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Dornen„Röschen, Röschen, kommst du? Der Ballettunterricht beginnt.“

Rose, genannt Röschen, stöhnte und hielt sich die Ohren zu. Sie blieb auf dem Bett liegen und las noch einen Absatz. Das Buch war ein Krimi, keine Lektüre, die Roses Mutter befürwortet hätte. Aber Rose liebte es, in ihrem Himmelbett zu liegen, einen Krimi zu lesen und Pralinen zu essen. Sie wäre am liebsten nie wieder aufgestanden. Doch die Mutter rief noch einmal. Rose legte das Buch zur Seite, rollte sich aus dem Bett und lief in den Tanzsaal, wo die Ballettmeisterin schon auf sie wartete.

Roses Schwester, Zinnia, übte fleißig, doch die Ballettmeisterin war wegen Rose da. Sie war einmal eine berühmte Ballerina gewesen und eigens an den Hof geholt worden, um Rose zu fördern. In allen Fächern unterrichteten Rose Meister ihres Fachs. Fechten, Geschichte, Französisch, Chinesisch, Ackerwirtschaft, Geographie, Alchemie, Algebra, Kaligraphie und Astronomie gehörten neben dem Ballett zu ihrem Stundenplan. Ihre Gaben mussten gefördert werden. Sie waren eine Verantwortung.

Rose selbst hatte nicht das Gefühl, besonders begabt zu sein. Sie lernte nicht gern und ihre Lehrer verzweifelten. „Wüsste ich es nicht besser, Prinzessin“, sagte die Algebralehrerin, „dann würde ich glauben, ihr hättet keinen Kopf für Mathematik. Was mache ich falsch?“ Die anderen Lehrer waren nicht zufriedener mit Roses Leistungen. Die Königin tauschte sie aus, sobald sie einen neuen Gelehrten fand, aber es half nichts.

Dabei wusste jedes Kind, dass Rose keine normale Schülerin war.

Lange Jahre hatten ihre Eltern auf ein Kind warten müssen. Nach Roses Geburt waren sie umso glücklicher und gaben ein großes Fest. Alle bekannten und berühmten Leute im Land sollten kommen. Der König bestand darauf, auch die dreizehn Feen einzuladen. Mit denen sollte man es sich nicht verderben, selbst als König nicht, schließlich konnten sie zaubern. Doch die Königin konnte die dreizehnte Fee nicht leiden. Bei der königlichen Hochzeit hatte diese behauptet, der Hochzeitskuchen sei zu trocken. Und diesen Kuchen hatte die Mutter der Königin selbst gebacken.

Die Königin sagte also: „Lieber Gemahl, du hast vollkommen recht, wir müssen die Feen einladen. Aber wir haben schon so viele Einladungen verschickt, dass wir nur noch zwölf Teller übrig haben. Wir können doch niemanden zu Tisch bitten und ihm keinen Teller hinstellen. Die dreizehnte Fee muss daher leider zu Hause bleiben. Ihr hat bei der Hochzeit das Mahl nicht gemundet. Also wird sie es uns nicht übel nehmen.“ Und so geschah es.

Natürlich war die Geschichte mit dem Teller fadenscheinig, denn selbstverständlich gab es im Schloss genügend Teller. Zur Not hätte man rasch einen kaufen können. Aber der König, der sich für Haushaltsdinge nicht interessierte und die dreizehnte Fee selbst nicht besonders schätzte, wollte seiner Frau nicht widersprechen.

