe – mit übermenschlicher Kombinationsgabe fand ich die richtige Antwort: „Ich bin mir nicht sicher, ob der Drei-D-Drucker mit dem geeigneten Material dafür arbeitet.“

Mein Vordermann zog anerkennend die Augenbraue hoch.

„Aber möglich wäre es wohl“, sagte er. Dann rückte er näher. „Ich kenne mich da aus, ich bin nämlich Betroffener.“ Vom Drei-D-Drucken?, dachte ich.

„Ich habe seit vier Jahren eine Herzklappe“, sagte er. „Hintere Klappe, ein schwerer Eingriff.“

„Oh“, sagte ich. „Das tut mir leid.“ Ich wollte über die inneren Organe dieses Mannes nichts erfahren.

Er schilderte mir dennoch in der nächsten Dreiviertelstunde alle Details des operativen Eingriffs. Die an Kleinteilen fitzelnden Männer hörten gerne zu und ergänzten mit eigenen Erlebnisberichten aus der Welt der Inneren Chirurgie. Ich wäre gerne geflohen, aber ich brauchte den speziellen Adapter wirklich dringend.

Am Tresen ließ sich mein Vordermann vom Experten im grauen Kittel ausführlich über das Für-und-Wider diverser Leuchtdioden im Wert von jeweils ca. 75 Cent beraten und verließ dann den Laden ohne Ware, um über Nacht noch einmal in Ruhe über den Kauf nachzudenken.

Ich erhielt meinen Adapter binnen zehn Sekunden und floh, so schnell ich konnte.


Die Ecke mit den speziellen Angeboten habe ich seitdem nie wieder betreten. Ich halte mich im Frauen- und Hutträgerbereich zwischen Info-Tresen und Banalitätenabteilungen. Dort, wo Männer schweigend kaufen und Verkäufer verächtlich auf Dinge zeigen, für die jedes Wort zu schade ist.

Es gibt sie, die Orte, an denen einkaufende Männer intensiv und intim kommunizieren, aber ich habe festgestellt: Einsilbigkeit hat auch ihre Vorteile.

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