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Totenkopf; Grafik: K. PollnerWenn dir eine Person auf die Nerven geht, lass sie sterben. Was klingt wie die Lebensweisheit eines Mafioso, ist ein Ratschlag, der schon vielen AutorInnen geholfen hat.

Im Krimi, im Fantasy oder einem anderen actionlastigen Genre scheint der Vorschlag leicht umzusetzen und konsistent. Aber wer wie ich in ganz anderen literarischen Gefilden unterwegs ist, mag den Ratschlag doch lieber als überzogene Denkanregung auffassen denn als konkrete Handlungsanweisung. In meinen Manuskripten sterben (bislang) nicht sehr viele Figuren. Ein Tod ist ein recht drastisches Ereignis in meinen Welten. Da gibt nicht mal eben einer den Löffel ab und ansonsten bleibt alles beim Alten.

Also diskutiere ich mit meinen Figuren, wenn sie schwierig werden und nicht tun wollen, was ich wohl will. „Ich könnte dich auch sterben lassen, Freundchen“, ist eine Drohung, die ich selten ausspreche. Manchmal steht sie im Raum. Aber ich glaube, umgesetzt habe ich sie noch nie.

Vielleicht bin ich zu zimperlich. Ich kämpfe jahrelang um meine Geschichte, ringe widerspenstigen und beratungsresistenten Charakteren winzige Veränderungen ab und komme doch nicht weiter. Gerade wieder. Es ist zum Verzweifeln. Er war von Anfang an sperrig, aber er hat sich zum Bremsklotz entwickelt. Ich habe alles versucht: therapeutische Gespräche, Aufmunterungen, kleinere, warnende Missgeschicke. Ergebnislos. Jetzt habe ich genug. Ich werde ihn über die Klinge springen lassen. Dafür darf eine andere Figur überleben, deren Tod von Anfang an einkalkuliert war. Wahrscheinlich darf sie das. Wenn ich einen guten Tag habe und sie sich gut führt. Harrharr.

„Muten Sie Ihren Figuren etwas zu! Schonen Sie sie nicht!“, lautet ein anderer Rat. Ich glaube nicht, dass es ein Zuckerschlecken ist, in einem meiner Romane eine Rolle zu spielen. Zu viel Schonung ist nicht meine Sache. Doch zum Äußersten kommt es selten. Bislang. Vielleicht bringt mich meine Entscheidung auf den Geschmack und ich ändere meinen Führungsstil. „Kopf ab!“ bei der kleinsten Insubordination meiner Figuren, bis alle kuschen und sich brav an meinen Plot halten.

Das fände ich wohl zu langweilig. Wenn mir Figuren Widerstand entgegensetzen, ist das Schreiben unterhaltsamer. Außerdem habe ich einen Demokratiefimmel und mag es, wenn alle ihre Meinung äußern dürfen. Diktatorin zu sein im Reich meiner Manuskripte wäre mir viel zu trist.

Doch was genug ist, ist genug. Es kamen keine konstruktiven Vorschläge von seiner Seite. Nichts. Er bietet nichts an, bleibt stur hocken und schmollt. Diese Figur ist am Ende. Ein bisschen tut er mir noch leid, ich kenne ihn ja gut, aber er lässt mir keine Alternative. Er oder der Roman.

Vielleicht sollte ich einen Friedhof für Charaktere einrichten, die nicht mehr unter uns weilen. Virtuelle Gedenksteine aufstellen. Vor allem für geliebte Figuren, die aus einem Manuskript gefallen sind, die gestrichen wurden, in anderen aufgingen, mit unvollendeten Manuskripten irgendwo in einem Stapel landeten. Keine schlechte Idee.

Ein andermal. Jetzt werde ich den entscheidenden Schritt tun und die Szene schreiben, in der es geschieht. Es wird leider nicht schmerzlos sein und nicht sehr schnell gehen, aber auch da hat er mir nicht viele Möglichkeiten gelassen.

Ruhe in Frieden. Ich habe viel von dir gelernt und die Welt durch deine Augen gesehen. Jetzt müssen wir uns trennen, damit ich den Roman beenden kann. Du spielst eine große Rolle darin, dein Tod ist ungewöhnlich und krönt dein Protagonistenleben. Das ist der beste Gedenkstein, den ich dir setzen kann.

 

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