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Tippen; Grafik: Katarina PollnerNacht für Nacht schläft sie ein und hört seine Finger auf der Tastatur tanzen. Es ist ein Schlaflied, dem sie sich nicht entziehen kann. Sie muss aufpassen, dass sie im Büro nicht einnickt, wenn ihre Kollegin vom Band tippt.

Sie lauscht dem Rhythmus der Fingerkuppen. Buchstaben fliegen an ihren Platz und fügen sich zu Worten zusammen. Auf dem weißen Grund des Monitors wachsen Bäume. Drei Helden schleichen durch die Dunkelheit. Ein Drache liegt regungslos unter dem dicken Laubteppich. Die Helden merken nicht, dass sich ein glühendes Auge von hinten auf sie richtet. Sie halten die Schwerter bereit, aber sie blicken nur nach vorn. Sie haben Glück, weil der Drache heute zu schläfrig ist, um sie zu verschlingen. Er schließt sein Auge und versinkt für hundert weitere Jahre in einem weißglühenden Traum. Die Helden sind im Grau zwischen den Bäumen verschwunden. Nur noch ein Prasseln von Buchstabenregen füllt die Luft. Sie nimmt einen tiefen Atemzug.

Wie schön, dass sie einen Poeten liebt, der sie ins Reich der Träume führt. Nacht für Nacht. Sie lässt sich sinken und findet sich erneut im Wald der Dämmerung.

Er horcht auf ihre Atemzüge. Ist sie endlich eingeschlafen? Zur Sicherheit tippt er noch eine Weile weiter. Er hat genug zu tun. Sinnloses Zeug, aber Kulafski gibt ihm Geld dafür. Er hätte nie gedacht, dass er soweit sinken würde. Aber ihm fiel nichts mehr ein und jeden Tag stundenlang zufällige Buchstabenkombinationen einzugeben, konnte er nicht länger ertragen. Also doch Auftragsarbeiten für Kulafski.

Heute zehn Leserbriefe zur Diskriminierung von Männern durch den Feminismus, sieben hat er schon geschafft. Einer weinerlicher als der andere. Er ist gut in Fahrt. Gestern war es schlimmer, da musste er fünf Kommentare schreiben, die die Klimakatastrophe leugneten, und fünf gegen die Evolutionstheorie und für den Kreationismus. Hoffentlich erscheint morgen wieder ein Artikel gegen Radfahrer in der Zeitung. Dazu fällt ihm am meisten ein, dabei fährt er selbst nur mit dem Rad und muss zumeist die Autofahrerseite vertreten. Man muss sich halt gut eindenken können. Alberne Szenarien und Wuttiraden fallen ihm eigentlich immer ein. In der Regel wird ausgelost, wer welche Meinung vertritt. Kurz vor Schichtbeginn bekommt er seine Anweisungen und dann muss er sein Soll erfüllen. Für einen Apfel und ein Ei, aber Beate ist glücklich und schläft ein.

Irgendwie müssen diese unendlich vielen Online-Kommentare ja zustande kommen, da hat er sich früher nie Gedanken drüber gemacht. Und letztlich glaubt doch eh niemand den Schwachsinn, den er von sich gibt. Sagt er sich. Es darf nicht anders sein.

Gestern hat er behauptet, Gott hätte falsche Dinosaurierfossilien gebastelt und in der Erde verbuddelt, um die Menschen zu verwirren. Wie ein wildgewordener Osterhase. Kein Mensch, der bei Trost ist, nimmt so etwas ernst. Insofern richtet er keinen Schaden an und, wie gesagt, Beate ist glücklich, das ist das Wichtigste. Solange sie seine Texte nicht sehen will, aber das hat sie nach der ersten Nacht nie wieder verlangt. Und damals hat er noch Gedichte geschrieben.

Nur eines hat er ausgeschlossen. Er wird niemals so einen rassistischen oder flüchtlingsfeindlichen Mist von sich geben. Sowas mach ich nicht, hat er zu Kulafski gesagt. Auf gar keinen Fall. Doch Kulafski hat nur gelacht. Keine Bange, sagte er, die Rechten, die schreiben ihren Schwachsinn freiwillig und unbezahlt. Das sind die einzigen, die keine Kommentarknechte bezahlen müssen.

Da war er erst erleichtert, dann wurde ihm schlecht.

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