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Riss-klIch dachte, es wäre der Feueralarm. Wieder hatte jemand eine brennende Zigarette aus dem Autofenster geworfen und wieder einmal brannte der Wald. Der Ton schwoll an, brach ab und setzte auf einer anderen Höhe erneut ein. Das war keine Feuersirene, deren Tonlage kannten wir hier nur zu gut.

Ich stieß John an. Er drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Ich lag stocksteif auf dem Rücken. Ich horchte. Der Ton stieg und sank, er schnitt in meine Ohren. Ich hatte so etwas noch nie gehört. Ein technisches Versagen? Ein neues Spielzeug, das sich einer unserer Nachbarn zugelegt hatte? Waren die Leute taub? Warum stellten sie den Lärm nicht endlich ab?

Die Leute hier unten am Fluss liebten Krach, aber nachts sollten auch sie bei diesem schrillen Ton nicht schlafen können. John schnarchte genüsslich.

Ich stand auf und öffnete das Fenster. Der Ton schrillte durch das Flusstal, brach sich an den steilen Felsen gegenüber. Außer mir schienen alle zu schlafen. Mein Blick stieß an die Wände, die unsere Welt begrenzten. Der Fluss hatte sich über tausende Jahre tief eingegraben. Ich schaute senkrecht nach oben und hoffte auf Sterne. Wenigstens der Himmel versprach Freiheit und Distanz. Aber heute versperrten graue Wolken die Sicht. Wir waren eingeschlossen. Ich drehte den Kopf in die Richtung, in die ich selten blickte. Das hatte ich mit den anderen am Fluss gemein: Wir schauten die Wand nicht an. Als würde sie nicht existieren, wenn wir ihr keine Beachtung schenkten.

In der Dunkelheit konnte ich nicht viel mehr erkennen als eine Schwärze, die tiefer war als die der Felswände. Quer zum Tal lag die Mauer und schnitt den Fluss ab. Nur kleine Rinnsale ließ sie durch Öffnungen auf halber Höhe hindurch. Der Fluss kümmerte dahin, doch hinter der Mauer stand das Wasser. Hoch über unseren Häusern stemmte sich der Stausee gegen den Riegel aus Beton. Nur die Mauer hielt uns am Leben. Ich legte den Kopf in den Nacken. Oben auf der Mauer vibrierten Lichter. Ein Takt flackerte durch die Nacht. Der heulende Ton nahm den Takt auf. Lärm und Licht flimmerten in meinem Kopf. John schlief ungerührt, aber ich konnte sein Schnarchen nicht mehr hören.

Ein grelles Licht kippte über den Rand der Mauer und zeichnete eine weiße Bahn auf die Fläche aus Beton. Ein schwarzer Blitz zog sich durch das Band aus Licht. Er bahnte sich seinen Weg nach unten. Er wurde breiter, Nebenarme schossen aus ihm hervor. Krümel fielen herab. Ich wusste, die Brocken mussten größer sein als unser Haus, sonst hätte ich sie nicht erkennen können. Ich spürte nicht, wie sie am Grund des Tales landeten. Der Boden unter meinen Füßen vibrierte im Takt des Lichts. Ich legte die Hand an den Fensterrahmen. Das Haus schüttelte sich. Ich schaute wieder hoch. Der schwarze Blitz war wieder breiter geworden. An seinem oberen Ende öffnete sich ein Delta. Wasser schoss heraus und rann schäumend an der gewölbten Mauer nach unten.

John schlief. Meine Nachbarn waren still. Sie würden keinen Lärm mehr machen. Ich war die einzige Zeugin. Ich, die hier die Fremde war, würde das Ende alleine erleben. Der Damm war gebrochen.

 

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