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Uhrzeiten„Ich habe heute Morgen ferngesehen.“

Hatte die Chefin Iris einbestellt, um ihr das mitzuteilen?

„Mir ist etwas aufgefallen“, fuhr die Chefin fort. In der Spannungspause, die sie einlegte, hörte man den Sekundenzeiger der Wanduhr vorrücken. Mit jedem Ticken sanken Iris Augenlider ein Stück nach unten.

„Ich sollte öfter fernsehen. Dabei habe ich in kurzer Zeit viel gelernt, vor allem aus der Werbung. Haben Sie darauf geachtet? Ständig wird über Zeit geredet. Fertiggerichte werden danach benannt, wie lange es dauert, sie zuzubereiten, Make-up und Medikamente nach der Geschwindigkeit ihrer Wirkung. Es geht darum, wie schnell die Hausarbeit erledigt ist, etwas im Internet bestellt, ein Liebespartner gefunden, wie lange man für einen gewissen Betrag ununterbrochen mit seinem Handy reden kann, wie stark die Haut in wie vielen Stunden altert. Das ist wichtig!“

Iris nickte, obwohl sie keine Ahnung hatte, wohin dieses Gespräch schweifen würde. Wenn es ein Ziel hatte, näherte es sich ihm auf verschlungenen Pfaden, vielleicht um Verfolger abzuhängen.

„Die Menschen sind unsere Kunden“, sagte die Chefin.

Durch Wiederholung wird eine Meinung nicht weniger fragwürdig. Sie stellten die Zeit nicht her, sie verkauften sie nicht, sie verwalteten sie lediglich. Die Menschen hingen darin fest, ohne eine Wahl zu haben. Sie folgten einer einzigen Dimension in Richtung eines Punkts, den sie Zukunft nannten, und waren blind für alle anderen Stränge. Iris und ihre Kolleginnen achteten darauf, dass die menschliche Zeit nicht gekreuzt wurde oder abbrach, räumten temporale Schienen aus dem Weg, schnitten Ungleichzeitigkeiten zurück und dichteten Lecks, aus denen Verschiebungen nach oben sickerten. Währenddessen trotteten die Menschen Stunde um Stunde an ihnen vorbei, ohne etwas zu bemerken.

„Unsere Kunden sollten wir ernst nehmen“, sagte die Chefin. Hatte sie in der Zwischenzeit weitergesprochen? „Kunden“, fuhr sie fort, „müssen dort abgeholt werden, wo sie stehen. Was wissen wir über die Bedürfnisse der Menschen? Welche Stunden bevorzugen sie, welche lehnen sie ab? Wie können wir ihnen ihre Tage angenehmer machen? Welchen Stunden sollten wir mehr Raum geben?“

„Aber“, wandte Iris. „Wie …“

„Das ist es, was uns bremst“, sagte die Chefin. „Bevor wir überhaupt hinsehen, entdecken wir Probleme. Einen Schritt nach dem anderen und nicht auf die Schwierigkeiten, sondern auf die Chancen blicken. Positives Denken!“

Iris würde nicht noch einmal den Mund aufmachen.

„Heute Morgen beim Betrachten der Werbung“, die Chefin hatte ihren roten Faden wiedergefunden, „stutzte ich, als es hieß, immer um dieselbe Zeit, ich glaube, es war um halb zehn Uhr vormittags, würden Menschen in Deutschland eine Pause einlegen und gezuckerte Lebensmittel zu sich nehmen. Es schien eine Art Gesetz zu sein. Haben wir dazu Erkenntnisse? Ich konnte im Informationssystem nichts finden. Warum weiß ein Schokoriegelhersteller mehr über die Zeit als wir? Wir sind die Experten oder sollten es sein. Doch wir sind so gut wie ahnungslos. Das müssen wir ändern.“

Wir? Iris ahnte, dass sie es sein würde. Irgendein sinnloser, aber zweifellos äußerst unangenehmer Auftrag würde sie ereilen.

„Wir gehen auf die Menschen zu. Wir fragen, was sie von den Zeiten des Tages halten, und sammeln die Antworten. In den nächsten Monaten werden Sie für uns durch die Welt der Menschen streifen und die Geschichten registrieren, die sie mit den Stunden verbinden. Damit wir wissen, was sich unsere Kunden, die Menschen, wünschen.“

„Und wenn jede und jeder etwas anderes will?“

„Nicht so negativ. Natürlich gibt es Muster und Profile, sobald wir nur genügend Daten haben. Konzentrieren Sie sich fürs Erste auf Deutschland und beginnen sie mit morgens von neun bis zehn Uhr, da haben wir schon Anhaltspunkte. Dann folgen Sie dem Lauf der Uhr.“

„Und die Zehntelsekundenabrechnung?“

„Die soll jemand anderes übernehmen. Ich warte auf Ihre Berichte.“

Die Kolleginnen waren nicht erfreut, dass die Abrechnung an ihnen hängen blieb, aber sie bedauerten Iris um ihre unmögliche Mission.

„Welchen Zweck soll das haben?“, fragten sie.

Iris zuckte mit den Achseln. „Ergibt denn nicht alles hier in Wirklichkeit gar keinen Sinn?“

Nach kurzem Schweigen flackerte Lachen auf. Mesembria hob ihre Tasse und prostete den anderen zu: „Auf die Sinnlosigkeit des Tuns im Kontinuum der zerfließenden Zeit!“

An diesen Toast sollte Iris in den nächsten Monaten noch oft zurückdenken.

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