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Liegestuhl; Grafik: Katarina PollnerIch sitze im Liegestuhl und trinke Bier. Die Sonne ist längst untergegangen und es geht los. Wenn nur nicht die Wolken wären. Ich starre in den Himmel und sehe Flecken aus Grau. Je länger ich hingucke, desto weniger kann ich erkennen. Ich blinzele, um meine Verkrampfung zu lockern. Ob man am Auge Muskelkater bekommen kann? Eine Bewegung im Augenwinkel – ich schaue schnell wieder nach oben. Ein Flugzeug zieht unter den Wolken dahin.

Es ist und bleibt zu wolkig und nun wird mir kalt. Nebenan setzt eine Theatergruppe seit Stunden Tausende Teelichtsäckchen auf ein Stück Tempelhofer Feld. Wenn sie morgen die Kerzen entzünden, wird es wenigstens unten ein paar Sterne zu sehen geben.

Ich hätte nach Gülpe fahren sollen, dem dunkelsten Ort Deutschlands. Das klingt nicht verlockend, aber bezieht sich hoffentlich nur auf die Abwesenheit von künstlichem Licht. Gülpe ist nicht weit weg von Berlin. Ich hätte den dunkelsten Ort Deutschlands an anderer Stelle vermutet, aber das gehört nicht hierhin.

Auch in Gülpe würde ich jetzt allerdings dumm dastehen mit all meinen Wünschen unter einer geschlossenen Wolkendecke, hinter der Sternschnuppen ungesehen zergehen.

Ich wickle mich in meine Jacke und bleibe entschlossen im Liegestuhl sitzen. Dieses Jahr werde ich eine Sternschnuppe sehen oder auch zwei. Wünsche genug habe ich mitgebracht und vorschriftsmäßig niemandem davon erzählt.

Mein Nacken tut weh. Ich atme hinein. Die Wolken flimmern vor meinen Augen. Wie viele Menschen sitzen heute wohl im Dunklen und starren mit schmerzendem Nacken nach oben? Haben wir keine dringenderen Probleme?

Millionen Menschen sind auf der Flucht, wir sind mitten im Klimawandel und ich will ein Klümpchen aus dem Weltraum verglühen sehen.

Ist das unwesentlich?

Selbst in Berlin erkennt man in klaren Nächten eine Menge Sterne. Ab und zu fliegt die Raumstation vorbei. Viel zu selten schaue ich nach oben. Dabei ist der Sternenhimmel gratis und verlässlich. Wir heben unseren Blick und da ist er – selbst wenn ihn die Wolken verdecken. Ich kann darauf vertrauen. Seit ich ein kleines Kind war und, statt zu schlafen, heimlich aus dem Fenster sah. Die Sterne warteten auf mich. Sie gehören uns allen wie die Luft und das Wasser, auch wenn das manche Konzerne anders sehen.

Je länger man in den Nachthimmel sieht, desto mehr Sterne erscheinen. Ich versinke in der Weite. Ich spüre: Die Erde ist ein kleiner Planet in einem Sonnensystem von vielen in einer provinziellen Gegend der Milchstraße, die sich mit anderen Galaxien in einem Tanz durch den Raum bewegt. Ich bin unendlich klein, aber ich bin Teil dieser großen Bewegung, wir alle sind es. Wir reisen auf unserem Planeten durch die Zeit und haben die Freiheit, gut zu leben oder uns die Hölle zu bereiten. Wie sind auf uns selbst gestellt, uns selbst verantwortlich. Wir sind erwachsen. Den Sternen ist gleich, was wir auf unserem Planeten tun, sie blicken ruhig auf uns herab. Für sie sind wir ohnehin nur eine kurze Episode, ein Aufblitzen im Augenwinkel.

Ist es nun irrelevant, in den Himmel zu sehen? Ganz im Gegenteil. Es ist genauso wichtig, wie mit Worten zu spielen, auf das Rauschen der Blätter zu hören oder ein Lachen zu teilen. Es bringt uns in Berührung mit dem Wesentlichen.

Eine Sternschnuppe habe ich dann übrigens doch noch gesehen. In der nächsten Nacht, als ich in alter Tradition, statt zu schlafen, aus dem Fenster sah. Und ja, ich habe mir etwas gewünscht, doch was, verrate ich nicht.

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