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winkekatze

Ich habe mir einen Burkini gekauft. Den gab es direkt bei mir nebenan, im Laden für islamischen Fachbedarf. Manchmal ist es praktisch, in einem multikulturellen Viertel zu wohnen.

Der Burkini ist aus einem dünnen, elastischen Material. Über einer wadenlangen Hose, ähnlich einer zu weiten Leggings, hängt ein Oberteil bis auf die Hälfte der Oberschenkel herab. Die Ärmel sind lang und bei Bedarf kann ich mir eine enge Kapuze überziehen. Vorne ist ein riesiges, glitzerndes Ornament aufgedruckt, aber man muss Kompromisse machen.

Mit diesem Burkini werde ich im Sommer an den Strand gehen. Bislang habe ich das im Badeanzug getan, aber da hatte ich dieses Lied noch nicht gehört. Ein Lied kann dein Leben verändern.

Es traf mich mit voller Wucht. Vielleicht lag das daran, dass die Bässe besonders stark aufgedreht waren, damit das schon etwas ältere Publikum gut hören konnte. Ich war auf Wegen, die hier nichts zur Sache tun, bei einem bunten kulturellen Abend gelandet. Der Auftritt der Sängerin stellte den Höhepunkt dar. Zur Begrüßung verkündete sie uns, wie viele Kilos sie in den letzten Jahren abgenommen hatte. Das Publikum applaudierte frenetisch. Ihre hart erkämpfte neue Figur hielt die Sängerin mit Miederwaren zusammen, die rutschten und ab und zu hochgeruckelt werden mussten. Auch das gefiel dem Publikum.

Ich wartete darauf, dass die Sängerin singen würde. Dazu war sie schließlich hier. Würde sie das erste Lied Diätprodukten oder der Schlankstützwäsche widmen? Nein.

Sie hielt einen Arm waagerecht vor den Körper und stupste mit der Hand an den Oberarm. Es wackelte. „Was ist das?“, fragte die Sängerin. „Ein Winkearm“, antwortete sie sich selbst. „Ein widerlicher Winkearm.“ Mit Hungern und Training sei diesem Winkearm einfach nicht beizukommen. Das Publikum brüllte vor Lachen. Sängerin und Publikum waren sich einig: Schwabbelige Oberarme sind ekelhaft. Eine Geißel des fortgeschrittenen Alters, die vor allem Frauen trifft und sie lächerlich macht.

Ich schaute mich um. Unter den Jacketts und Kostümjäckchen konnte ich nicht viel erkennen, aber ich war mir gewiss: Von allen Oberarmen im Raum waren meine die schlimmsten. Es war mir nicht neu, dass sie eine gewisse Substanz haben, aber jetzt, während das Publikum um mich her den Winkeärmchenrefrain mitgrölte, wurde mir klar, was für eine Monströsität ich da mit mir herumtrug.

Vermutlich war ich die Frau mit den hässlichsten Oberarmen der Welt. Gut, dass ich einen Winterpullover anhatte. Ich schwor mir, fortan auch im Hochsommer mindestens halblange Ärmel zu tragen. Je länger das Winkeärmchenlied anhielt – und es hatte viele Strophen -, desto abstoßender erschienen mir faszinierenderweise auch meine Oberschenkel, meine Waden, ja selbst die Unterarme hatten ihre Scheußlichkeiten. Ich würde mir ganz generell Gedanken über meine Garderobe machen müssen. Doch zunächst blieb es dabei: Keine Sonnentops, keine ärmellosen Kleider, keine Badeanzüge oder gar Bikinis mehr.

Auf dem Nachhauseweg fiel mir ein Spruch ein, der auf Facebook immer wieder die Runde macht: Der Weg zu deinem perfekten Bikinikörper? A. Du hast einen Körper. B. Du ziehst einen Bikini an. C. Fertig.

Was für eine frivole Einstellung. Ich stellte mir einen Strand vor, an dem Frauen und Männer in allen Formen, Größen und Farben ihre Problemzonen zu Lieblingsstellen deklariert hatten und sie unverschämt präsentierten. Sie zeigten sich, wie sie waren, und mochten sogar ihre Winkeärmchen. Ihr Bindegewebe hatte eine Menge geleistet, seit sie auf die Welt gekommen waren. Sie hatten ihre Körper erlebt, erfeiert und erarbeitet. Und sie durften das Leben mit diesen Körpern genießen, ohne dass sich jemand daran störte. Eine verführerische Vorstellung. Doch ich glaube, für diesen Sommer bin ich noch nicht bereit.

Stattdessen kaufte ich mir den Burkini. Doch als ich ihn zu Hause anprobierte und mich im Spiegel betrachtete, kamen mir Zweifel. Soll ich das wirklich am Strand tragen? Was war mit meinen Wurstfingern, mit meinen schrecklichen Zehen, mit den Grübchen am Kinn? Die konnte immer noch jeder sehen. Ich sollte auch den Burkini nur zu Hause anziehen.

Vielleicht führen sie im Laden nebenan richtige Burkas wie in Afghanistan. Mit Handschuhen wäre das die Lösung, nicht nur am Strand. Wenn ich so an meinem Arbeitsplatz erscheine, wird das zwar zu Missverständnissen führen, aber wahrscheinlich sind sie doch erleichtert, dass ihnen mein Anblick in Zukunft erspart bleibt. So ein tragbares Zelt ist ein Stückchen Zuhause für Unterwegs. Bleibt nur zu hoffen, dass das Kopftuchverbot weiterhin aufgehoben bleibt.

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