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„Was ist loBonbon; Grafik: Katarina Pollners?“, fragt meine Kollegin.

„Ach, nichts Besonderes, ich muss nur einen Text schreiben.“

„Warum?“

„Weil ich es will.“

„Dann tu es.“

„Aber ich kann nicht.“

„Dann lass es.“

„Das will ich nicht.“

„Was ist das Problem?“, sagt die Kollegin, die eine geduldige ist, auch wenn sie mich für verrückt hält. „Dasselbe wie letzte Woche und wie in den Wochen zuvor?“

„So ungefähr. Aber doch anders“, sage ich und weiß nicht, wo ich beginnen soll.

„So anders wie in den Wochen zuvor?“

„Nein“, sage ich. „Es liegt an dem Thema, über das ich schreiben will.“

„Dann nimm ein besseres Thema.“

„Aber ich will über dieses Thema schreiben, weil es wichtig ist.“

„Wenn dir dazu nichts einfällt, wäre es besser, über etwas anderes zu schreiben als gar nichts.“

„Mir fällt dazu eine Menge ein, aber entweder ist es nicht witzig oder nicht originell oder banal oder moralisch oder oberflächlich oder alles zugleich.“

„Da weiß ich jetzt auch keine Lösung“, sagt die Kollegin. „Willst du ein Bonbon?“

„Nein danke.“

„Worum soll es denn gehen?“, fragt sie und wickelt ein Zitronenbonbon aus. Sie schubst es mit einer routinierten Bewegung in den Mund. Es klackt gegen die Zähne. Sie lutscht mit Hingabe und presst das Papier zu einem winzigen Knäuel zusammen, bevor sie es in den Papierkorb wirft. Sie gewöhnt sich wieder das Rauchen ab. „Willst du wirklich keins?“

„Nein danke.“

„Ich habe neulich gelesen“, sagt sie, und das Bonbon im hinteren Teil der Mundhöhle lässt ihre Stimme hohl klingen, „dass sie jetzt in Hamburg den Flüchtlingskindern die Geschlechtsteile vermessen. Um festzulegen, wer erwachsen ist. Was ist das denn für eine Schweinerei. Wenn die das mit meinen Kindern gemacht hätten, da hätten die aber was erlebt.“

„Die unbegleiteten Jugendlichen haben leider keine so taffe Mutter dabei“, sage ich.

„Wirklich, sowas kann man doch nicht zulassen. Und überhaupt, wenn die Penislänge mit dem Erwachsensein zusammenhängt, dann habe ich Unzucht mit Minderjährigen getrieben. Jahrelang, in meiner ersten Ehe“, sagt sie und lutscht heftiger.

Ich lache. „Du bist doch sonst nicht so böse.“

„Ich habe mich so geärgert, als ich das gelesen habe mit den Kindern. Das ist doch pervers. Wissenschaftlich ist da gar nichts dran, hieß es, aber trotzdem kann so ein Amt hergehen und armen Kindern in die Hose gucken lassen. Einfach, weil sie beschlossen haben, dass ihnen die Wissenschaft egal ist, und sie selbst festlegen, was ein Erwachsener ist.“

„Da hast du Recht“, sage ich.

„So wie ein Amt bestimmt, was eine echte Ehe ist. Sobald sie jemanden abschieben wollen, wissen sie das ganz genau. Ich habe das im Fernsehen gesehen. Die kommen und gucken in den Kleiderschrank. Die stellen Regeln auf: Man muss in einem Bett schlafen, wissen, was der andere für Kosmetik benutzt, wo er Pickel kriegt und was weiß ich. Sonst ist das keine echte amtliche Ehe. Nach diesen Kriterien lebe ich seit Jahren in einer Scheinehe. Klaus schnarcht wie eine Kettensäge. Obwohl er die Stirn hat, zu behaupten, ich wäre diejenige, die schnarcht. Das wüsste ich aber. Jedenfalls haben wir seit langer Zeit getrennte Schlafzimmer. Ein Segen ist das. Ich kann die ganze Nacht Krimis lesen und keiner mault. Aber wenn sie Klaus jemals fragen würden, was ich da nächtelang lese, hätte er keine Ahnung. Er weiß nicht mal, dass ich lese. Weil es ihn nicht interessiert. So wie mich sein Handball anödet oder war das Basketball, ich kann mir das nicht merken, und seine Freunde vom Schachklub. Wenn die uns mitnehmen würden, in zwei getrennte Zimmer setzen, mit einer Lampe anstrahlen und befragen, wir würden als geschiedene Leute wieder rauskommen aus dem Amt. Und wenn es nach dem Sex geht sowieso. Was ist da schon noch nach dreißig Jahren. Es ist eine Frechheit. Ich lebe in einer Scheinehe und niemand interessiert sich dafür, aber so arme Schweine werden schikaniert, obwohl sie sich vielleicht wirklich lieben, bloß weil sich der Mann nicht merken kann, welches Parfüm die Frau mag. Klaus hat mir immer die falsche Sorte von seinen Geschäftsreisen mitgebracht. Widerliches Zeug, das konnte ich nur wegschmeißen. Amtlicherseits sind wir also nicht verheiratet, würde ich sagen. Wahrscheinlich von Anfang an.“

