Schlagwörter

, , ,


Spiegel; Grafik: Katarina PollnerIhrem Spiegelbild sah man das Alter nicht an. Sie legte den Kopf schief. Das Spiegelbild tat dasselbe und lächelte.

Anne versuchte, ihr Gesicht neutral zu betrachten. In einem Buch hatte sie gelesen, man solle zügig auf der Straße gehen und dann plötzlich zur Seite ins Schaufenster sehen. So könne man sich selbst wie eine zufällige Passantin erblicken und feststellen, ob man wirklich dick sei, eine schlechte Haltung habe oder zum Friseur müsse. Den Aufwand konnte sie nicht treiben. Der Handspiegel musste genügen.

Entschlossen legte sie den Spiegel weg. Es ging doch darum, wie jung sie sich fühlte. Und das war unverändert, ihr schien seit vielen Jahren. War das der vielkritisierte Jugendwahn? Wollte sie nicht reif werden?

Das Telefon läutete. Sie schaute aufs Display. Eine unbekannte Nummer. Ihr Herz machte einen Sprung, doch im nächsten Moment erkannte sie, es war nur ihre Schulfreundin Camelia.

„Alles Gute“, schrie Camelia. Sie hatte offensichtlich nie verstanden, dass beim Telefonieren der Schall mithilfe der Technik übertragen wurde. Als sie in München gewohnt hatte, war Anne schier das Trommelfell geplatzt. Zum Glück hatte Camelias Mann sie dann verlassen und sie hatte eine neue Liebe in Hannover gefunden, sehr viel näher an Berlin. Seitdem waren die Telefonate unangenehm, stellten aber keine Körperverletzung mehr dar. Seit ein paar Monaten überlegte Camelia allerdings, ob sie zu ihrer Familie nach Toronto ziehen sollte. In diesem Falle würde Anne keine Anrufe von ihr mehr entgegennehmen. Das wäre zu gefährlich.

„Ich wünsche dir das Beste zu deinem Ehrentag, Anne, vor allem Gesundheit, das ist ja das Wichtigste.“

Anne bedankte sich pflichtschuldig. Natürlich war es wichtig, gesund zu sein. Aber warum durfte sie nichts Weiteres mehr beanspruchen? Früher hatte man ihr Glück, Liebe, Abenteuer und weite Reisen gewünscht. War es so weit, dass sie froh sein sollte, wenn sie ohne fremde Hilfe zur Toilette fand?

Camelia ahnte nichts von diesen Gedanken. Sie stapfte trompetend weiter durch Annes Garten der Empfindlichkeiten. Endlich war es genug und sie legte auf. Unmittelbar läutete das Telefon erneut. War Camelia noch eine Banalität eingefallen?

„Ja“, sagte Anne scharf.

„Anne?“

Anne brach der Schweiß aus. Binnen Sekunden klebte der Hörer in ihrer Hand.

„Hallo, Anne, bist du da?“

„Ja“, brachte sie heraus. Sehr charmant, dachte sie.

„Geht es dir nicht gut?“ Sah er sie auch als eine alte, kranke Frau?

„Doch“, sagte sie schroffer als beabsichtigt.

„Störe ich?“

„Nein!“ Fast hätte sie so laut geschrien wie Camelia. Wie ungeschickt. Sie hatte den Impuls, schnell aufzulegen, um das Gesicht zu wahren. Soweit das noch möglich war.

Er stutzte, lachte (fand er sie lächerlich?) und wünschte ihr dann alles Gute. Wenigstens redete er nicht über ihre Gesundheit.

„Feierst du heute?“, fragte er.

„Es wird sich wohl nicht vermeiden lassen“, sagte sie und hätte sich ohrfeigen sollen.

„Mit der Familie?“

„Familie habe ich hier keine. Ich will das ganz klein halten. Ich mag solche Feiern nicht. Nur meine Nachbarn habe ich eingeladen.“

„Ach so, ich dachte, ich könnte …“

Sag was, dachte sie. Los, lade ihn ein!

„Aber wenn das nur so ein kleiner Rahmen ist, dann will ich nicht stören.“

Verzweiflung spülte ihren Mut hinweg. „Ok“, sagte sie. Ok?

„Dann verabschiede ich mich herzlich und wünsche dir einen schönen Tag!“ Er klang heiter oder schwang da eine Note von Enttäuschung mit?

„Vielen Dank“, sagte sie leise, nahm sich dann ein Herz: „Möchtest du nicht …“ Er hatte schon aufgelegt.

Im Handspiegel schaute sie zu, wie die Tränen über ihr Gesicht liefen. Das hast du davon, du blöde Kuh, sagte sie. Wie alt musst du werden, um endlich zu lernen, über deinen Schatten zu springen? Sie hatte so viele Chancen verpatzt in ihrem Leben. Immer war sie zu feige. Eine kleine Liebelei, kein Problem, aber sobald es wichtig wurde, trampelte sie die ganze Wiese platt, um bloß kein vierblättriges Kleeblatt übrig zu lassen. Sie hatte gehofft, dass sie es lernen würde. Eines Tages werde ich die sein, die ich sein will, und auf den zugehen, den ich liebe. Da war ihr Mantra gewesen, all die vielen Jahre. Der Erfolg? Das jämmerliche Telefonat von eben.

Es klopfte an der Tür und schon spazierte die Geburtstagsgesellschaft herein. Das taten sie immer an diesem Ort: klopfen und im selben Moment die Tür aufreißen. Als hofften sie darauf, sie mit blankem Hintern zu erwischen.

Frau Klein aus Zimmer 103 und Frau Schulz aus Zimmer 105 folgten der Pflegerin, die einen Kuchen mit einer einzigen Kerze darauf trug. Sie stellte ihn auf den Tisch.

„Pusten Sie aus, Frau Bredow, und wünschen Sie sich was“, sagte die Pflegerin. Anne tat wie ihr geheißen. „In einer Stunde kommt der Bürgermeister“, fuhr die Pflegerin fort. „Aber wir können uns ruhig schon ein Stück Kuchen genehmigen.“ Sie goss Kaffee aus einer Thermoskanne mit grellem Blumenmuster in die Tassen. „Jetzt lassen Sie uns anstoßen auf Ihren großen Tag und Ihnen vor allem Gesundheit wünschen. Auf die nächsten neunzig Jahre!“

 

Advertisements