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Kopf von hinten; Grafik: K. PollnerIn letzter Zeit meldet sich in meinem Kopf Sheriff Eberly aus Texas zu Wort. Woher ich ihn kenne? Er ist eine Nebenfigur aus einem Buch, das ich vor vielen Jahren gelesen habe. Fast hatte ich Sheriff Eberly vergessen, aber nun fällt mir seine Diagnose „Head Rot“ immer häufiger ein.

In der Umgebung des Sheriffs läuft eine Menge schief. Menschen verhalten sich merkwürdig, reden wirres Zeug, verwickeln die anderen in sinnfreie Dialoge. Er ist überzeugt: Es handelt sich um eine ansteckende Krankheit, „Head Rot“ eben (ich übersetze Hirnfäule).

Er beobachtet, dass sich die Krankheit im Gespräch überträgt. Die gesunde Person bringt Argumente vor, widerlegt absurde Ansichten, weist auf Fakten hin. Die erkrankte Person ist nicht in der Lage oder willens, sich auf eine vernünftige Ebene zu begeben. Die Hirnfäule lässt sie auf erwiesenen Unwahrheiten beharren. Sie ist überzeugt, dass nicht sie ein Problem hat, sondern dass alle, die ihr widersprechen, lügen oder zu dumm sind, um die Wahrheit zu erkennen.

Was geschieht beim Versuch einer Diskussion mit einer erkrankten Person? Head Rot überwuchert die Gedanken der nichtinfizierten Partei. Sie beschäftigt sich immer mehr mit abstrusen Ideen, liefert sich Spiegelgefechte um Dinge, die schon auf den ersten Blick dummes Zeug sind. Sie muss dieselben Argumente ständig wiederholen und stellt fest, dass Logik wirkungslos bleibt. Sie scheint sich in einer unappetitlichen Version von Alices Wunderland verheddert zu haben.

In Sheriff Eberlys Welt manipulieren Außerirdische die Menschen. Das möchte ich für meine Situation ausschließen. Aber auch ich beobachte, wie in den letzten Wochen immer mehr intellektuelle Kräfte und Zeit darin gebunden werden, gebetsmühlenartig auf absurde Äußerungen zu reagieren. Der Vorteil der „Head-Rot-Fraktion“ ist dabei, dass sie es nicht ermüdend findet, groteske Ideen vorzutragen oder sich über Dinge zu ereifern, die einer näheren Betrachtung nicht standhalten. Es beflügelt sie vielmehr in ihrem Wahn und sie genießt es, Dreck um sich zu schleudern – im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung, den zunehmend Ekel und Erschöpfung ergreift.

Hinter den FreundInnen von Absurdistan stehen natürlich andere, die keineswegs an Hirnfäule leiden, sondern eher an Herzverkümmerung, Brutalismus oder tausendjähriger Egomanie. Diese sind keiner Argumentation zugänglich, denn sie wissen durchaus, was sie tun. Sie haben keinen Redebedarf, Diskussionen sind überflüssig.

Ist es sinnvoll, sich auf Head-Rot-Gespräche einzulassen? Ich weiß es nicht. Natürlich können Falschmeldungen, Gerüchte und bösartige Fantasiegespinste nicht unwidersprochen im Raum stehen bleiben. Zuweilen mag es sogar vorkommen, dass ein Argument durch den Nebel lustvoller Empörung dringt.

Doch spüre ich mit Grausen, wie Head Rot meine Gedanken einwickelt, meine Lebenszeit raubt und den Raum für echte Gespräche und Entwicklung einengt. Zeit ist kostbar und ich will sie dafür nutzen, mich weiterzuentwickeln und zu lernen. Wie viele anregende, berührende und kreative Filme könnten in der Sendezeit ausgestrahlt werden, in der Talkshowgäste immer und immer wieder in derselben Suppe rühren, die dabei ungenießbar bleibt? Wie viele Gespräche könnten in der Zeit geführt werden, die jetzt mit Scheingefechten verplempert wird?

Was aber kann vor Head Rot schützen? Intelligenz, Witz, Kreativität und Reflektion sind die besten Gegenmittel gegen eine Ausbreitung der Krankheit. Sie machen den Kopf frei und sollten gerade in der Head-Rot-Saison regelmäßig genossen werden. Und hier gilt tatsächlich: Viel hilft viel!

  • Ach so, das Buch: Es handelt sich um „The Eleven Million Mile High Dancer“ von Carol Hill (1985), einen witzigen, verrückten und feministischen Roman über Quantenphysik, Schrödingers Katze und eine atemberaubende Astronautin. Lesenswert, aber leider aus meinem Bücherregal verschwunden. So kann ich nur von meiner Erinnerung zehren.
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