„Aber weil ihr beide einen deutschen Pass habt, spielt das keine Rolle.“

„Ich finde das wirklich skandalös. Am liebsten würde ich meinen Status auf diesen dämlichen Formularen, die ich immer falsch ausfülle, schon beim ersten Feld schreibe ich statt dem Nachnamen den Vornamen hin oder umgekehrt …“

„.Geht mir genauso.“

„Von jetzt ab schreibe ich da jedes Mal hin: In Scheinehe lebend. Seit 1985.“

„Mach das, ich bin gespannt.“

„Ich mache das wirklich.“

„In der katholischen Kirche“, sage ich, „gibt es die Josefsehe, wusstest du das?“

„Ich bin evangelisch.“

„Ja, aber in der katholischen Kirche gibt es eine besonders, wie soll ich sagen, edle Form der Ehe, in der kein Sex stattfindet.“

„Ach, da könnte ich mit meiner Scheinehe wohl noch einen Blumentopf gewinnen?“

„Nein, Sexualität darf von Anfang an nicht sein.“

„Das habe ich jetzt zu spät erfahren. Was kriegt man denn für so eine Josefsehe?“

„Keine Ahnung. Anerkennung? Bonusrabatt im Fegefeuer? Ich war früher auch evangelisch und kenne mich nicht aus mit sowas. Auf jeden Fall wäre eine Josefsehe für das Ausländeramt doch eine Scheinehe.“

„Also bleibt sich alles gleich.“

„Nur dass früher die Kirche willkürlich die Normen festgelegt hat und heute anscheinend die Behörden. Und weil sie das nicht für alle tun, sondern für Leute, die um ihr Aufenthaltsrecht kämpfen, regt sich kaum einer auf über diesen Wahnsinn. Es gibt keine unstrittigen Kriterien für eine echte Ehe. Da würden wir uns nie einig in der Gesellschaft. Schon gar nicht, wenn wir die Wahrheit sagen würden. Die meisten Eheleute würden sich verbitten, zu ihrer Lebensweise befragt zu werden. Das geht keinen was an, würden sie antworten. Recht haben sie. Es gibt auch keine unstrittige wissenschaftliche Methode, um festzustellen, ob ein Körper schon achtzehn Jahre alt ist oder noch nicht. Weder echte Liebe noch das biologische Alter lässt sich eindeutig klassifizieren. So ist das Leben. Aber anstatt das zu akzeptieren, gehen die Behörden daher und machen ihren eigenen Katechismus. Nicht mehr Kardinäle, sondern Verwaltungsbeamte legen heute apodiktisch fest, was richtig und falsch ist. Und entscheiden über das Schicksal von Menschen in Not. Wenn eine Person nicht in ihr Raster passt, dann ist die eben falsch, nicht das Raster.“

Die Kollegin beginnt abzuschweifen, meine Überlegungen werden ihr zu abstrakt.

„Jedenfalls ist es eine Schweinerei“, stellt sie abschließend fest. „Aber eigentlich wolltest du doch über deinen Text reden. Worum soll es denn gehen?“

„Um Einwanderung und Flüchtlinge“, sage ich. „Um Offenheit, Gerechtigkeit und die Bereitschaft, die eigenen Verhältnisse zu überdenken. Um Entwicklungen, die mich sprachlos machen.“

„So ein schwieriges Thema. Kein Wunder, dass du dich quälst. Mich machen schon diese Penisvermessungen und Scheinehen ganz wirr im Kopf“, sagt sie. „Willst du nicht doch ein Bonbon?“

Diesmal nehme ich an.

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