Am Tag des Festes brachte jeder Gast dem kleinen Röschen ein Geschenk. Schließlich traten die zwölf Feen an die Wiege. Die erste beugte sich über das Kind, berührte es sachte an der Stirn und versprach, dass es eine herausragende Astronomin werden würde. Die zweite schenkte Röschen eine Begabung für das Ballett, die dritte sagte ihr voraus, dass sie die Geschichtsschreibung revolutionieren würde und so weiter. Als die zwölfte gerade zu reden ansetzte, stürzte die dreizehnte Fee in den Saal. Ein schwarzer Umhang wogte um ihre Gestalt, ihr Haar plusterte sich um ihren Kopf. Sie rauschte auf die Wiege zu und ihr Gesicht verhieß nichts Gutes. Mit zitterndem Zeigefinger deutete sie auf das Kind und verfluchte es. In seinem fünfzehnten Lebensjahr sollte sich das Röschen an einer Spindel stechen und sterben.

Die Wachen versuchten die dreizehnte Fee zu fassen, aber sie verschwand in einer Wolke aus Rauch und Schwefel. Die Königin schrie: „Tut doch etwas!“, der König saß wie vom Donner gerührt, jemand stieß ein Glas vom Tisch. Als sich der Lärm gelegt hatte, räusperte sich die zwölfte Fee, wandte sich zum Kind in der Wiege, legte ihm die Hand auf das Herz und sprach: „Ich kann den Fluch nicht aufheben, aber ihn mildern. Du sollst nicht sterben, sondern in einen hundertjährigen Schlaf fallen.“

„Das ist alles, was du zu bieten hast?“, fragte die Königin.

„Tut mir leid.“

Der König sagte: „Wozu all die großen Talente, wenn sie ihr Leben im Bett verbringen soll?“

Die Königin hatte sich inzwischen gefasst. „Pass auf“, sagte sie zu ihrem Gemahl. „Unser begabtes Röschen hat Besseres zu tun, als zu häkeln, zu stricken oder zu spinnen. Sie wird nie eine Spindel zu Gesicht bekommen und damit ist der Fluch gegenstandslos. Aber bringt zur Sicherheit alle Spindeln fort.“

So geschah es. Spindeln wurden aus dem Schloss verbannt und Rose in allem gefördert außer in Handarbeit. Ihr wurden historische Werke zum Einschlafen vorgelesen, Formeln zierten die Wand ihres Gemachs und vom ersten Schritt an wurde sie von Ballettmeistern unterrichtet.

Als Rose ein Jahr alt war, wurde die Königin erneut schwanger. Eine Schwester, Zinnia, kam auf die Welt. Natürlich gab es auch diesmal ein Fest, aber es wurden nur ein paar Honoratioren aus der Stadt eingeladen. Die Königin war damit ausgelastet, Röschen zu erziehen. Eine zweite Tochter war nicht eingeplant gewesen.

Zinnia jedoch lernte unermüdlich, sobald sie in der Lage war, Roses Unterricht zu folgen. Schloss man sie aus, schlich sie sich ein, so dass die Eltern schließlich resignierten und Zinnia tun ließen, was sie wollte.

Rose konnte nicht verstehen, was mit ihrer Schwester los war. Verrückt musste die sein, freiwillig zu studieren und zu trainieren, wenn sie auch spielen und träumen hätte können. Sie beneidete Zinnia und konnte sie nicht ausstehen.

 

Der Ballettunterricht dehnte sich ins Unendliche. Rose taten die Beine weh, sie vergaß die Schritte und stolperte über ihre Füße. Die Meisterin ließ Rose die Bewegungen wiederholen, bis dieser Tränen über die Wangen liefen vor Schmerz und Langeweile. Endlich wurde der große Gong geschlagen. Es folgte eine kurze Pause bis zum Geschichtsunterricht.

Rose lief in ihr Turmzimmer und ließ sich auf das weiche Bett plumpsen. Schon fielen ihr die Augen zu. „Röschen, Röschen“, hörte sie von ferne, aber sie schlummerte weiter, bis sie die Königin persönlich rüttelte. Sie gähnte und schleppte sich in den Unterricht. Während der Lehrer von großen Schlachten berichtete, schaute Röschen aus dem Fenster. Sie war so müde. Sie wollte nichts mehr lernen. Irgendwann musste das doch ein Ende haben. Fast fünfzehn Jahre hatte sie in diesem Trott gelebt.

