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Drachenauge„Wie geht es dir, meine Schöne“, sagte der Prinz. „Mir geht es schlecht,“ fuhr er fort, „sehr schlecht. Ich fühle mich schwach und mein Kopf tut weh.“

Das mochte auch daran liegen, dass der Drache hinter dem Prinzen hockte, seinen Schwanz eng um seinen Brustkorb gewickelt hatte und seinen großen dreieckigen Kopf auf seiner Schulter abstützte. Aus seinen Nüstern strömte grünlicher Rauch, der als Wolke um den Kopf des Prinzen stand. Der Prinz hustete. „Ich bin nicht gut drauf heute. Mit mir ist nichts los,“ sagte er und fasste sich an die Stirn.

Fast hätte die Prinzessin den Drachen erwähnt, aber sie wusste inzwischen, es wäre ein Fehler. Der Drache war allgegenwärtig und wenn er die Schwingen spreizte wie jetzt, schien er den ganzen Raum zu füllen. Sie redete nicht mehr über ihn. Sie versuchte es wenigstens. Es lag ihr auf der Zunge und manchmal stürzten die Worte hinaus, bevor sie ihr Verstand daran hindern konnte. So freundlich der Prinz sonst sein mochte, sobald die Prinzessin den Drachen erwähnte, wendete sich der Prinz gegen sie. Es war außerdem sinnlos, über den Drachen zu reden, denn er war ja nicht zu übersehen.

„Sag mir doch, dass du mich liebst“, sagte der Prinz. „Es würde mir helfen. Ich fühle mich so eingezwängt, so bedrängt. Ich weiß nicht, wie ich mich bewegen soll. Ich würde so gerne meine Haltung ändern, aber es gelingt mir nicht. Ich spüre diese Schwere, die mich zu Boden zieht. Und ich kann kaum atmen.“

„Vielleicht kannst du den Drachen bitten, etwas von dir abzurücken?“, sagte die Prinzessin und biss sich auf die Zunge.

„Immer hackst du auf dem Drachen herum“, fauchte der Prinz. „Mir geht es schlecht und du tust nichts, als mich zu kritisieren. Ich habe einen Drachen, na und, ich habe es dir in unserer ersten Nacht erzählt“, nein, er hatte den Drachen einfach mitgebracht, dachte die Prinzessin, aber sie behielt es für sich, „ich stehe dazu. Er gehört zu mir und außerdem hast du schließlich auch einen liederlichen Begleiter, den ich nicht schätze und über den du dir mal dringend Gedanken machen solltest.“

Das stimmte. Die Prinzessin hatte eine Kröte unter dem Bett. Der Prinz hatte sie darauf aufmerksam gemacht. Er hatte sie sehr ernsthaft darauf angesprochen. Er habe schon einmal eine Prinzessin gekannt, die eine Kröte gehabt habe und diese wäre sehr schlecht für sie gewesen. Der Prinz wolle nur das Beste für die Prinzessin.

Es traf zu, dass die Prinzessin sich jedes weitere Gespräch über die Kröte verbeten hatte. Natürlich wusste sie längst, dass da etwas unter ihrem Bett saß. Die Prinzessin fand jedoch, dass die Kröte ihr privates Problem sei. Sie schränkte das Leben der Prinzessin nicht ein, sie hatte nicht die Dimension eines Drachens und sie stellte keine Gefahr für den Prinzen dar.

Natürlich wusste man nie, ob eine Kröte unter dem Bett nicht doch schaden mochte. Der Prinz wollte ihr vielleicht tatsächlich helfen, für sie sorgen, sie darauf hinweisen, was mit ihr nicht stimmte. Als würde er vermuten, dass ihr die Kröte noch nicht aufgefallen war. Was natürlich der Fall sein mochte. Alles war möglich, manche Menschen übersahen ja gelegentlich sogar einen großen Drachen, der ihnen die Luft abdrückte.

Die Kröte jedenfalls war ein Thema gewesen. Und wurde es jedes Mal erneut, wenn der Drache Erwähnung fand. In den Augen des Prinzen waren sie quitt. Und solange sie nichts gegen die Kröte unternahm, gab es keinen Grund, etwas gegen den Drachen zu tun.

Mitunter schien der Prinzessin diese Logik überzeugend, während der Prinz sprach. Sie schämte sich, weil sie ihm vorschlug, etwas zu ändern, während sie selbst ein Problem hatte, das er diagnostiziert und sie daraufhin nicht behoben hatte. Sie standen auf einer Ebene.

Sie sollte also über den Drachen hinwegsehen. Doch sie roch ihn, sie fühlte sich von ihm bedrückt, sie fürchtete sich vor seinen Krallen und von dem zynischen Blick in seinen Augen. Sie konnte seine Nähe nicht ertragen. Und seine Nähe war die Bedingung, um mit dem Prinzen zusammen zu sein. Selbst wenn der Drache sie beide  alleine ließ, er würde bald wiederkommen.

Wenn der Prinz und sein Drache nicht da waren, spürte sie zunehmend Erleichterung. Sie wollte das nicht. Sie rief sich den Prinzen in Erinnerung, seine Sanftheit, seine weiche Haut. Aber sie sah immer öfter die Schwingen des Drachen an der Decke, den grünen Rauch, der in Schwaden durchs Zimmer zog und den Prinzen umhüllte.

