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Voller RE„Ich zuerst, ich zuerst.“

Mein Fahrrad wurde durchgerüttelt, Blech schabte an Gummi. Ich hielt den Lenker fest, versuchte mich umzudrehen und prallte mit der Stirn gegen ein schweißnasses T-Shirt. Die Brille konnte ich später trockenwischen. Jetzt musste ich erstmal rein.

Ich schaffte es nun doch, hinter mich zu blicken. Das T-Shirt gehörte zu einem Mann mit Zottelbart, der einen riesigen Ballen Gepäck auf einer Sackkarre hinter sich her zog. Beziehungsweise das versuchte, denn zwischen ihm und der Karre waren mein Fahrrad und – den Schreien nach zu urteilen – die Körper diverser Fahrgäste eingeklemmt. Er wollte den Widerstand brechen, indem er mit aller Kraft am Handlauf der Sackkarre riss. „Ich zuerst“, stieß er wieder und wieder hervor. Es gab einen Ruck, mein Fahrrad riss sich los und schoss ein Stück an mir vorbei. Es prallte an einen der Schrankkoffer, die quer im Abteil standen. Die Sackkarre rollte über meinen linken Fuß. Im Gepäck mussten Kanonenkugeln sein. Doch um meine gebrochenen Knochen konnte ich mich später kümmern, erst musste ich rein ins Fahrradabteil. Auf mir lehnten fünf Passagiere, zwei Fahrräder, ein Rucksack und ein Zelt, doch die Sackkarre war frei. Der Mann zog sie herum und stieß sie gegen die Beine der beiden Rentner, die sich an die futuristische Toilettentür pressten und nicht wussten wohin. Vom Bahnsteig drängte noch eine Traube Menschen, Gepäck und Fahrräder ins Wageninnere.

Ein ganz normaler Samstag auf der Fahrt ins Grüne. Eine halbe Stunde später waren alle Räder aufeinandergestapelt, ein paar Fahrgäste ohne Gepäck saßen maulend dazwischen eingekeilt. Wir hatten gelernt, sie nicht zu beachten. Ich selbst hatte einen Sitzplatz auf der Treppe ergattert. Eine Frau stand vor der untersten Stufe. „Lassen Sie mich durch!“, rief sie. Wir hielten eine Gasse frei, aber darum ging es nicht. Sie wollte, dass wir uns in Luft auflösten. Alle. „Lassen Sie mich durch!“ Hoffentlich würde sie nicht mit der Handtasche um sich schlagen, die sie umklammerte. Ihre Nerven lagen blank. Nicht alle waren Profis in Sachen Regionalexpress.

War der Kampf früher auch so hart gewesen? Mir schien, die Fahrrad- und Mehrzweckabteile wurden stetig kleiner, während die Zahl der Passagiere anstieg. Vielleicht war es nur verklärte Erinnerung?

„Der Horror. Jeden Sommer dasselbe Spiel. Zuwenig Platz, der ungeschickt aufgeteilt ist. Je mehr Radfahrer, desto weniger Stellplätze. Nur die Preise nehmen zu“, sagte der Mann in knappem Fahrradhöschen und giftgelbem Trikot auf der Stufe über mir. „Wer denkt sich sowas aus? Den würde ich gerne kennenlernen.“

„Tatsächlich?“ Ein Mann mit kariertem Hemd und Wanderhose stand plötzlich neben uns. „Gestatten, Knupke! Sehr erfreut.“

„Hä?“, sagte der gelbe Radler.

„Sie wollten mich doch kennenlernen!“

„Sie? Bestimmt nicht. Ich bin hetero.“

Der Mann im karierten Hemd lachte herzlich.

„Nicht doch, ich bin derjenige, der sich das ausgedacht hat!“

„Was?“

„Na, das hier.“ Knupke fasste uns alle in eine weite Armbewegung.

„Nie im Leben, der würde sich hier nicht reintrauen. Aus Angst gelyncht zu werden.“

Der Mann im karierten Hemd lachte, bis ihm die Tränen kamen. Ich war beruhigt. Ein ganz normaler Verrückter. Ich kramte nach meinem Krimi.

„Ach was“, sagte der Verrückte, als er wieder zu Atem kam. „Bedanken sollten Sie sich bei mir.“

„Für meinen zerquetschten Fuß?“, fragte ich.

„Wir wollen mal nicht übertreiben“, antwortete Knupke. „Ein paar Schrammen sind nicht immer zu vermeiden. Aber stellen Sie sich vor: ein geräumiges Abteil, sichere Stellplätze für Räder in ausreichender Zahl, eine Klimaanlage, die für eine angenehme Temperatur sorgt, Sitzplätze, Pünktlichkeit, Ruhe und Entspannung.“

Ich wollte es mir nicht vorstellen, die Realität war zu grauenhaft im Kontrast.

„Furchtbar“, sagte Knupke. „Einfach entsetzlich.“

„Ja“, sagte der Radler. „Und es wird immer schlimmer. Wenn Sie wirklich damit zu tun haben, dann geben Sie meine Beschwerde weiter!“

„Sie verstehen mich falsch“, sagte Knupke. „Dies hier ist nicht schlecht, dies hier ist das wahre Leben.“

„Das Leben ist immer das wahre Leben“, warf ich ein.