„Fast fünfzehn Jahre?“, wiederholte Rose laut.

„Nein, dreißig Jahre dauerte der Krieg, Prinzessin“, sagte der Lehrer und raufte sich die Haare.

 

Am nächsten Tag legte Rose sich in den Pausen nicht ins Bett. Sie streifte durch das Schloss und stöberte in allen Schränken. Zinnia fragte, was sie suchte, aber Rose schlug ihr die Türen vor dem naseweisen Gesicht zu. Weitere drei Tage blickte sie in alle Kästen und Kisten, schaute in alle Zimmer und Kammern und stieg schließlich bis unter das Dach. Dort wurden die goldenen Teller und Kelche für große Empfänge gelagert, aber auch Allerlei, für das sich kein anderer Ort gefunden hatte. Eine Spieldose mit einer Ballerina schob sie mit Verachtung zur Seite, ihren mathematischen Spielklötzchen gönnte sie keinen zweiten Blick. Doch ganz unten in einer abgestoßenen Kiste im hintersten Winkel fand sie endlich einen Gegenstand, den sie nicht kannte. Sie betrachtete ihn neugierig. Konnte das sein, was sie suchte? Sie musste es probieren, es war ihre einzige Chance. Sie nahm das Ding mit in ihr Zimmer und versteckte es unter der Matratze.

Am 13. Juni sangen ihr die Geburtstagsgratulanten um Mitternacht wie jedes Jahr ein Ständchen und stießen auf sie an an. Rose lächelte höflich und gähnte deutlich. Endlich verließen die Gratulanten ihr Zimmer. Rose legte sich auf das Bett und zog den Gegenstand unter der Matratze hervor. Er war auf einer Seite spitz und scharf. Sie zögerte einen Moment, dann stach sie sich beherzt in den Finger. Kurz darauf fiel sie in tiefen Schlaf.

Am Morgen betrat die Zofe das Zimmer, um Rose zu wecken, und fand diese auf ihrem Bett liegen. Ihr Atem ging tief und gleichmäßig und neben ihrer Hand lag eine Spindel. Die Zofe erschrak und versuchte die Prinzessin zu wecken. Es gelang ihr nicht. Die Königin selbst und alle Leibärzte und Quacksalber, die zu finden waren, bemühten sich. Sie zwickten Rose, flößten ihr Tränke ein und legten kalte Wickel an, doch die Prinzessin öffnete die Augen nicht. Schließlich gaben sie auf und verließen bedrückt das Gemach.

Zinnia stand in der Ecke des Zimmers. Sie blieb allein zurück, als die anderen gingen. Mucksmäuschenstill wartete sie ab. Schon blinzelte Rose, dehnte sich genüsslich und setzte sich auf. Sie sah ihre Schwester und erschrak.

„Keine Angst“, sagte Zinnia, „ich verrate dich nicht.“

„Ausgerechnet du willst auf meiner Seite sein? Ich habe dich nie gemocht“, sagte Rose.

„Ich habe dich immer bewundert“, sagte Zinnia. „Du hast all das, was ich mir wünsche.“

„Unsinn. Du bist frei und verzichtest darauf. Wie dumm“, sagte Rose.

„Jetzt hast du einen Weg gefunden, selbst frei zu sein“, antwortete Zinnia.

„Aber es gibt da ein paar Probleme.“

„Das dachte ich mir. Was ist mit Essen und Trinken? Was mit dem Gang zur Toilette und dem Waschen?“

„Genau“, sagte Rose. „Daran habe ich nicht gedacht.“

„Und da komme ich ins Spiel“, sagte Zinnia.

