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Butt-klEs war einmal ein Butt, der hatte ein angenehmes Leben. Vielleicht war er eigentlich eine Scholle, aber das war ihm ganz egal. Er schwamm in der Nordsee hin und her, grub sich gerne in den weichen Wattboden und lernte ab und zu eine Buttdame näher kennen. Vielleicht war das dann auch eine Scholle, aber wen kümmert es.

Jedenfalls stromerte der Butt gerne in der Nähe der Küste herum und schnappte neugierig nach allem, was da kroch oder blinkte. Die ollen Flundern hatten ihn davor gewarnt, aber der Butt sagte sich: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.

Und so lag er gemütlich im Schlamm dicht vor der Küste und wartete auf das, was das Leben ihm bringen würde. Schon sah er einen verheißungsvollen Bissen und schnappte zu.

Das Ding war glatt und hart. Er wollte es wieder ausspucken, aber es biss sich in seinem Maul fest und ließ nicht los. Im Gegenteil, es begann zur Wasseroberfläche zu schwimmen und zog ihn mit. Es hatte Bärenkräfte für so ein kleines Ding. Ich hätte mal auf die ollen Flundern hören sollen, schoss dem Butt durch den Kopf, dann hing er über den Wellen und rang nach Atem. Sein Maul brannte. Ein Tier griff mit seinen Klauen nach ihm und er plumpste auf einen eklig trockenen Grund. Er wand sich, aber er konnte nicht fliehen. Die Luft trug ihn nicht.

Das Tier beugte sich über ihn. Es hatte glänzende Schuppen, an der oberen Hälfte ganz gelb. Die Augen waren links und rechts neben der Nase angebracht. Der Butt versuchte, nicht hinzustarren, das arme Tier konnte ja nichts dafür, aber das Gesicht war symmetrisch. Kein schöner Anblick.

„Was für ein Brocken“, sagte das Tier. Da es sprechen konnte, war es vermutlich ein Mensch. Das gab ihm aber nicht das Recht, beleidigend zu werden.

„Ich habe für mein Alter eine ziemlich gute Figur“, gab der Butt zurück, ohne zu grüßen.

Der Mensch stutzte. „Du kannst sprechen.“

„Was hast du denn gedacht?“ Vielleicht sollte er etwas höflicher sein, dachte der Butt. Schließlich hatte ihn der Mensch am Angelhaken. Offensichtlich handelte es sich um einen jener Angler, von denen in Gruselgeschichten für kleine Butte immer die Rede war.

„Oh“, sagte der Mensch. „Das ist mir jetzt unangenehm. Ist es nicht pietätlos, ein sprechendes Tier zum Abendbrot zu verzehren?“

„Allerdings“, sagte der Butt. „Es bringt Unglück!“

„Ich habe aber sonst nichts gefangen und heute Abend kommt Ilsebill zu Besuch. Wenn ich nichts Ordentliches auf den Tisch stelle, bleibt sie nicht über Nacht. Sie rümpft eh die Nase über meine schäbige Hütte und meint, ich solle die schmutzigen Socken aufheben, bevor ich Besuch einlade. Und ich bin nicht zum Aufräumen gekommen, weil nichts angebissen hat. Außer einem sprechenden Fisch.“

„Den du nicht essen solltest!“, sagte der Butt.

„Tut mir leid, guter Freund, aber mir bleibt keine Wahl. Ilsebill oder du. Dich kenne ich erst seit ein paar Minuten und Ilsebill hat die bessere Figur.“

Schon wieder diese diskriminierenden Sprüche. Dieser Mensch ging dem Butt gewaltig auf die Nerven, aber er musste diplomatisch bleiben. Er überlegte blitzschnell, was er tun sollte. Der Mensch holte ein Messer aus seiner Hosentasche. Dem Butt fiel nichts ein. „Halt“, schrie er dennoch.

„Was ist?“

„Ich bin – ein verwunschener Prinz!“

„Das sagst du doch nur, damit ich dich nicht zum Abendessen serviere.“

„Nein, ehrlich“, die Gedanken des Butts rasten, „ich bin von einer Wasserfrau verzaubert worden. Deswegen kann ich auch sprechen.“

„Ach echt?“ Der Mensch wischte die Klinge des Messers an seinem Hosenbein sauber und bückte sich, um nach dem Butt zu greifen.

„Ich mach dir ein Angebot!“, quiekte der Butt verzweifelt.

„Ja?“

„Ein Angebot“, quiekte der Butt noch einmal.

„Ja?“, wiederholte der Mensch. „Was schlägst du vor? Sonst sei einfach ruhig und lass es uns würdevoll hinter uns bringen. Ich brate dich auch ganz sanft an und kaufe extra noch Bio-Zitrone.“

Der Butt schluckte. „Ich kann deine Hütte in ein hübsches Häuschen verwandeln.“

„Im Ernst?“ Der Mensch schien ihm nicht zu glauben. Er packte den Haken, dem Butt tat das Maul wieder weh.

