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Kauz; Grafik: Katarina PollnerJemand sprang vor ihr auf den Weg. Sie erschrak nicht, nachts im Wald war sie auf Überraschungen eingestellt. Aber sie hielt inne und versuchte zu erkennen, wer da stand. Sie sah ihn nur schemenhaft, grobkörnig, wie ein schlecht kopiertes Foto.

„Hallo du Schöne“, sprach er sie an. „Dein Bild hat meine Seele angefasst. Ich glaube, dass du sein kannst die Königin meiner Träume.“

Natürlich hörte sie das gerne. Solcherart romantische Begegnungen hatte der Waldbesitzer versprochen, als er ihr den Schlüssel vermietet hatte.

„Ich begrüße dich aus langer Ferne“, fuhr der Mann fort. Doch stand er scheinbar direkt vor ihr auf dem Weg. Sie lächelte und wartete ab.

„Aber der Räume Weiten nicht hindern ein Herz, das spricht. Ich suche seit müden Zeiten der Gefährtin, mit der ich meiner Sehnsucht teile. Und ich sehe, du die Richtige bist für zu fliegen in die Ewigkeit.“

Sie fand diese Formulierungen entzückend. Niemand sprach sonst so mit ihr. Also blieb sie stehen und ermutigte ihn. Er bemühte sich so sehr, ihr zu geben, was sie brauchte. Oder das, von dem er dachte, dass sie es brauchte. Fast hatte sie Mitleid und wollte das Gespräch schnell beenden, damit er sich anderen Frauen zuwenden konnte, die ihn entlohnen würden.

Sein Bild stand nahe vor ihren Augen, aber sie würde ins Leere fassen. Es war eine Schimäre. Der Dichter selbst saß auf einem anderen Kontinent in einem schwülen kleinen Zimmer und lenkte dieses Gaukelbild an unsichtbaren Fäden. Er sah sie nicht, sondern schickte seine Liebesschwüre ins Leere hinaus. Was für eine merkwürdige Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Wie stellte er sich sie vor? Oder verschwendete er keinen Gedanken daran, mit wem er sprach, und arbeitete nach festen Vorgaben seiner Vorgesetzten? Nutzte er Textbausteine? Warum waren diese dann so wunderbar verschroben? Sie zog es vor, sich vorzustellen, dass er sich gerne Geschichten ausdachte und es liebte, mit den Worten einer fremden Sprache zu spielen, selbst wenn es dazu diente, Frauen zu Willen zu sein, die er nicht kannte und nie kennenlernen würde.

Sie warf einen Blick auf den Beipackzettel an seiner Seite. Leider verfehlte sein Profil ihre Wünsche vollends. Wer hatte ihn darauf gebracht, dass sie davon träumte, einen US-amerikanischen Militärangehörigen zu treffen, der in einem Kriegsgebiet stationiert war, um einiges älter als sie und verwitwet, politisch konservativ und eng mit einer christlichen Kirche verbunden? Sie fand den Dichter in seinem schäbigen Hinterzimmer interessanter als den, der er vorgab zu sein.

„Ich lege mich dir vor die Fußsohlen, du Hübsche. Folge mir getrost in einen anderen Wald, in dem wir unsere unzerteilte Aufmerksamkeit haben“, flötete die Erscheinung.

Das war der Moment, in dem sie sich bedauernd verabschiedete. Im anderen Wald würde er sie ausrauben. Der Poet war ein Betrüger, einer, für den Frauen über vierzig aus reichen Ländern Geldbörsen auf zwei Beinen waren. Sie wusste das natürlich.

Dennoch wünschte sie ihm das Beste. Er hatte eine große sprachliche Begabung. Ein moderner Cyrano de Bergerac, auch wenn er die Objekte seiner Beschwörungen weder kannte noch respektierte. Vielleicht war er sogar eine Frau, fiel ihr ein. Aber da war sein Bild längst verblichen. Poeten hatten keine Zeit zu verschwenden.

Im Wald war es dunkel. Nur wenig Mondlicht erreichte den Boden. Sie musste aufpassen, um nicht über die Wurzeln zu fallen. Von den Ästen riefen Stimmen: „Hallo! Hallo!“ Sie beachtete sie nicht. Es klang wie ein nächtliches Konzert exotischer Vögel. Ein näherer Blick hätte die Illusion zerstört.