Sie wurden sich rasch einig. Zinnia versorgte Rose und schützte sie davor, entdeckt zu werden. Sie tat das gerne, denn jetzt war Zinnia die Thronfolgerin. Sie durfte alles lernen, was sie lernen wollte. Die Lehrer waren begeistert über ihre neue Schülerin. Sie hatte keine Talente in die Wiege gelegt bekommen und konnte trotzdem so vieles.

 

Allerdings verbreitete sich die Nachricht, dass Rose von einem Fluch getroffen worden wäre, und immer mehr Prinzen strömten herbei, um die Prinzessin zu erlösen. Woher auch immer das Gerücht kam, sie glaubten, ein Kuss von ihnen würde Rose wecken. „Männliche Hybris“, nannte es Zinnia, obwohl Rose keine Ahnung hatte, was das bedeutete.

Die Sache mit den Prinzen war äußerst unangenehm. Manchmal kamen drei an einem Tag und Rose musste sich küssen lassen.

Zinnia fand aber auch dafür eine Lösung. Sie beriet sich mit dem Gärtner und pflanzte eine dichte Dornenhecke um den Turm, in dem Roses Zimmer lag. Die Hecke wurde gut gedüngt und gepflegt und so wuchs sie rasch empor. König und Königin wunderten sich, aber sie glaubten, dass die Dornenhecke ein Teil des Fluches sei und dazu diente, den richtigen Prinzen herauszufinden.

Natürlich konnte man den Turm vom Schloss aus durch einen Geheimgang bequem betreten, aber die Prinzen standen nun hilflos davor. Die Hecke war dicht und störrisch, die Dornen lang und scharf wie Dolche. Mancher Prinz verletzte sich schwer, wenn er die Hecke überwinden wollte. Viele Prinzen versuchten ihr Glück, aber keiner hatte Erfolg.

 

Und so waren alle glücklich. Rose durfte schlafen und nachts Krimis lesen, Zinnia wurde eine kluge und gebildete Thronfolgerin und die Eltern gewöhnten sich langsam daran, auf ihre zweite Tochter zu zählen.

 

Allein der Strom der Prinzen riss nicht ab. Es hatte sich schon ein Quacksalber im Schlosshof eingerichtet, der die Verletzten gegen gutes Geld versorgte.

Nach etlichen Jahren nahte schließlich Theodor der Schneidige auf einem schnaubenden grauen Streitross. Er war der stärkste und gefährlichste Prinz weit und breit. Sein Schwert tanzte so schnell, dass man ihm mit den Augen nicht folgen konnte. Sein Ross galoppierte mit donnernden Hufen in den Schlosshof und kam in einer Staubwolke zum Stehen. Hinterdrein schlurfte ein struppiges Pony, auf dem saß Prinz Otto, Theodors Cousin. Er hatte nicht mitkommen wollen, aber Theodor brauchte eine Begleitung, neben der er noch heldenhafter aussah. Dafür war Otto bestens geeignet. Otto hatte große Augen, die immer erstaunt blickten, sein Haar war lang und gelockt. Er ließ die Zügel locker hängen, sang ein Lied und las in einem Buch, während das Pony einherschlenderte und ab und zu nach einem saftigen Ast schnappte. Manchmal sank Otto im Halbschlaf vom Sattel, aber er machte sich nichts draus, lachte, stieg wieder auf und sang weiter. Theodor hatte inzwischen bereut, dass er seinen Cousin mitgenommen hatte. Er war ihm peinlich.

Im Schlosshof stieg Theodor ab und überreichte Otto die Zügel. Er zückte sein Schwert und begann es zu schwingen. Doch kaum hatte er einen Dornenzweig von der Hecke abgehackt, wuchsen zwei neue nach. Theodor hackte schneller und schneller und die Hecke wuchs mehr und mehr. Schließlich musste er innehalten. Schweiß lief ihm über das Gesicht und er schnaufte.

„Gib mir dein Schwert“, keuchte er.

