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Grablicht; Grafik: K. Pollner„Und sie sind alle weg?“, fragte Hauptkommissar Winkler. Er hatte ein Grablicht hochgehoben und spielte damit. Es brannte noch und lag warm in seiner Hand. Die Kollegin nahm ihm das Grablicht ab, pustete die Flamme aus und steckte es in eine Plastiktüte.

„Das muss untersucht werden“, sagte sie und ging weiter. Sie würde eine Weile damit zu tun haben, die unzähligen Grablichter einzusammeln, die im Findlingsgarten verteilt standen.

Die Findlinge waren unterschiedlich groß. Manche waren einfach nur Steine, Wackersteine, dachte Winkler, wie sie dem Wolf in den Bauch eingenäht worden waren. Andere Findlinge waren richtige Brocken. Der Ort war stolz auf seine Sammlung. Es gab sogar einen Parkplatz für die Touristen.

Heute stand der Parkplatz voll mit Polizeiwagen. Wo waren eigentlich die Autos der Touristen, die gestern beim Lichterfest gewesen waren?

„Nein“, sagte der Mann aus dem Nachbarort hinter der Pferdeweide. „Am Lichterfest nehmen nur die Leute aus dem Ort teil. Da kommen keine Touristen. Vielleicht ein paar Bekannte, aber keine Fremden. Ende Oktober ist hier nicht mehr viel los. Ein paar Wanderer, ein paar Radler, aber die Saison ist zu Ende. Das Lichterfest ist für die, die hier wohnen. Oder hier gewohnt haben. Ich kann es noch gar nicht fassen.“

„Noch wissen wir ja nicht, was geschehen ist.“

„Und wenn es die Flüchtlinge waren?“

„Welche Flüchtlinge? Gibt es hier in der Nähe eine Unterkunft?“

„Nein, zum Glück nicht. Doch wer soll es sonst gewesen sein? Man sieht es doch im Fernsehen. Millionen Fremde strömen ins Land und ziehen uns den Boden unter den Füßen weg. Fassen die Frauen an und stehlen im Supermarkt. Man fühlt sich nicht mehr sicher im eigenen Land. Noch nie ist hier irgendwas geschehen und jetzt sind alle weg. Jetzt, wo die Fremden kommen. Das hängt zusammen.“

Winkler räusperte sich. Es hatte keinen Sinn zu widersprechen. Argumente würden bei seinem Gegenüber auf Leere treffen. „Noch wissen wir nicht, was geschehen ist“, sagte er. „Vielleicht ist die Erklärung ganz harmlos.“

„Was sie nicht sagen. Alles wird vertuscht. Dabei habe ich es selbst gesehen.“

„Was genau haben Sie gesehen?“

„Gestern Abend bin ich hier vorbeigefahren auf dem Weg nach Hause. Ich war doch bei meiner Mutter in Beelitz wie jeden Samstag. Bin wieder nicht losgekommen. Jedes Mal, wenn ich sie im Heim besuche, muss ich zum Abendessen bleiben. Nicht dass ich etwas abbekommen würde, aber das Essen ist ohnehin abscheulich. Es tut mir ja leid, dass die Mutter da leben muss, im Heim, aber bei uns zu Hause, da geht es einfach nicht. Meine Frau muss arbeiten und ich muss mich schonen. Also ist die Mutter jetzt im Heim. Sie ist ja eh schon ganz verwirrt und merkt kaum mehr was. Aber ich besuche sie jede Woche. Immer samstags.“

„Herr Äh, könnten Sie sich zur Sache äußern?“

„Das mach ich doch! Ich war also auf dem Nachhauseweg von meiner Mutter. Ich hatte Abendbrothunger und es wurde langsam dunkel. Ich gab also Gas. Doch ich hatte das Lichterfest vergessen. Sonst wäre ich über die Bundesstraße gefahren. Einer winkte mich an den Straßenrand und ich musste warten, bis der Spielmannszug und die ganzen Leute an mir vorbeigezogen waren. Sah ganz hübsch aus. Die Kinder mit Laternen, die vielen Lichter im Findlingspark verteilt und in der Mitte ein großes Feuer. Auf den Wiesen stieg der Nebel auf. Der lag da wie eine dicke Schicht Zuckerwatte und kroch auf die Lichter zu. Romantisch, dachte ich noch, wie auf einem alten Bild. Da wusste ich ja nicht, dass bald ein grässliches Verbrechen geschehen würde.“

„Das wissen wir jetzt auch noch nicht.“

„Aber sie sind alle verschwunden!“

„Das scheint so.“

„Das ist so. Keine Menschenseele ist mehr im Dorf. Ich bin eben durchgefahren.“

„Wann haben Sie die Leute gestern zum letzten Mal gesehen?“

„Als ich weiterfahren durfte. So gegen halb sieben muss es gewesen sein. Da waren sie alle im Findlingspark und haben gesungen. Volkslieder. Zu sehen war nicht mehr viel. Überall waberte der Nebel, nur die Kerzen und das Feuer flackerten in der Nebelsuppe. Ich hab mich nicht mehr lange umgesehen. Inzwischen hatte ich ordentlich Hunger und bin schnell losgefahren. Es gab Hirschgulasch und meine Frau wartet nicht gerne mit dem Essen.“

Winkler nickte und überließ es seiner Mitarbeiterin, die Aussage weiter aufzunehmen. Inzwischen hatte die Spurensicherung alle Grablichter eingesammelt. Nur noch die Überreste des Feuers waren zu sehen. Es war ein mysteriöser Fall. Die Dorfbevölkerung war wie vom Erdboden verschluckt. Alle waren zum Fest gegangen bis auf eine steinalte Frau, die in ihrem Häuschen am See geschlafen und nichts bemerkt hatte. Sie war jetzt die letzte Dorfbewohnerin. Hätte sie sich wohl auch nicht träumen lassen, dass sie die anderen überleben würde.

Nur mit der Ruhe, sagte sich Winkler. Wer sagte denn, dass die Dorfbewohner nicht mehr am Leben waren. Vielleicht waren sie nur – irgendwohin gegangen. Vielleicht war es – ein Scherz? Alle Erklärungen waren unwahrscheinlich. Was geschehen war, war nicht möglich. Ein Brandenburger Dorf verlor nicht über Nacht seine gesamte Bevölkerung. Die Leute zogen nicht an einem Herbstabend mit der Musik aus dem Dorf und verschwanden im Nebel. Solche Dinge fanden nicht statt. Wir leben doch nicht im Mittelalter. Rattenfänger oder was? Es musste eine einfache Erklärung geben.

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