„Isch kann dasch wirklisch“, sagte er. „Schon gescheschen. Schau nasch. Du kannsch misch nascher wiescher insch Meer werfen, aber bitte schnell.“

„Was soll‘s“, sagte der Mensch. „Nachschauen kann ich ja mal.“

Er zog den Butt am Maul hoch und warf ihn in einen Eimer mit brackigem Wasser. Wenigstens konnte man darin atmen. Er hörte den Mann weggehen. Nach einer Weile kamen die Schritte zum Glück zurück.

Der Butt wurde aus dem Eimer gehoben.

„Tatsächlich! Ein prima Häuschen und drinnen ist super aufgeräumt. Das wird Ilsebill gefallen. Bloß, was sollen wir essen?“

„Vegetarisch?“, schlug der Butt vorsichtig vor. „Kartoffeln und Quark? Mit Bio-Zitrone?“

„Na gut“, sagte der Angler. „Ilsebill sagt sowieso, ich esse zu viel Fleisch und Fisch. Vielen Dank!“ Er warf den Butt zurück ins Meer.

Der atmete erleichtert tief durch. Wie gut, dass es geklappt hatte mit der Zauberei. Er hatte befürchtet, dass seine Kräfte nur unter Wasser wirksam wären. Die ollen Flundern hatten das behauptet. Gute Idee mit dem Prinzen, lobte er sich selbst. Natürlich war er einfach ein Butt und deshalb konnte er sprechen und zaubern, aber gutes Storytelling war alles, da sah man es wieder. Er schwamm zügig ein paar Meter, um sich zu lockern. Dann buddelte er sich in den Wattboden. Er war sehr müde nach dem Schreck und schlief sofort ein.

*******

Etwas packte ihn und warf ihn in abgestandenes Wasser. Es musste ein Alptraum sein. Der schwarze Anglereimer hatte ihn traumatisiert. Wach auf, befahl er sich. Aber es blieb, wie es war.

Er wurde wieder aus dem Wasser gehoben und sah, dass Ebbe war. Der Mensch war einfach auf seinen großen schwarzen Füßen aufs Watt gewatschelt und hatte den Butt ausgegraben. Die Augen mussten ihn verraten haben. Warum war er nicht weiter hinausgeschwommen. Aber zu spät für Reue.

„Prinz“, sagte der Angler.

„Wie bitte? Ach so, ähm, ja?“, sagte der Butt.

„Es tut mir leid, dass ich dich noch einmal stören muss. Ich finde die Hütte wirklich gut und so, wenn auch ein bisschen klein. Aber weil nachher Ilsebill kommt und inzwischen schon wieder einiges auf dem Boden liegt oder dreckig ist: Könntest du bitte ein richtiges, blitzeblankes Haus herzaubern? Mit einem großen, runden Bett und einem Whirlpool? Da steht Ilsebill bestimmt drauf und dann bleibt sie auch über Nacht!“

„Ok“, sagte der Butt.

„Was heißt das?“

„Dass alles so ist, wie du es dir gewünscht hast. Und jetzt lass mich bitte wieder frei.“

„Erst gucke ich nach“, sagte der Angler mit schlauem Blick. Dabei hatte der Butt doch beim ersten Mal auch nicht gelogen. Menschen waren offensichtlich schwierig.

Der Mensch ließ den Butt zurückplumpsen und ging dann mit dem Eimer zu seinem Haus. Das Wasser schwappte hin und her und der arme Butt mit. Er hatte Angst, dass er kotzen müsste. In das brackige Wasser hinein, in dem er schwamm. Außerdem, wie peinlich, als Butt seekrank zu werden. Was für ein Tag.

Doch sie kamen an. Das Haus gefiel dem Angler. „Schön“, sagte der Butt. „Ich freue mich, wenn meine Kunden zufrieden sind. Kann ich jetzt zurück ins Meer?“ Er würde diesmal schwimmen, soweit ihn seine Flossen trugen, bevor er sich niederließ.

„Tut mir leid, mein Freund“, sagte der Angler. Wer hatte dem eigentlich erlaubt, sich als Freund zu bezeichnen? „Lieber Butt, ich behalte dich bis morgen Früh hier. Man weiß nie, was der Ilsebill so einfällt.“

So war das nicht verabredet, wollte der Butt sagen. Aber er war ein Opfer von Entführung und Erpressung, da konnte er sich jedes weitere Wort sparen. Dieser Amigo würde tun, was er wollte. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben bedauerte der Butt, dass er keinen Schadenszauber verhängen konnte. Er legte sich auf den Grund des schwarzen Eimers und tat sich leid.