Otto schreckte hoch, er war eingeschlafen. „Was?“

„Gib mir dein Schwert!“

Otto zog sein Schwert aus der Scheide. Es war rostig und verbogen. Theodor ekelte sich, aber war blieb ihm übrig, er griff nach dem zweiten Schwert. Er bemerkte wohl, dass der Hofstaat in den Fenstern des Schlosses stand und ihn beobachtete. Zwischen dem Königspaar stand eine kecke junge Frau mit einer Krone auf dem Kopf. Die hätte ihm gefallen. Schade, dass das nicht das Dornröschen war, das er ohne Zweifel bald retten würde. Und dann musste er sie heiraten. Prinzsein war kein Honigschlecken.

Er holte tief Luft, dann hob er beide Schwerter, eines in der rechten und eines in der linken Hand, stieß einen Kampfschrei aus und ging wie ein Berserker auf die Hecke los. Erst glaubte er, wieder nichts auszurichten, doch dann wurden die Ranken dünner. Schließlich erkannte er eine Tür hinter der Hecke, hackte die letzten Äste weg und war am Ziel. Er warf die Schwerter zu Boden, schaute sich noch einmal um und stellte fest, dass die junge Frau mit der Krone jetzt im Schlosshof stand, zwinkerte ihr zu und rannte durch die Tür und die Wendeltreppe nach oben. Eigentlich hatte er Zeit, aber er wollte es dramatisch aussehen lassen. Eine Rettung musste stilvoll erfolgen. Die Wendeltreppe wand sich viele Male. Ihm wurde schwindelig, aber er hastete weiter. Dann erreichte er eine weitere Tür, stürmte hindurch, stand vor einem Himmelbett und fand darin erwartungsgemäß eine junge Frau, nicht unbedingt sein Typ, aber es half ja nichts. Er gab sich einen Ruck und tat seine Pflicht. Er presste den Mund fest auf die Lippen der Schlafenden. Dornröschen fühlte sich warm und weich an, gar nicht verflucht. Aber sie öffnete die Augen nicht. Er küsste sie ein weiteres Mal. Nichts geschah. Was war da los? Er hatte die Hecke überwunden, er war ein Prinz, und was für einer, er küsste die Prinzessin, wo war der Fehler?

„Das funktioniert nicht“, sagte jemand hinter ihm. Er schoss herum. Die kecke junge Frau natürlich. Stand in der Tür und blitzte ihn an.

„Unmöglich“, sagte er und schickte sich an, Dornröschen ein weiteres Mal zu küssen.

„Hör auf. Wenn du jemanden küssen willst, warum nicht mich?“

„Du bist nicht Dornröschen.“

„Aber eine Prinzessin bin ich auch. Zudem eine äußerst wache.“

„Nicht dass ich dein freundliches Angebot nicht zu schätzen wüsste, doch ich bin hier, um den Fluch aufzuheben.“

„Du musst nicht alles glauben, was die Leute erzählen.“

„Hä?“

„Woher weißt du, dass es einen Fluch gibt? Und dass du ihn aufheben kannst? Ich verrate dir ein Geheimnis: Diese Feen, die können gar nicht zaubern. Machen ein riesen Brimborium, aber das ist alles nur Show. Glaub mir, Dornröschen ist nicht besonders begabt, eigentlich sogar ein bisschen doof.“

Rose auf dem Bett warf Zinnia einen bösen Blick zu. Dann schloss sie die Augen schnell wieder, damit der Prinz nichts bemerkte.

„Aber sie ist doch in Schlaf gefallen.“

„Warum auch immer. Ein Zufall. Sicherlich lässt sich das wissenschaftlich erklären. Auf jeden Fall wacht sie ja offensichtlich durch deinen Kuss nicht auf. Obwohl du alles richtig machst: Du bist ein Prinz, du bist ein Held, du siehst gut aus und vermutlich küsst du auch ganz ausgezeichnet.“

„Meinst du?“

„Ich gehe davon aus, aber ich weiß es natürlich nicht.“

„Ich kann es dir gerne beweisen.“ Der Prinz ging auf Zinnia zu und küsste sie auf den Mund.