Sie streifte oft durch diesen Wald, brach auf mit Taschen voller Mut und Hoffnung und kehrte zurück mit blutigen Füßen. Immer wieder schwor sie sich, nicht mehr auf die Suche zu gehen. Doch einige Zeit später lockte es sie wieder hinaus.

Vielleicht hatte ihr die Großmutter diese Sehnsucht eingepflanzt. „Das Glück liegt am Ende des Regenbogens“, hatte sie gesagt. „Geh nur hin und grab es aus.“ Als Kind hatte sie nach dem Gewitter in den Himmel geblickt und den richtigen Weg gesucht, die Sandkastenschaufel fest im Griff. Aber sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte. Bis heute versuchte sie zu entdecken, wo der Regenbogen die Erde berührte.

Was die Männer betraf, hatte die Großmutter nicht in der Ferne nach dem Glück gegraben, sondern den flotten Justav aus der Umgebung genommen. Mag sein, dass sie selbst auch nicht den Weg zum Schatz gefunden hatte.

Der Wald, durch den sie wanderte, war ein unwirtlicher, dunkler Ort. Er war von einem hohen Zaun umgeben, durch den man hineinsehen konnte. Aber um den Wald zu erforschen, musste man einen Schlüssel zum Tor mieten. Viele taten das. Sie hörte die Schritte der anderen im Unterholz, aber sie konnte sie nicht sehen. Sie horchte auf die Stimmen zwischen den Bäumen. „Finde mich“, riefen manche in die Dunkelheit des Waldes, aber tarnten sich, so dass man nicht erahnen konnte, um wen es sich handelte. Und so blieben sie alleine und ihre Stimmen wurden heiser.

Sie stolperte wieder und wieder über das Wurzelwerk, das den schmalen Pfad überzog. Dann erreichte sie eine kleine Lichtung. Neben einem Feuerchen saß ein Einsiedler mit lüsternem Blick.

„Setz dich eine Weile“, sagte er. Und weil die Frau fußmüde war, gesellte sie sich hinzu.

„Erzähl mal was“, sagte der Einsiedler. Er stocherte mit einem dürren Stecken in der Glut.

Sie bemühte sich, ein Gespräch in Gang zu bringen, das recht zäh verlief, denn der Einsiedler trug nicht viel dazu bei. Gerade überlegte sie, wie sie sich höflich empfehlen konnte, da legte er den Kopf schief, leckte die Lippen und sagte: „Willst du wild ficken?“

Die Wendung des Gesprächs kam unvermutet. Sie stutzte verdutzt.

„Ach, du bist verklemmt und servierst die Männer ab. Ihr Frauen seid alle gleich. Schwanzfopper, Schwanzfopper“, schrie der Einsiedler, sprang auf und hüpfte von dannen, während er sexuelle Begrifflichkeiten von sich gab.

Auch das konnte die Frau in diesem Wald nicht mehr verblüffen. Doch für heute sollte sie es gut sein lassen. Ihre Geduld war erschöpft. Sie stand auf und hielt auf den Waldrand zu.

„Hallo, du!“, gurrte es von einem Ast in ihr linkes Ohr, aber sie ließ sich nicht beirren.

Vielleicht, dachte sie, hatte sie die falsche Einstellung. Das große Glück verbarg sich nicht in diesem Wald. Wenn doch, dann hatte es nicht vor, sich ihr zu offenbaren. Es narrte sie. Nein, der Waldbesitzer hatte sie genarrt, als er die Geheimnisse des verschlossenen Waldes in blumigen Worten angepriesen hatte. Einen stolzen Preis hatte sie für den Schlüssel bezahlt und nun hatte sie ihn noch ein paar Wochen zur Verfügung. Sie sollte das Beste daraus machen und ihre nächtlichen Spaziergänge genießen. Die Luft war lau, das Zwitschern melodisch, die Poesie schmeichelte ihr und auch ein freundliches Abenteuer hatte sie schon erlebt. Sie durfte nur nicht zu genau hinsehen. Dies war nicht das Ende des Regenbogens, aber es war ein Ort der wunderlichen Begegnungen. Und Wunderliches liebte sie doch.

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