Es wurde dunkel. Hoffentlich lief alles glatt mit dieser Ilsebill. Er machte die Augen zu und stellte sich vor, draußen im Ozean zu sein.

Ein grelles Licht drang durch seine Augenlider. Er wurde aus dem Eimer gerissen. War schon Morgen? Nein, der Amigo hielt einen Sonnenstrahl in der Hand, den er auf den Butt richtete.

„Gibt es ein Problem mit Ilsebill?“, fragte der Butt.

„Wir haben uns prächtig unterhalten. In den Whirlpool wollte sie aber nicht und jetzt sieht sie müde aus. Nach all dem Stress will ich nicht, dass sie einfach nach Hause geht. Wozu mache ich das alles? Die nutzt mich aus. Erst will sie gar nicht kommen, dann will sie gleich wieder los. Dabei habe ich ewig geangelt und sogar Kartoffeln gekocht!“

„Bring sie zum Lachen!“, schlug der Butt vor. Bei ihm klappte das immer. Aber der Angler würde das natürlich nicht hinbekommen.

„Ich habe eine bessere Idee. So ein Haus ist ganz schön, aber nur zu Hause sitzen bringt nichts. Ich brauche flexible Mittel, wenn du verstehst. Eine Sofortrente von 6.000 Euro im Monat möchte ich haben. Dann kann ich mit Ilsebill gleich eine schicke Reise aussuchen. Das wird sie umhauen.“

Der Butt hatte seine Zweifel, aber was sollte er tun. „Ok“, sagte er. „Geh nur hin, das Geld ist schon auf deinem Konto. Immer am Dritten trifft es ein. Steuerfrei übrigens, das Finanzamt kann den Betrag nicht sehen. Bist du jetzt zufrieden?“

„Ja, danke“, sagte der Amigo. „Wir sehen uns morgen Früh nach einer langen Nacht.“ Er grinste schmierig, ließ den Butt in den Eimer fallen und ging ins Haus.

Wenn das der Charme des Anglers war, sah der Butt schwarz für seine eigene Zukunft. Welche Ilsebill würde sich für den schon erwärmen. Ewig würde er im Eimer sitzen und Wünsche erfüllen müssen. Hätte er bloß auf die ollen Flundern gehört.

Kurz darauf leuchtete der Sonnenstrahl wieder in den Eimer.

„Wie läuft’s?“, fragte der Butt und hätte sich dafür ohrfeigen können, wenn seine Flossen lang genug gewesen wären.

„Ich hab sie fast soweit. Aber ich muss überzeugender werden.“ Wem sagst du das, dachte der Butt, aber ob meine Zauberkraft dafür reicht?

„Pass auf, Butt“, sagte der Angler.

„Ja?“

„Ich habe mir überlegt, dass ich einfach Gott werden könnte. Dann liegen sie mir alle zu Füßen und ich kann mir aussuchen, welche ich flachlegen will. So Zeus-mäßig, verstehst du. Aber ohne alberne Verkleidungen, das habe ich als Gott nicht nötig.“

„Gott?“, fragte der Butt.

„Ja, Gott! Stell dich jetzt nicht an, von wegen Tabu und so. Ich sage nur Bratpfanne! Mach mich zum Gott und alles ist schön. Du kannst wieder in der blöden Nordsee schwimmen und ich lebe wie Gott in Frankreich, was sage ich, wie Gott auf der ganzen verdammten Welt! Los jetzt!“

„Hm“, sagte der Butt. „Mit Gott ist das ja so eine Sache. Welchen Gott meinst du? Soll er eher monotheistisch sein oder eben so, wie sagtest du, ‚Zeus-mäßig‘? Pantheistisch oder kosmotheistisch?“

„Quassel nicht rum“, sagte der Angler. „Du hast doch wohl eine Vorstellung davon, was ein Gott ist. Mach hinne, Ilsebill wird ungeduldig und das wollen wir beide nicht riskieren. Bratpfanne!“

„Ok“, sagte der Butt. „Du hast es dir gewünscht.“

Der Angler löste sich in Nichts auf. .

„Du hättest vielleicht nachfragen sollen, ob es sich bei mir um einen atheistischen Butt handelt. Wobei ich zum Agnostizismus tendiere. Vielleicht existierst du ja doch noch. Irgendwo, in irgendeiner Form. Ich werde es vermutlich nie herausfinden. Wenn du mich noch hören kannst: Dumm gelaufen!“

Aber auch für mich, dachte er dann. Er saß fest in diesem blöden Eimer vor dem Haus. Er sah gut aus, war intelligent, konnte ordentlich zaubern und jede Buttfrau zum Lachen bringen, doch jetzt würde er einsam in brackigem Wasser verenden. Er heulte ein wenig, wodurch sich das Wasser qualitativ nicht verbesserte. Irgendwann döste er vor Erschöpfung ein.