„Wenn Dornröschen davon nicht aufgewacht ist, dann ist mit ihr etwas nicht in Ordnung“, sagte Zinnia. „Ich hingegen würde mich gerne noch ein bisschen mehr aufwecken lassen.“

Eine gute Weile später sagte Theodor: „Und jetzt?“

„Jetzt könntest du, wo du schon hier bist, einfach mich heiraten und Dornröschen in Ruhe lassen.“

„Ach ja?“

„Definitiv.“

 

Als die beiden gegangen waren, blinzelte Rose. Sie gähnte, stand auf, wusch sich die Lippen, ging auf die Toilette, nahm sich ein Nusshörnchen vom Tablett auf dem Tisch und legte sich wieder ins Bett. Sie schlug ihren Krimi auf und begann zu lesen. Nach ein paar Seiten fiel ihr das Buch aus der Hand und sie schlummerte wieder ein.

 

Otto hatte im Schlosshof auf seinem Pony gesessen und gedöst. Jetzt wachte er auf, weil sein Magen knurrte. Die Zügel des Schlachtrosses hatte er fallen lassen und so hatte sich das große Pferd davongemacht. Theodor würde ganz schön sauer sein. Wo war der eigentlich geblieben? Aus dem Schloss waren Bravorufe und Applaus zu hören. Wahrscheinlich feierte Theodor schon seine Verlobung mit Dornröschen.

Otto hatte furchtbaren Hunger. Rücksichtslos von Theodor, dass er ihn nicht geweckt hatte, bevor das Fest losging. Zweifellos gab es Wein und erlesene Speisen. Vor der Tür zum Schloss standen zwei Wachen, die Otto von Kopf bis Fuß musterten und ihn nicht passieren ließen. Er beteuerte, ein Prinz zu sein, aber die Wachen lachten nur.

Otto zuckte mit den Schultern und schaute sich um. Die Tür zum Turm stand offen. Die Hecke war in einem schrecklichen Zustand. Hoffentlich stand die Art nicht unter Naturschutz, denn Theodor hatte wild gewütet. Otto ging zum Turm und stieg die Stufen hinauf. Vielleicht gab es in Dornröschens Zimmer etwas zu essen. Für Retter bereitgestellt sozusagen. Es schien ihm unwahrscheinlich, aber eine bessere Idee, wo Proviant aufzutreiben wäre, hatte er nicht. Er fand Dornröschens Zimmer und die Nusshörnchen auf dem Tisch. Er nahm sich eines und biss hinein. Dann erst sah er, dass eine Frau im Bett lag. Das verwirrte ihn. Alle Umstände wiesen darauf hin, dass eine ordnungsgemäße Rettung stattgefunden hatte, aber hier lag eine Frau und schlief.

Er konnte sich darüber nicht länger Gedanken machen. Das Bett war breit und weich. Otto fühlte bleierne Müdigkeit. Tagelang hatte er nur auf dem Pony und nachts auf dem Boden geschlafen. Er hatte sich ein gemütliches Bett bitter verdient. Er zog die Stiefel aus und schlüpfte unter die Bettdecke. Ihm wurde warm und es roch angenehm nach Nusshörnchen. Er warf einen vorsichtigen Blick auf die Frau. Sie sah freundlich und harmlos aus. Eine Frau, mit der man gemütliche Tage im Bett verbringen konnte. So hatte er sich seine Zukünftige immer gewünscht. Wenn man schon heiraten musste, dann doch eine, mit der man es ruhig und nett haben konnte. Vielleicht, so dachte er, würde es ja etwas werden mit ihm und dieser Frau. Doch zunächst musste er Schlaf nachholen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schlafen sie noch heute.

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