Knupke hielt kurz irritiert inne, dann fuhr er fort. „Es wurde mir klar, als ich im Erster-Klasse-Abteil zu einer Dienstbesprechung fuhr. Der ICE schlingerte sanft, während er mit Höchstgeschwindigkeit durchs Land schoss. Er glitt in die Bahnhöfe hinein, die Türen öffneten sich leise und automatisch, die Fahrgäste stiegen mit einem kleinen Schritt ein und aus. Jeder fuhr für sich in seiner Blase aus Sicherheit und Routine. Kein Kontakt, keine Sinnlichkeit. Teppichboden dämpfte die Tritte und selbst mein Sitz war weich gepolstert.“

Die Kante der nächsten Stufe bohrte sich schmerzhaft in meinen Rücken. Ich versuchte, meine Stellung zu variieren, dabei touchierte ich jedoch mit dem Knie den Rücken der Frau unter mir. Ich entschuldigte mich und lehnte mich wieder in den Schmerz hinein. Ich würde ja nur noch eine Stunde lang fahren. Danach konnte ich meine Schäden inspizieren.

Knupke fuhr fort: „Wo war die Eisenbahn geblieben, die mich als Bub in ihren Bann gezogen hatte? Der animalische Geruch der Gleise in der Sommerhitze, das Wummern der Diesellocks, Männer mit großen, ölverschmierten Händen, die die Waggons abkoppelten. Und drinnen das Gewimmel, Qualm, der aus den Raucherabteilen waberte, klemmende Fenster, die von starken Armen aufgewuchtet wurden, dann eine wilde Böe, die die Röcke aufbauschte, Kloschüsseln, durch deren Öffnung man das vorbeieilende Gleisbett sah, intime Abteile, in denen man Knie an Knie hockte und Lebensgeschichten austauschte …

Ich erkannte: Diese Intensität ist der Markenkern der Eisenbahn! Wir dürfen ihn nicht verlieren. Schnell fand ich in Eisenbahnerkreisen Gesinnungsgenossen, wir nutzten unsere Beziehungen und ein paar Jahre darauf entstand die interne Planungsgruppe A&B: Abenteuer und Begegnungen für den vereinzelten Bahnreisenden des Internetzeitalters. Damit man wieder etwas zu erzählen hat nach einer Bahnreise. Damit menschliche Kontakte entstehen. Damit man sich näher kommt.“

Die Beine des gelben Radlers waren dicht behaart. Seine Knie schwebten wenige Zentimeter neben meinem Kopf. Zu allem Elend trug er Socken in den Spezialfahrradschuhen. Ich schloss die Augen.

Knupke redete weiter. „Leider konnten wir nicht allzu drastische Eingriffe vornehmen, dazu war und ist die Zeit noch nicht reif. Doch sorgten wir dafür, dass die Klimaanlagen unberechenbar sind. Ein paar Stunden in einem überhitzten ICE, das schweißt im wahrsten Sinne des Wortes zusammen! Auch an Verspätungen, technischen Defekten und Zugausfällen haben wir gearbeitet. Man weiß nie, was einen erwartet, wenn man eine Fahrt antritt. Am meisten haben wir im Bereich des Regionalverkehrs geleistet. Wir verdichteten den Platz vor allem in den Kontaktbereichen, also den Mehrzweckabteilen, wo alle aufeinandertreffen: Radler, Rollstuhlfahrer, Reisende mit schwerem Gepäck, Kinderwagen. Teilweise gelang es uns sogar, die Toilettentüren an der engsten Stelle dieses Bereichs zu platzieren. Hier sind Meeting Points entstanden. Die Reisenden kommen in Kontakt, sie tauschen sich aus. Keine Anonymität, kein halbbewusstes Dahingleiten in der Komfortzone mit dem Handy vor der Nase. Das ist Lebensqualität.“

„Hören Sie“, sagte der Radler, „ich glaube ihnen kein Wort und da können Sie froh sein. Aber ich rate Ihnen, mit dem Gerede aufzuhören, sonst brennt jemand die Sicherung durch und es ist vorbei mit Ihrer Lebensqualität. Heiß genug ist es hier drin.“

Das stimmte. An den Waden des Radlers hatten sich kleine Schweißtröpfchen gebildet.

Knupke zwinkerte. „Gut beobachtet. Ich sage nur Projekt Death Valley (DV)! Sie wissen das nicht zu schätzen, ich weiß. Aber wir setzen uns unermüdlich ein, um Ihr Leben zu bereichern.“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „Jetzt muss ich aber. Unsere neueste Aktion. Habe die Ehre.“ Er schob sich geschickt durch die Menge und verschwand durch die Tür zum nächsten Waggon.

Ein paar Minuten später bremste der Zug ab und blieb auf freier Strecke stehen. Wir stöhnten. Mein Fuß pochte und mein Rücken tat weh. Die Sonne brannte auf den Zug herunter. Die Schweißperlen auf den Waden des Radlers rannen nach unten und versickerten in den Socken. Meine Finger klebten an den Seiten des Krimis fest. Endlich quietschten die Lautsprecher. Es rumpelte, dann sprach eine Stimme zu uns. War es Knupke?

„Liebe Fahrgäste, leider haben sich ein paar Wisente auf die Gleise verirrt. Es kann eine Weile dauern, die Strecke behutsam wieder freizumachen. Die scheuen Tiere dürfen nicht verschreckt werden. Wir durchqueren gerade ein Naturschutzgebiet, in dem besagte Wisente, Wildpferde und Wasserbüffel zur Landschaftspflege angesiedelt werden. Schauen Sie während der Wartezeit ruhig aus dem Fenster, vielleicht erspähen Sie eines der interessanten Tiere. Dazu ist selten Gelegenheit. Viel Glück! Thank you for travelling with Deutsche Bahn.“

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