Als er erwachte, war es hell. Ein Mensch beugte sich über den Eimer. Verdammt, war der Angler doch noch da? Zwei weiße Hände griffen nach dem Butt und hoben ihn aus dem Wasser.

„Wer bist du denn?“, fragte der Mensch. Er hatte lange, helle Haare und ein Teil seiner Schuppen war leuchtend rot.

„Ich bin Klaus, der Butt.“ Der Angler hatte ihn nicht einmal nach dem Namen gefragt.

„Ich heiße Ilsebill. Was machst du hier?“

Frag nicht so blöd, Ilsebill, dachte der Butt, du bist nicht ganz unbeteiligt an der Sache. Laut sagte er: „Bitte wirf mich wieder ins Meer!“

„Na klar. Du armes Fischlein. Der Lars muss dich geangelt haben. So ein brutaler Sport. Ich lehne es strikt ab, Tiere zum Spaß zu töten. Ich bin Vegetarierin und versuche, vegan zu leben. Ich bemühe mich um Konsequenz. Nur die Milchprodukte, auf die kann ich so schlecht verzichten. Und zu viel Soja soll man ja auch nicht …“

Was redete die da?

„Bitte wirf mich doch wieder ins Meer“, unterbrach der Butt den Redestrom.

„Was? Ach so. Du armes Tier. Du solltest vielleicht lieber in eine Auffangstation, damit sie dich langsam wieder an die Wildnis gewöhnen. Ich kann dich doch nicht einfach so zurückwerfen. Das ist so unvermittelt.“

„Keine Sorge, das ist ok für mich.“

„Wirklich? Dann mach ich das. Aber was wird der Lars dazu sagen? Der ist weg, aber er kommt sicher wieder. Gestern Abend saßen wir auf dem Sofa. Er wollte mich abfüllen, ich wollte irgendwann nur noch nach Hause. Dann muss ich eingeschlafen sein. Der Lars gibt sich wirklich Mühe, aber er redet so langweiliges Zeug und findet kein Ende. Politisch hat er überhaupt keine Haltung, nicht zum Umweltschutz, nicht zum Tierschutz, er trennt nicht mal sauber seinen Müll. Und diese Angelei. Kann ich mich mit so jemandem einlassen? Irgendwo muss man doch konsequent sein. Auch wenn es mit der veganen Ernährung noch nicht klappt. Vor einem halben Jahr habe ich sogar eine Bratwurst gegessen. Es kam so über mich. Ekelhaft. Ich schäme mich. Ich will, dass Tiere artgerecht leben …“

„Dann wirf mich doch einfach ins Meer“, regte der Butt vorsichtig an.

„Meinst du?“

„Auf jeden Fall!“

„Aber wenn der Lars wiederkommt und du bist weg? Du gehörst dem doch jetzt quasi.“

„Irgendwo muss man konsequent sein mit dem Tierschutz“, sagte der Butt streng.

Ilsebill hielt kurz den Mund, richtete sich dann auf und schnaufte einmal laut. Was waren das nur für unappetitliche Tiere. Doch dann ließ Ilsebill den Butt wieder ins Wasser plumpsen und lief mit dem Eimer in der Hand Richtung Küste.

„Oh“, sagte sie.

„Was?“ Was war denn jetzt schon wieder.

„Es ist Ebbe!“

„Das macht nichts“, sagte der Butt. „Ich grabe mich gleich ein.“

„Wirklich?“

„Ganz sicher.“

Endlich ließ sie den Butt aus dem Eimer gleiten. Er buddelte sich in den Meeresboden. Was für eine Erleichterung. Er hob noch einmal den Kopf, um sich zu bedanken. Immerhin hatte ihn diese Ilsebill gerettet.

„Gern geschehen“, sagte sie. „Und dir geht es wirklich gut da unten? Soll ich dich nicht im Eimer lassen, bis die Flut kommt?“

„Bloß nicht, ähm, bitte nicht! Herzlichen Dank“, sagte der Butt. Hau endlich ab, dachte er.

„Na dann, auf Wiedersehen!“, sagte Ilsebill und platschte über das Watt zum Land zurück. Wenn man sie nicht hören konnte, war sie eigentlich ein liebes Mädchen. Na gut, dachte der Butt und sagte „Ok!“ Zack stand am Strand ein vegetarischer Imbiss, von einem attraktiven, radikalen Tierschützer betrieben. Das würde sie glücklich machen.

Jeder soll nach seiner Façon selig werden, dachte er und schnappte sich einen vorbeikriechenden Wattwurm. Herrlich, er war völlig ausgehungert. Rückblickend war es ein tolles Abenteuer gewesen. Gut, dass er nicht auf die ollen Flundern gehört hatte.

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