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lift-klEs war meine eigene Schuld. Symptomatisch. Niemand hat mich gezwungen. Ich hätte die Treppe nehmen können. Das wäre ohnehin viel besser für mich gewesen. Jede Stufe schenkt eine Sekunde Lebenszeit, hat mir mal jemand weisgemacht.

Doch dieser Fahrstuhl schaute mir entgegen. Er hatte die Tür offenstehen. Warmes Licht drang in das kahle Treppenhaus. Ich wurde eingeladen, angelächelt. Tu dir was Gutes, sagte der Fahrstuhl, du musst doch nicht immer so hart zu dir sein. Ich fahr dich gerne. Vertraue mir! Und ich vertraute.

Ich drückte auf die Taste zum dritten Stock und sank in den Keller hinab. Dort blieb der Aufzug stehen. Sein Licht war kalt geworden. Ich glaubte, ein leises Lachen zu hören. Ich presste immer schneller hintereinander alle Knöpfe. Der Aufzug amüsierte sich. Durch die Fenster in der Tür sah ich in einen weit verzweigten Keller. Das Licht war an. Man hatte auf mich gewartet. Endlich war jemand in die Falle getappt.

Mein Handy zeigte mir höhnisch an, dass es kein Netz habe. Ich drückte den Notrufknopf wieder und wieder, bis schließlich eine schwache Stimme zu mir sprach. Fast unhörbar sagte sie mir zu, ein Techniker werde zu mir stoßen, davor müsse er allerdings die ganze Stadt durchqueren. Ich verstand, ich hatte mich schuldig gemacht. Mein CO2-Fußabdruck war gewachsen.

Und das geschah am Silvesterabend.

Silvester ist ein ganz besonderer Tag. Obwohl im Prinzip das Jahr an jedem beliebigen Tag enden könnte, je nachdem, wie man den Kalender legt. Ich muss mir nicht von Julius Caesar vorschreiben lassen, wann mein Jahr beginnt. „De Bello Gallico“ hat mir nicht besonders gefallen. Ich würde keine positive Bewertung abgeben und es nicht wieder kaufen. Trotzdem diktiert dieser zweifelhafte Autor meinen Lebensrhythmus. Ich lasse folgsam am Silvestertag das Jahr Revue passieren und manchmal ertappe ich mich sogar dabei, beinahe einen guten Vorsatz zu fassen. Bislang konnte ich das Schlimmste verhindern, aber es erwischt mich immer wieder. Ich habe den falschen Umgang. Sie schicken mir Coaching-Impulse, die mir helfen sollen, im nächsten Jahr dies oder das besser zu machen. Sie bombardieren mich mit Jahresrückblicken und Sinnsprüchen auf Facebook. Sie laden zum Tarotkartenlegen ein, zerbröseln Glückskekse oder gießen Blei. Wie soll ich da bei klarem Verstand bleiben?

So denke ich am 31. Dezember darüber nach, dass ich soeben das letzte Käsebrot in diesem Jahr verzehre. Ich versuche mich zu erinnern, wo ich vor einem Jahr war und was ich getan habe. Ich habe das Bedürfnis, Buße zu tun und am nächsten Morgen unschuldig in ein blütenreines neues Jahr zu starten. Alles kann an einem Silvestertag von Bedeutung sein. Ich finde fünf Euro auf der Straße, ich trete in Hundekacke, ich kann meine Brille nicht finden, unverhofft lächelt mich jemand an. Jede Banalität ist aufgeladen. Und was mache ich an einem solchen Tag? Im Aufzug stecken bleiben.

Der Aufzug beobachtete mich. Ich war ihm ausgeliefert. Ich rüttelte noch einmal an der Kellertür und durfte sie passieren. Der Keller weidete sich an meinem Unglück. Ich folgte dem Labyrinth. Die dicken Metalltüren waren verschlossen. Ein Theater namens Persephone hatte schwere Holzkisten im Gang aufgestapelt. Die Klempnerfirma Styx hatte ihr Lager neben dem des Hundesportvereins Kerberos. Ich vermutete Stachelhalsbänder und ausgestopfte Ex-Mitglieder hinter der Tür. Was die Firma Hades Services trieb, wollte ich lieber nicht wissen und auch der Weinimport Tartaros war mir nicht sympathisch. Ich lief zurück in den Lift. Zu schlimm die Vorstellung, meinen Retter zu verpassen und in diesem Jahr nicht mehr aus diesen Gängen zu entkommen. Herr Charon traf nach fünfundvierzig Minuten ein. Er drückte im Erdgeschoss auf den Knopf und der Fahrstuhl glitt ihm entgegen. Ich taumelte wortlos ins Treppenhaus. Später fragte ich mich, ob ich dem Mann Trinkgeld hätte geben müssen. Er hatte mich unter der dunklen Kapuze heraus angestarrt und etwas von Sold gezischt, das ich nicht verstanden hatte.

Für die richtige Etikette ist es jetzt ohnehin zu spät. Fest steht: Ich habe überlebt. Ich bin aus der Unterwelt aufgestiegen. Aber ich fuhr hinab am Silvesterabend! Ich frage meine tarotkartenlegenden Freundinnen lieber nicht, was das für ein Omen für das nächste Jahr ist. Es war doch nur ein Zufall an einem beliebigen Tag. Wer ist schon Julius Caesar. Der Vorfall war bedeutungslos, aber 2016 nehme ich zur Sicherheit die Treppen.

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