Auch der Prinz wurde müder. Hatte er zu Beginn ihrer Begegnung oft Abstand zum Drachen gehalten, rückte er nun immer näher an den Drachen heran. Oder vielleicht war es umgekehrt. Sie konnte nicht unterscheiden, was vom Drachen ausging und was vom Prinzen. Die beiden schienen ihr ein symbiotisches Lebewesen zu sein. Sie spürte die Hand des Prinzen und glaubte die Klaue des Drachen zu fühlen. Es war ein Trick in ihrem Kopf. Sie übertrieb.

Sie war nicht in Gefahr, es geschah ihr selbst doch nichts. Der, der den Drachen trug und nährte, war der Prinz, nicht sie. Er war es, der sich krank fühlte, ausgelaugt und beschwert. Sie spiegelte das allenfalls. Und war das nicht tatsächlich eine Beleidigung? Eine Anmaßung? Sie hatte keinen Drachen auf dem Buckel sitzen und klagte über Befindlichkeiten. Der Prinz hatte recht, empört zu sein. Statt ihn zu bedauern und zu stützen, klagte die Prinzessin oder zog sich zurück.

Sie schämte sich. Sie hatte es so leicht ohne Drachen. Zumindest ohne eigenen Drachen. Der Prinz musste sich unentwegt mit dieser Kreatur arrangieren, sie tragen, ihre Launen dulden, die Wunden heilen, die ihre Krallen schlugen.

Manchmal war der Prinz so erschöpft, dass er in einer fremden Umgebung einschlief und morgens mit Kopfschmerzen erwachte, ohne zu wissen, wo er war.

Im Vergleich dazu hatte die Prinzessin ein unbeschwertes Leben. Sie sollte dem Prinzen helfen, seine Bürde zu tragen. War das nicht das, was man Liebe nannte? Den anderen so akzeptieren, wie er war, und in seinen Schwächen stützen? Wer war sie, den Prinzen ändern zu wollen? Nur er selbst konnte wissen, ob das Leben ohne Drachen für ihn zu ertragen wäre. Das war alleine seine Sache.

Wenn sie das nicht hinnehmen konnte, dann war sie zu schwach. Für den Prinzen. Für die Liebe. Oder ihre Liebe war zu schwach.

Sie wäre gerne stärker gewesen. Sie war auch einmal stärker gewesen, glaubte sie zu wissen. Es war gewesen, bevor ihr der Drache begegnet war. Oder war es gewesen, bevor ihr der Prinz begegnet war? Sie konnte die beiden immer schlechter unterscheiden.

Sie sollte sich am Riemen reißen und den Prinzen mitsamt seinem Drachen lieben. Sie gab sich Mühe.

Doch wurde ihre Liebe nicht größer. Sobald die Prinzessin dem Drachen begegnete, sickerte ein Teil ihrer Liebe aus ihrem Herzen hinaus. Bis die Liebe nur noch in einigen Windungen hing, Pfützen, die von Tag zu Tag kleiner wurden. Sie versuchte, die Liebe mit Tränen aufzufüllen, aber es gelang ihr nicht. Die Tränen verdunsteten schneller, als sie weinen konnte.


Der Prinz sah mit Missfallen, dass die Prinzessin sich von ihm zurückzog. Er wurde kränker und müder. Er fühlte sich im Stich gelassen. Er wurde es ja auch.

Das Herz der Prinzessin war trocken und wund, obwohl unentwegt Tränen hindurchflossen. Sie fühlte sich kraftlos und konnte kaum den Kopf heben. Sie schaute sich um, aber auf ihrem Rücken hockte kein Drache. Keiner, der in ihrer Nähe war, wenigstens. Schließlich schrieb sie dem Prinzen einen Abschiedsbrief.

„Du wirst deine Gründe haben“, antwortete der Prinz, „auch wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. Ich werde deine Entscheidung nicht bekämpfen. Nur eines kann ich nicht verwinden, dir zu entgegnen: Du hast eine Kröte unter dem Bett und hältst mir meinen Drachen vor. Ich will dir keinen Vorwurf machen, aber denk drüber nach.“


Einige Nächte später erwachte die Prinzessin alleine auf ihrem Bett. Ihre Tränen waren im Schlaf versiegt. Sie spürte die Leere im Zimmer. Kein Prinz an ihrer Seite, keine Schwingen an der Decke. Sie breitete die Arme aus. Sie nahm sich den Raum. Sie fühlte sich leicht. Unter dem Bett quakte die Kröte. Die Prinzessin erschrak. Sie war doch nicht allein. Sie hatte einen Makel, der sie begleitete. Dann lächelte sie und schloss die Augen. Mit ihrer Kröte konnte sie leben. Ihr Ding unter dem Bett bereitete ihr keine Kopfschmerzen, es erschöpfte sie nicht und ließ sie nicht verzweifeln. Ein Leben mit Kröte konnte durchaus in Ordnung sein. Es war ihre Entscheidung.

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