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Drachenauge„Was ist das“, sagte die Prinzessin. Sie zog die Decke hoch und rutschte an die Wand.

„Was“, sagte der Prinz. Er hatte die Augen noch geschlossen. Selbst seine Augenlider reizten die Prinzessin, sie zu küssen. Doch jetzt hatte sie ein Problem.

„Das“, sagte sie.

Das Ding fing an zu knurren. „Beachte ihn einfach nicht“, sagte der Prinz, immer noch ohne die Augen zu öffnen. „Er gehört zu mir.“

„Was ist das“, sagte die Prinzessin. „Was – ist – das?“

Der Prinz seufzte und öffnete seine leuchtenden, hellgrünen Augen. Er schaute die Prinzessin an und lächelte. „Guten Morgen, meine Schöne“, sagte er.

„Was ist das?“

„Gut, gut, ich verstehe, dass du etwas überrascht bist. Ich hätte es vorher erwähnen sollen.“

„Was?“

„Das ist mein brauner Drache.“

„Was tut er in meinem Schlafzimmer?“

„Er gehört zu mir. Er folgt mir. Willst du mit mir sein, so wirst du dich mit ihm anfreunden müssen.“

„Aha.“

„Ich hätte es gestern sagen sollen, aber ich dachte, es reicht, wenn wir heute darüber reden.“

„Und der Drache schläft im gleichen Zimmer wie du?“

„Nicht immer, manchmal geht er nachts auf die Jagd.“

„Aber sonst ist er immer bei dir?“

„Ja. Macht es dir etwas aus?“

Der Drache starrte die Prinzessin aus dunkelrot geränderten Augen an, seine Mundwinkel sabberten und er stank.

„Ich bin keine Drachenfreundin“, sagte sie vorsichtig.

„Schade“, sagte der Prinz. „Ich dachte, wir könnten beide mit dem Drachen spielen. Andere Frauen haben das getan.“

Der Drache sah nicht aus, als ob er mit der Prinzessin spielen wollte. Allenfalls wie eine Katze mit der Maus.

„Der Drache gehört nun mal zu mir“, sagte der Prinz.

„Aha“, sagte die Prinzessin, mehr fiel ihr nicht ein. In ihrem Körper fielen die Seifenblasen in sich zusammen. Leere breitete sich aus. Sie wollte das nicht.

„Prinzessin, meine Schöne“, sagte der Prinz. „Was ist? Ich will dich. Sag mir nicht, dass ich dich verliere, nur wegen eines Drachens. Gibt es nicht Wichtigeres? Er wird dich nicht fressen, darauf werde ich achten. Vielleicht könnt ihr Freunde werden. Oder du legst dir selbst einen Drachen zu?“

Der braune Drache zischte und ließ die Prinzessin nicht aus den Augen. Eine seiner krallenbewehrten Pfoten ruhte auf dem linken Fuß des Prinzen. Besitzergreifend. Der Drache stellte klar, wie die Verhältnisse aussahen. Er würde darauf achten, dass sie sich nicht änderten.

Ihr Herz zog sich zu einem kleinen, grauen Kieselstein zusammen. „Ich kann das nicht“, sagte sie.

„Du kannst bestimmt“, sagte der Prinz. „Wenn du willst.“

„Ich will das …“ Sie schaute den Prinzen an. Seine Augen waren weich und sanft, sie schienen zu wirbeln, grüne Strudel, wie Wasserpflanzen in einem klaren Gebirgsfluss. Sie spürte die köstliche Kühle, sie tauchte hinein.

„Du willst es?“, sagte der Prinz. Seine Augen lockten sie tiefer. Die Leere in ihrem Inneren füllte sich mit Wogen und Wirbeln. Sie seufzte. „Ich will es versuchen“, sagte sie.

Der Drache entblößte die Zähne, lange spitze Dolche aus vergilbtem Elfenbein. Er senkte die Krallen in den Fuß des Prinzen, doch der spürte es nicht. Der Drache blies Rauchwölkchen durch die Nasenlöcher. Selbst der Schwefelgeruch störte die Liebenden nicht.

Sollten sie sich nur vergnügen. Der Drache hatte den Prinzen sicher. Er ließ ihn manchmal an der langen Leine laufen, bevor er mit einem Schlag zerstörte, was der Prinz sich aufgebaut hatte. Der Drache lebte von Angst, Schuld und Verzweiflung und wusste, wie er sie kriegen konnte. Er würde gern auch mit der Prinzessin sein Spiel treiben. Sie sah aus wie eine, die sich wehren würde. Umso befriedigender. Er hatte Zeit und Erfahrung. Sie war nicht die Erste und am Ende war er immer der Stärkere gewesen.

 

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